09.10.2014

Anstoß 41/2014

Mehr oder weniger

Wenn es um ihren Verdienst geht, sind sich die meisten Menschen darüber einig, dass sie weniger bekommen als sie verdienen. Das Gefühl wird noch verstärkt, wenn wir uns mit anderen vergleichen und darüber nachdenken, wie viel mehr sie haben als wir. Wie sieht ein gerechter Lohn aus? Matthäus überliefert uns in seinem Evangelium ein Gleichnis, mit dem Jesus auf diese Frage antwortet: Mt 20,1-16.

Da ist von einem Gutsbesitzer die Rede, der früh am Morgen auf den Markt geht, um Arbeiter für die Ernte anzuwerben. Er vereinbart mit ihnen den üblichen Lohn und schickt sie in seinen Weinberg. Mehrmals am Tag kommt der Gutsbesitzer auf den Markt und immer wieder wirbt er neue Arbeiter an. Am Ende des Tages lässt er allen den gleichen Lohn auszahlen. Die Tagelöhner, die den ganzen Tag gearbeitet haben, fühlen sich ungerecht behandelt und ich glaube, wir können ihren Ärger verstehen. Umso wichtiger ist, sich die Antwort des Gutsbesitzers durch den Kopf gehen zu lassen: „Mein Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? … Oder bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“
Das Problem besteht also nicht darin, dass der Gutsbesitzer zu wenig Lohn auszahlt. Mit einem Denar bekommt der Tagelöhner, was er und seine Familie zum Leben brauchen. Das eigentliche Problem besteht darin, dass die einen den anderen das Lebensnotwendige nicht gönnen, weil sie nur an sich denken.
Ich glaube, das Gleichnis lässt sich – wenn auch nicht eins zu eins – auf unsere Zeit übertragen. Da gibt es Berufe, bei denen Menschen, die hart arbeiten, am Monatsende nicht bekommen, was sie zum Leben brauchen. Der Mindestlohn soll dafür sorgen, dass sich daran etwas ändert. Als Folge davon muss ich seit einiger Zeit deutlich mehr zahlen, wenn ich zu meiner Friseurin gehe. Es gibt nicht wenige, die sich über die gestiegenen Preise beklagen, obwohl sie deutlich mehr zum Leben haben als eine Friseurin.
„Oder bist du neidisch…?“ Ich glaube, damit trifft Jesus voll ins Schwarze. Der Neid denkt nur an sich und den eigenen Geldbeutel. Für ihn macht es keinen Unterschied, ob jemand, der mit 800 Euro nach Hause geht, fünf Prozent mehr bekommt, oder jemand, der jeden Monat 5000 Euro zur Verfügung hat. Ihn interessiert nicht, dass es für den einen um das Lebensnotwendige geht, das schon in biblischen Zeiten selbst dem Tagelöhner zustand, für den anderen aber nur um noch mehr Überfluss.
Jesus lädt ein, anders zu fragen und ich glaube, seine Frage ist geeignet, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen. Jesus fragt an, was wir zum Leben brauchen und nicht selten dürfte die Antwort sein: Weniger als wir denken!

Pfarrer Marko Dutzschke, Cottbus