01.12.2021

Michael Blume im Interview

Wir brauchen neue Allianzen

Das Christentum steckt in der Krise. Wie kann es wieder herausfinden? Der Religionswissenschaftler Michael Blume glaubt: Die konstruktiven Kräfte in Christentum und Islam müssen künftig viel stärker zusammenarbeiten. Im Interview erklärt er, warum sie gemeinsam umstürzende Veränderungen wie die Klimakrise meistern und dabei neue Kraft entwickeln können.

Religionswissenschaftler Michael Blume
Michael Blume, Religionswissenschaftler

Ihr neues Buch handelt von der Krise des Christentums und heißt „Rückzug oder Kreuzzug“. Das klingt nach zwei schlechten Alternativen. Was macht Sie so pessimistisch?

Ich bin gar nicht pessimistisch. Ich zeige diese beiden extremen, schlechten Wege nur auf, um zu fragen: Finden wir dazwischen einen dritten, einen besseren Weg? Diesen Weg zu suchen, finde ich sehr christlich.

Fangen wir mit den schlechten Alternativen an. Zunächst: Was verstehen Sie unter Rückzug?

Damit meine ich, dass der Glaube bei vielen Menschen so langsam verdampft. Sie sagen nicht: Ich glaube nicht mehr an Gott, und ich will diese Kirche nicht mehr. Sondern sie begeben sich auf eine leise Distanz. Sie beten immer weniger, sie besuchen den Gottesdienst seltener, sie ziehen sich aus dem religiösen Leben zurück. 

Dieses Phänomen lässt sich in Deutschland massenhaft beobachten. 

Genau. Und diese Rückzugstendenz gibt es übrigens auch im Islam.

Wie zeigt sie sich dort?

In islamischen Ländern und auch bei Muslimen in Europa wird in jüngeren Generationen schon länger kaum noch gebetet. Und es gibt eine große Frustration: gegenüber den Gelehrten, die als veraltet gelten – und gegenüber der Politik, die als korrupt gilt. Wenn junge Muslime die Wahl haben, wenden sie sich häufiger nicht mehr radikalen Islamisten zu, sondern ziehen sich aus der Religion zurück. 

Wie erklären Sie sich diese Rückzugstendenz?

Früher gab es, anders als heute, nicht nur einen gesellschaftlichen Druck, den Glauben zu leben. Sondern unsere Vorfahren hatten auch wenig Medien. Da war die Kirche ein absolutes Erlebnis aus Licht, Farbe und Musik. Heute werden wir rund um die Uhr in Fernsehen und Internet mit immer tolleren Geschichten beschallt. Von Gut und Böse erfahren wir auch im „Tatort“ oder in „Game of Thrones“. Wir brauchen die Kirche dafür nicht mehr.

So viel zum Rückzug. Und wo sehen Sie Tendenzen zum Kreuzzug?

Bei Christen, die die Moderne abwehren, die Gefahren der Klimakrise und der Corona-Pandemie leugnen und in den Fundamentalismus abrutschen. Zuletzt haben auch in Deutschland Verschwörungsmythen und Antisemitismus massiv zugenommen, gerade im Alpenraum. Fundamentalistische Gruppen werden in Deutschland künftig weiter wachsen.

Wie erklären Sie sich diese fundamentalistischen Tendenzen?

Es ist heutzutage nicht leicht, der Wirklichkeit standzuhalten. Die Erde erhitzt sich, die Pandemie bedroht uns – das macht uns allen zu schaffen. Diese Wahrheit kann man nicht einfach lieben und toll finden. Die Frage ist: Wie gehe ich damit um? Trage ich dieses Kreuz, nehme ich es auf mich? Stelle ich mich der Wahrheit auch dann, wenn sie schmerzt? Oder erkläre ich der Wahrheit den Krieg, leugne sie und greife alle, die sie vertreten, aggressiv an? Ich hoffe, dass sich genügend Christinnen und Christen finden, die bereit sind, ihr Kreuz weiter zu tragen und der Wirklichkeit standzuhalten. Wir sollten darum kämpfen, dass möglichst viele Menschen sagen: Ja, die Wirklichkeit ist unangenehm, aber wir können sie gestalten. Genau dafür haben wir ja Glaube, Liebe und Hoffnung.

Sie vertreten in Ihrem Buch die These, dass die Umwälzungen infolge der Klimakrise auch die Kirchen grundlegend verändern. Wie kommen Sie darauf?

Ich habe in meiner Zeit im Irak selbst erlebt, welche Folgen die Erderhitzung hat. Große Teile des eurasischen Gürtels werden in 20, 30, 40 Jahren nicht mehr bewohnbar sein. Länder wie Syrien sind wegen mehrjähriger Dürren zusammengebrochen. Afghanistan bricht gerade zusammen. Im Iran ist der letzte schiffbare Fluss, der Karun, inzwischen ausgetrocknet. Das löst Fluchtbewegungen aus, die zu Ängsten führen. 

Auch bei Ihnen?

Ja, auch bei mir. Was ich im Irak erlebt habe, war beängstigend. Damit bin ich nicht gleich klargekommen. Dass eine Riesenstadt wie Bagdad jeden Sommer inzwischen über 50 Grad erreicht und in wenigen Jahrzehnten nicht mehr bewohnbar sein wird, das wollte ich erst nicht wahrhaben. Aber wenn man dann den Mut hat, sich ruhig damit auseinanderzusetzen, mit anderen Menschen darüber zu sprechen, vielleicht auch zu beten, dann schwindet diese Angst. Und dann taucht plötzlich auch wieder eine Hoffnung auf. Und man kann der Welt ins Gesicht schauen und mit anderen nach einer Lösung suchen.

In Ihrem Buch schreiben Sie: Die schwierigen Umbruchzeiten, die kommen, können die Religionen nur gemeinsam meistern. Wie kann das aussehen? 

Ganz konkret, am Beispiel Klimakrise: Bei Jerusalem haben kürzlich Wälder gebrannt. Da haben sich israelische und palästinensische Feuerwehrleute zusammengeschlossen und gemeinsam die Feuer gelöscht. Das ist genau das, was passieren muss. Wenn sich die Angehörigen verschiedener Religionen in der Klimakrise auch noch gegenseitig zerfleischen, dann haben wir ein Problem. Die Vernünftigen in allen Religionen haben jetzt die Chance, einander die Hände zu reichen und zu sagen: Lasst uns das gemeinsam machen. Und ich sehe mit Freude, dass das auch an vielen Orten passiert.

Wo zum Beispiel?

Es passiert im Großen wie im Kleinen. Im Großen haben Israel und mehrere arabische Staaten im Jahr 2020 in den Abraham-Verträgen ein neues Bündnis geschlossen und eine bessere Zusammenarbeit vereinbart. Wo bleibt die Freude darüber, auch in den Kirchen?

Und im Kleinen?

Ich bin ja selber Teil einer christlich-muslimischen Ehe. Vor 20, 30 Jahren war das noch eine Sensation. Aber heute gibt es so viele interreligiöse Familien, Gruppen und Aktivitäten wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Wenn wir darauf aufbauen, wenn Räte der Religionen in den Städten gemeinsam die Klimakrise thematisieren und einander beistehen in der Flüchtlingskrise – dann kann aus all dem Übel auch eine echte Friedensbewegung werden. 

Was können wir dazu beitragen?

Das Christentum ist nun mal eine Religion des Brückenbaus. Jesus hat uns dazu aufgerufen, Frieden zu stiften. Und ich glaube: Jetzt ist die Zeit dafür. Die Glaubensgemeinschaften, die das machen, werden als glaubwürdiger erfahren werden als diejenigen, die selbst im Zeitalter von Klimakrise und Flüchtlingskrise doch nur Hass im Angebot haben. 

Sie vertreten in Ihrem Buch die These, dass die Bruchlinien heutzutage oft gar nicht zwischen den Religionen verlaufen, sondern innerhalb der Religionen. Wie meinen Sie das?

Ich nehme als Beispiel die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai. Sie hat in Pakistan als junge, gläubige Muslimin dafür gekämpft, dass auch Mädchen die Schule besuchen dürfen. Sie wurde dafür von islamistischen Terroristen angegriffen und so schwer verletzt, dass sie nach Großbritannien ausgeflogen werden musste. Das heißt: Es ist nicht mehr so, dass die Christen sagen, Mädchen sollen in die Schule gehen – und die Muslime sagen, sie sollen nicht. 

Wo sehen Sie Bruchlinien innerhalb des Christentums?

Diese Bruchlinien verlaufen in allen Religionen zwischen Monismus und Dualismus.

Das müssen Sie erklären.

Monisten sind Menschen, die in Bildung und Naturwissenschaft vertrauen, den Dialog mit Andersglaubenden als Bereicherung empfinden und die Welt als Einheit sehen. Dualisten hingegen sagen: Wir sind die Guten, und die anderen sind die Bösen, sie sind Verschwörer und müssen vernichtet werden. Alle Extremisten der Erde stützen sich auf eine dualistische Psychologie. Auch im Christentum gibt es diese Denkweise. Denken Sie nur an die Christen, die bei QAnon in den USA oder bei „Querdenken“ in Deutschland mitmachen und die Fakten leugnen: dass Donald Trump die Wahl verloren hat – oder dass Covid-19 gefährlich ist. Und durch das Internet finden sich diese Extremisten, die die Gesellschaft zerreißen wollen, heutzutage natürlich sehr, sehr viel leichter als früher. 

Inwieweit können wir Bruchlinien innerhalb unserer eigenen Religion kitten? 

Diese Frage führt ganz schnell zur nächsten Frage: Wie viel Toleranz geben wir der Intoleranz? Ich würde sagen: Wir sollten so lange im Gespräch bleiben wie möglich. Wir müssen uns aber auch klarmachen, dass es Menschen gibt, die Dialog ablehnen. Da müssen wir dann auch bereit sein, Grenzen zu ziehen und zu sagen: Nein, mein christlicher Glaube ist nicht mit Antisemitismus, mit Rassismus, mit einer Leugnung der Klimakrise oder der Corona-Pandemie zu vereinbaren – und wenn Sie das nicht akzeptieren, dann trennen sich unsere Wege. Gerade weil die Bruchlinien innerhalb der Religionen verlaufen, ist es so wichtig, dass sich die Vernünftigen, die Friedens- und Dialogbereiten in neuen Allianzen zusammenschließen. 

Wie könnten die aussehen?

Ich finde es zum Beispiel sehr ermutigend, dass Papst Franziskus und der Großscheich von al-Azhar so eng zusammenarbeiten. Das wäre noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen. Ich bin überzeugt: Friedens- und Dialogbewegungen können heute eine viel stärkere Wirkung entfalten als je zuvor.

Viele Christen und Muslime sind einander aber eher fremd. 

Ja, man ist einander häufig noch fremd. Aber gegen diese Fremdheit kann man etwas tun.

Was denn? Wie können sich dialogbereite Christen und Muslime finden, vernetzen und gemeinsam etwas schaffen?

Ich sage Ihnen, in jeder Stadt finden Sie solche Menschen. Jede und jeder kann schauen: Wo gibt es sie in meiner Stadt – im Sportverein, im Gemeinderat, in der Musikkapelle? Wen könnte ich ansprechen? Neue Bündnisse werden nicht auf der großen Bühne in den Hauptstädten entstehen und auch nicht auf internationalen Kongressen. Sondern in den einzelnen Städten und Gemeinden, in den Kirchen, Moscheen und Tempeln.

Angenommen, ich finde als Christ solche dialogbereiten Muslime. Was dann?

Dann kann ich sie fragen: Diskutiert ihr bei euch auch über die Klimakrise? Wie sehen das bei euch die jungen Leute? Können wir da mal gemeinsam drüber sprechen? Und: Wie geht ihr mit der Belastung durch die Pandemie um? Wie finanziert ihr eure Moschee, wenn ihr keine Spenden mehr sammeln könnt? 

Ganz einfache Fragen eigentlich.

Genau, und wer sie stellt, wird feststellen, wie viel uns mit anderen verbindet. Wir stehen doch alle vor den gleichen Katastrophen und haben mit den gleichen Ängsten zu kämpfen. Wie wunderbar wäre es, wenn es sogar wir Männer schaffen, darüber zu sprechen. Wenn wir über unseren Schatten springen und uns nicht nur gegenseitig beeindrucken, sondern zugeben, dass wir auch deswegen glauben, weil wir Hoffnung brauchen und Liebe. Dann können sich neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln, in jeder Gemeinde und in jeder Stadt. Die Chancen dafür waren nie so groß wie jetzt.

Was für Formen könnten das sein?

Sinnvolle Bildungs- und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche. Gemeinsame Aktionen für den Klima- und Umweltschutz. Konkrete Verbesserungen im eigenen Umfeld, etwa bei der Integration von Flüchtlingen. Dieses Thema ist wichtig, denn künftig werden wegen der Folgen der Erderhitzung sehr viel mehr Menschen fliehen. 

Was können solche interreligiösen Bündnisse im besten Fall bewirken?

Daraus kann eine religiöse Kraft entstehen, die es früher so nicht gab – wenn wir es schaffen, das zu leben, was wir glauben, sogar über Religionsgrenzen hinweg; wenn wir zeigen, dass das Leben einen Sinn hat und Liebe ein Wert ist. Klar, wir religiösen Menschen werden weniger werden, und wir werden von vielen als rückständig verlacht werden. Aber das muss uns nicht kümmern. Die rühmlichsten Zeiten der Kirche waren schließlich oft gerade nicht diejenigen, in denen sie am mächtigsten und prunkvollsten war, sondern diejenigen, in denen sie kleiner war, aber glaubwürdig und ganz bei ihrer Botschaft.

Wofür kann ein künftiges Christentum, wie Sie es skizzieren, also stehen?

Offensichtlich ist, dass die Kirche mit Gold und Prunk und schönen Gewändern alleine niemanden mehr beeindrucken kann. Ich glaube, die Kirche der Zukunft wird sich dadurch auszeichnen, dass sie sich Zeit nimmt. Christinnen und Christen werden sich Zeit nehmen für ihre Familien, für ihre Kinder, für ihre Beziehungen, für die Pflege. Für all die Dinge, die nicht so glamourös sind und für die man keine Orden bekommt – aber ohne die menschliches Leben nicht funktioniert. Das ist eine Aussicht, die mir durchaus Hoffnung macht. 

Interview: Andreas Lesch

 

Zur Person:

Michael Blume (45) ist Religionswissenschaftler und Antisemitismusbeauftragter von Baden-Württemberg. Einen Namen gemacht hat er sich als Experte für Verschwörungsmythen. Michael Blume ist evangelischer Christ, seine Ehefrau Zehra ist Muslima. Blume hat zahlreiche Bücher geschrieben. 2017 erschien etwa sein Werk „Islam in der Krise: Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug“, 2019 veröffentlichte er „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“. Nun erschien „Rückzug oder Kreuzzug? Die Krise des Christentums und die Gefahr des Fundamentalismus“ (Patmos Verlag, 160 Seiten, 19 Euro).