11.04.2019

Erzbischof Koch über sexuellen Missbrauch im Erzbistum

„Wir müssen dazu stehen“

Verbrechen, die die Frohe Botschaft verdunkeln: Erzbischof Koch sprach mit dem Tag des Herrn über sexuellen Missbrauch im Erzbistum, die ergriffenen Maßnahmen und seine Gespräche mit Opfern und Tätern.

Erzbischof Heiner Koch: „Ein Verbrechen ist ein Verbrechen, egal wer es begeht.“ | Foto: Walter Wetzler

Herr Erzbischof, 51 Fälle aus Ihrem Erzbistum wurden an die MHG-Studie gemeldet, in verschiedenem Maße seit 1946 sexuell übergriffig geworden zu sein. Dazu kommen vier Fälle, die später bekannt wurden, sowie pastorale Mitarbeiter, die keine Kleriker sind. Wie ist Ihre Reaktion auf diese Zahlen?

Ich weiß aus Begegnungen, dass jeder einzelne „Fall“ für den Betroffenen eine Katastrophe ist, weil ein Mensch dadurch oftmals für sein Leben gezeichnet ist, seine Seele und sein Glaube an Gott beschädigt ist. Ich bin sprachlos, was Menschen machen, die sich dem Dienst an den Menschen und an Gott ganz verschrieben haben. Das macht die Vorwürfe gegen Kleriker nochmal schlimmer als in Familien oder anderen Bereichen unserer Gesellschaft. Zur gleichen Zeit merke ich immer stärker die Ohnmacht, so etwas wieder gut zu machen. Was wir tun können, ist zuhören, Hilfsangebote machen, Aufarbeitung der Akten und der Vorwürfe und Prävention. Die Beschädigung kann ich nicht heilen.

Sie treffen sich auch mit Missbrauchsopfern zum Gespräch.

Über die Beauftrage, die den Kontakt zu Betroffenen hat, habe ich Gesprächsangebote gemacht. Erste Gespräche habe ich auch geführt, aber ich respektiere auch, wo jemand nicht mit mir sprechen will. Ich will damit meine Achtung und Wertschätzung ihrer Person und ihres Schicksals zum Ausdruck bringen. Ich will aber auch besser verstehen, was passiert ist, wo weggehört oder vertuscht wurde, damit wir für Prävention und Aufarbeitung lernen können.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Bemühen angenommen wird?

Ja, darüber bin ich erstaunt und dankbar. Bei denen, mit denen ich gesprochen habe, habe ich keine generelle Beschuldigung oder Verurteilung der Kirche wahrgenommen. Alle meine Gesprächspartner sind – trotzdem – gläubig geblieben, was erstaunlich ist, denn Missbrauch geht an die Substanz unseres Glaubens.

Welche Wünsche und Forderungen äußern die Opfer sexuellen Missbrauchs im Gespräch?

Auch das ist erstaunlich, die Betroffenen sind froh, mir ihre Geschichte erzählen zu können, sie sind froh, Gehör zu finden.

Mittlerweile sind weltweit nicht nur Priester, sondern auch Bischöfe verurteilt worden. Welche Auswirkung hat es auf Ihr Verständnis Ihres Amtes, dass Mitbrüder sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht haben?

Ein Verbrechen ist ein Verbrechen, egal, wer es begeht. Vertuschung ist Vertuschung, egal, wer dafür verantwortlich ist, dazu müssen wir stehen. Dass mich das ins Herz trifft, erst recht, wenn ich die Täter kenne, können Sie sich vorstellen. Dass einige davon Bischöfe sind, Vertreter der Kirche und dadurch Nachfolger der Apostel, ist um so schlimmer, weil es Moral und Verkündigung in besonderer Weise betrifft. Wenn ein Bischof – als Täter oder als der Verantwortliche – wegen Wegschauen und Vertuschung beschuldigt wird, verdunkelt dies die Frohe Botschaft ganz massiv, das Evangelium, für das wir als Kirche stehen und das er als Bischof in besonderer Weise vertritt.

Sie haben gesagt, es macht Sie sprachlos, dass Menschen so etwas tun. Wenn ein Priester, der Ihnen untersteht, nicht nur beschuldigt, sondern verurteilt ist, was sagen Sie ihm?

Ich bin mit Priestern ins Gespräch gekommen, die solche Vergehen begangen haben. Die allerdings auch die Konsequenzen gezogen und die Strafe angenommen und verbüßt haben. Ich kann die Einsicht erkennen, dass ihr Vergehen an Kindern furchtbar und ein Verbrechen ist.

Gibt es auch Fälle, in denen kein Schuldbewusstsein da ist?

Nicht in den Gesprächen, die ich geführt habe, ich erreiche aber auch nicht alle Beschuldigten.

Für die betroffenen Gemeinden ist es auch sehr schwer, damit umzugehen, wenn einer ihrer Geistlichen des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird. Welche Hilfe bekommen die betroffenen Gemeinden?

Der Kinderschutz hat für uns Priorität. Bei einem begründeten Verdacht nehmen wir den Betreffenden sofort aus dem Dienst, übrigens nicht nur Kleriker. Wir lassen aber die Gemeinden nicht allein, stellen uns dem Gespräch, verstärken auch Präventionsmaßnahmen und fördern eine Kultur der Achtsamkeit, des Hinschauens. Was die rechtliche Aufarbeitung angeht, melden wir den Vorgang unmittelbar der Staatsanwaltschaft und versuchen selbst, den Vorwurf zu untersuchen und zu erhellen. Im übrigen gilt auch für den Beschuldigten die Unschuldsvermutung.

Die Reaktionen unter den Gläubigen sind gespalten. Viele begrüßen, dass nun öffentlich über das Geschehene gesprochen wird, andere wollen nichts davon hören. Wie stehen Sie dazu?

Ich verstehe und muss akzeptieren, dass es diese verschiedenen Empfindungen und Bewertungen gibt. Auch das hat ja Gründe. Wer etwas zurückhalten will, tut es entweder, weil er Beschuldigten persönlich oder der Kirche als ganzer nicht schaden will. Ich respektiere das, glaube aber, dass es auf Dauer nicht dienlich ist um der Wahrheit und um der Opfer willen. Außerdem bleibt dadurch eine Atmosphäre erhalten, die Missbrauch tabuisiert. Ich vermute, dass manches Verbrechen nicht passiert wäre, wenn es nicht in einer empfundenen Tabuzone passiert wäre. Auch müssen wir einander helfen, ein realistisches Bild von einem Priester zu bekommen und den Kleriker weder zu idealisieren noch ins Abseits zu stellen.

Wie sollen die Gemeinden mit dem Thema umgehen?

Achtsam. Es muss in den Gemeinden die Möglichkeit geben, darüber zu sprechen. Dafür braucht es Ansprechpartner, die hinhören, denen man Beobachtungen von Grenzüberschreitungen oder Missbrauch schildern kann. Mir ist wichtig, dass das Thema nicht wieder ins Verschweigen versinkt.

Sollen die Pfarrer jetzt Gesprächskreise einrichten?

Das kann ich mir gut vorstellen, auch um die Enttäuschung an der Kirche aussprechen zu können. Wir müssen das Thema wach halten, immer wieder daran erinnern, dass wir Prävention anbieten, dass wir eine Missbrauchsbeauftragte haben, genauso wichtig ist mir aber, einander im Blick zu behalten, aufeinander acht zugeben.

Welche Konsequenzen hat es für einen Priester des Erzbistums Berlin, wenn er des Missbrauchs überführt wird?

Er scheidet aus dem Dienst aus, allerdings muss man auch nach der Schwere des Vorwurfs unterscheiden.

Was passiert dann im Anschluss mit demjenigen?

Es hängt vieles vom konkreten Einzelfall ab. Es gibt zum einen das staatliche Urteil. In vielen Fällen ist die kirchliche Gerichtsbarkeit – in Abstimmung mit Rom – strenger, in vielen Fällen wurde beispielsweise die Verjährung aufgehoben. Als Bischof bleibe ich aber auch mit verurteilten Priestern in Verbindung.

Sie haben bei der Deutschen Bischofskonferenz einen Maßnahmenkatalog verabschiedet. Wie weit sehen Sie das Erzbistum Berlin in Bezug darauf?

Die konkreten Maßnahmen, die wir dort beschlossen haben, liegen auf derselben Linie mit dem, was wir im Erzbistum Berlin vorsehen. Wir haben bereits die Akten an die Staatsanwaltschaften übergeben. Wir arbeiten mit einer Anwaltskanzlei zusammen, die untersucht, wie kirchenintern bei Vorwürfen vorgegangen wurde, in welchem Zustand sich unsere Akten befinden. Ich unterstütze die in Lingen beschlossenen Maßnahmen, ich bin auch sehr dafür, dass wir in der kirchlichen Gerichtsbarkeit zu einer größeren Freiheit der Bistümer kommen.

Durch den sexuellen Missbrauch ist seit vielen Jahren Vertrauen in die Kirche verloren gegangen. Wie wollen Sie neues Vertrauen aufbauen?

Wir brauchen einen langen Atem und eine große Klarheit. Wir untersuchen, was geschehen ist, wir überlegen, welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, wir handeln konsequent bei aktuellen Fällen und verstärken die Prävention, damit Missbrauch nach Möglichkeit nicht geschieht. Wir müssen uns aber auch eingestehen, dass wir Missbrauch bei allen Anstrengungen nie werden vollständig ausschließen können. Das ist schmerzlich, fordert uns aber zu größter Wachsamkeit heraus.

Interview: Cornelia Klaebe