04.03.2021

900 Jahre jüdischen Lebens in Thüringen

Mit „älteren Geschwistern“ verbunden

Bis zum 30. September stehen 900 Jahre jüdischen Lebens in Thüringen im Mittelpunkt eines Themenjahres. Die Kirchen lassen aus diesem Anlass eine neue Torarolle anfertigen, die bei den Gottesdiensten in der Erfurter Synagoge genutzt werden soll. Bischof Neymeyr brachte seine Freude über heutiges jüdisches Leben zum Ausdruck.

Das Schreiben des ersten Buchstabens der neuen Torarolle.    Foto: imago/Karina Hessland

 

Bis zum 30. September stehen 900 Jahre jüdischen Lebens in Thüringen im Mittelpunkt eines Themenjahres. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland und das Bistum Erfurt haben ihre Teilnahme und Unterstützung zugesagt. Zentrales Projekt der Kirchen ist dabei die Finanzierung einer neuen Torarolle für die Erfurter Synagoge. Dafür wurde ein Toraschreiber beauftragt. Die Tora umfasst die ersten fünf Bücher der hebräischen Bibel und gilt den Juden als ihr wichtigster Teil. Seit Oktober 2019 arbeitet Reuven Yaacobov an der neuen Rolle für Gottesdienste in der Synagoge. Der Text wird innerhalb von zwei Jahren von Hand auf Pergament geschrieben.

Freude über jüdisches Leben heute
Bischof Ulrich Neymeyr wies aus Anlass des Schreibens des ersten Buchstabens im Oktober darauf hin, dass in Thüringen die Juden, ihre Feste und ihre Kultur in vielfältiger Weise geschätzt werden. „Viele Veranstaltungen in diesem Jahr und in der Vorbereitung darauf sollen die Freude über jüdisches Leben hervorheben. Es ist uns Christen auch wichtig, das gute geschwisterliche Miteinander mit den Juden in Erfurt und in Thüringen lebendig zu gestalten.“ Papst Johannes Paul II. habe die Juden als „ältere Brüder“ angesprochen, betonte der Bischof. Und er fügte hinzu: „Wir sind uns aber auch unserer Schuld am jüdischen Volk bewusst und kennen die christlichen Wurzeln des Antisemitismus und des Judenhasses. Die geistigen Brandstifter des furchtbaren Pogroms von 1349 haben auch im Erfurter Dom ihre Spuren hinterlassen, die wir nicht einfach ausradieren können und wollen. Am 10. November 1938 sind die christlichen Erfurter wie jedes Jahr zur Martinsfeier auf den Domplatz geströmt, vorbei an den rauchenden Trümmern der Synagoge und über die Glasscherben zerstörter jüdischer Geschäfte.“
Gerade die Torarolle werde aber auch zu einem Zeichen der Verbundenheit zwischen Christen und Juden. Neymeyr erinnerte dabei an den damaligen Dompropst Joseph Freusberg, der die Torarolle der Erfurter Synagoge im Kohlenkeller der Severi-Kirche auf dem Domberg versteckte, wo sie die Barbarei der Nazi-Diktatur überstand. „Heute geben wir nicht eine verrußte Torarolle zurück, sondern heute beginnt der Prozess des Schreibens einer neuen Torarolle, mit der wir die menschliche und geistliche Verbundenheit mit unseren älteren Geschwistern zum Ausdruck bringen und pflegen wollen.“
Auf Anregung und in Abstimmung mit der jüdischen Landesgemeinde und den christlichen Kirchen wird das Themenjahr „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“ bewusst in den zeitlichen Zusammenhang mit dem 1700-jährigen Jubiläum des Dekrets von Kaiser Konstantin an den Rat der Stadt Köln aus dem Jahre 321 gestellt, das die dort lebenden Juden zur Übernahme von Ämtern des städtischen Magistrats berechtigte. Wenngleich nicht 1700 Jahre umspannend, finden sich doch auch im heutigen Thüringen viele Jahrhunderte zurückreichende Zeugnisse jüdischen Lebens und vielfältiges jüdisches Erbe in den reichsstädtischen Zentren des Mittelalters, auf dem Lande und den Residenzstädten der Neuzeit.
Auf der Homepage des Freistaates wird darauf hingewiesen, dass das Themenjahr in Ergänzung zur im Land fest verankerten Erinnerungskultur an die Verfolgung und Ermordung der Juden insbesondere im 20. Jahrhundert den Blick auf die fruchtbaren historischen Kapitel jüdischen Lebens hierzulande lenken will. Zudem soll das Bewusstsein für den Wert und das Potenzial gestärkt werden, das sich aus einem reichhaltigen jüdischen Leben in Thüringen ebenso wie aus einem guten Miteinander zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Thüringern ergebe.

Antisemitismus nicht hinnehmen
Der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, wies in seiner Ansprache zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar in der Jüdischen Landesgemeinde auf den christlichen Antijudaismus und den systematischen Massenmord an den Juden Europas im Zweiten Weltkrieg hin. Kramer betonte: „Die geschichtliche Schuld und die historische Verantwortung begleiten und leiten uns. Was Deutsche und was Christen einander und anderen, Juden vor allen anderen, antaten, bleibt in unserer Erinnerung, auch wenn wir es vergessen möchten und versuchen, nicht darüber nachzudenken.“
Mit Blick auf die andauernden Diskussionen um Covid-19 betonte der Landesbischof, dass nicht jeder Verschwörungsglaube antisemitisch sei, aber jede Form von Antisemitismus werde immer auch von Verschwörungsunterstellungen begleitet. „Und so verschmelzen die Lügen und Vorwürfe und stabilisieren sich gegenseitig. Wir können nicht wegschauen. Es gilt, zu widerstehen. Denn das böse Gerücht lebt. Lügen haben kurze Beine, aber einen sehr langen Atem.“ Es müsse Teil aller christlichen Praxis werden, regelmäßig alle Lebensbereiche abzuklopfen und zu fragen: „Wo habe ich einem jüdischen Witz nicht widersprochen? Wo haben auch mir die Augen geleuchtet, als einer Rothschild sagte? Wie habe ich reagiert, als der Wirt in der Kneipe plötzlich vom jüdischen Finanzkapitel sprach? Wann und warum bin ich selber anfällig für diese toxische Denke? Was steht hinter meinem blinden Zorn, welche Erfahrung von Ohnmacht und Einsamkeit?“ Keiner dürfe weggucken, so Kramer weiter. „Das müssen wir Christen lernen, zuerst an uns selbst. Das müssen wir üben. Es ist ein langer Weg, und wir sind noch nicht am Ende. Aber wir werden verhindern , dass Antisemitismus ungehindert Wurzeln schlägt in der Mitte der Gesellschaft.“
Mit Blick auf das aktuelle Themenjahr betonte Friedrich Kramer: Trotz aller Gefahr, die für Juden so viele Jahrhunderte von Christen ausging. Juden und Jüdinnen leben in Thüringen und nennen es ihre Heimat. Dafür danke ich Gott. Dass es so bleibt, ist mir nicht nur ein Herzensanliegen, sondern Christen und Menschenpflicht.“
Das Internet-Themenportal „Menora – Jüdisches Leben in Thüringen“ bietet aktuell einen interaktiven Zugang zum vielfältigen jüdischen Erbe und der gelebten jüdischen Kultur der Gegenwart. Zentrales Element ist eine virtuelle Karte historischer und aktueller Orte und Gebäude, darunter Synagogen, Schulen, Friedhöfe, Mikwaot. Zudem besteht die Möglichkeit, einen Veranstaltungskalender für Ausstellungen, Konzerte, Performances und temporäre Kunstinstallationen zu nutzen. Ein besonderes Format im Portal ist die Digissage, ein virtueller Ausstellungsraum, der Veranstaltungen in Form von Audio- und Videoformaten sowie Ausstellungen dokumentiert und langzeitarchiviert. Ebenfalls finden sich Hinweise auf eine Vielzahl von Aktivitäten engagierter Bürgerinnen und Bürger Thüringens, Vereine und Organisationen mit vielfältigen Projekten.

Informationen im Internet finden sich unter: www.juedisches-leben-thueringen.de

Von Holger Jakobi