16.03.2017

Anstoß 11/2017

Bekleckert

Vielleicht kennen Sie das auch: Da feiert jemand, sagen wir seine Silberhochzeit oder einen runden Geburtstag und Sie sind eingeladen. Natürlich holen Sie dafür den feinen Zwirn aus dem Schrank.

Jetzt stehen Sie am Buffet, freuen sich über den leckeren Anblick und schon ist es passiert. Irgendetwas verabschiedet sich vom Teller und landet direkt auf der Hose.
Auf der Toilette versucht man das Problem einzudämmen, allerdings mit mäßigem Erfolg. Zurück bleibt ein hässlicher Fleck, der jedem sofort ins Auge fallen muss. Und je mehr man versucht, ihn zu verstecken, desto mehr scheint er aufzufallen.
Wenn Ihnen diese Erfahrung bekannt vorkommt, passt dazu eine kleine Geschichte, die ich vor einiger Zeit im Internet gefunden habe. Ein Professor legt seinen Schülern bei einem Test ein Blatt vor, auf dem es nichts außer einem schwarzen Punkt in der Mitte gibt. Er gibt ihnen die Aufgabe, aufzuschreiben, was sie da sehen. Natürlich beschreiben die Schüler den schwarzen Punkt, seine Größe, seine Position auf dem Blatt, seine Lage im Raum und so weiter ...
Sie ahnen es schon: Der Professor will seinen Schülern eine Lehre erteilen. Niemand hat etwas über den weißen Teil des Blattes geschrieben. Alle haben sich auf den schwarzen Punkt konzentriert. Das gleiche – so der Professor – geschieht in unserem Leben. Es ist ein Geschenk, das wir mit Liebe und Sorgfalt hüten sollten. Doch wir konzentrieren uns oft auf die dunklen Flecke, die gesundheitlichen Probleme, den Mangel an Geld, die Sorgen und Nöte.
Ich glaube, auch das kann Fastenzeit bedeuten, den weißen Teil des Blattes in den Blick zu nehmen. Auf diese Spur führt uns auch Jesus Christus. Er ist nicht nur der, der lehrt, erst den Balken im eigenen Auge zu sehen, bevor wir über die Splitter im fremden Auge nachdenken (Matthäus 7,3). Jesus ist vor allem anderen der, der uns einlädt, über alle Splitter und Balken hinweg zu sehen und ein Gespür dafür zu entwickeln, wie groß und wunderbar das Geschenk des Lebens ist (Matthäus 6,26).
Ich bin sicher, es macht einen Unterschied, ob man sich auf den hässlichen Fleck konzentriert oder das Leben im Blick hat und daraus Kraft schöpft, das Gute zu tun.

Pfarrer Marko Dutzschke, Cottbus