15.02.2018

Die Bautzner Klarissen mühen sich um die Pflege ihrer Berufung

Wie bleibt die Liebe lebendig?

Angefacht vom Feuer des Anfangs scheint für Neugetaufte, frisch Verheiratete und Novizen vieles fast von allein zu gehen. Im späteren Stadium braucht jede Berufung Pflege, um auch im Alltag weiter lebendig zu bleiben und zu reifen. Die Bautzner Klarissen mühen sich darum immer aufs Neue.


Bautzner Klarissen bei ihrem wöchentlichen Spaziergang. Foto: Dorothee Wanzek

Von Dorothee Wanzek
Die acht Frauen, die im Bautzner Klarissenkloster zusammenleben, könnten kaum unterschiedlicher sein: in der DDR Aufgewachsene, Westdeutsche und Inderinnen, im Alter von Anfang 20 bis Ende 70, aus Lehrberufen und mit akademischem Abschluss, gleich nach der Geburt und im Erwachsenenalter Getaufte ... Es braucht nicht viel Fantasie, um zu verstehen, dass ein geglücktes Klosterleben hier nicht einfach von selbst gedeiht.
Die Schwestern tun eine Menge für das Wachstum der Gemeinschaft und dafür, dass jede einzelne in ihrer Beziehung zu Gott wachsen kann. Im Tagesrhythmus des klösterlichen Lebens ist genau das vorgesehen. Sich einfach nur auf diesen Rhythmus aus Gebet, Gottesdienst, Schweigen, Arbeit und Austausch einzulassen und der Regel des Ordens zu folgen, wäre aber zu wenig, sagt Äbtissin Clara Faltermaier. Der vorgegebene Rahmen fülle sich mit Leben, wenn die Schwestern immer wieder neu Leidenschaft für die Ziele der Ordensgründerin entfachen und sie in Bezug bringen zur heutigen Lebenswirklichkeit.  
Klara von Assisi sei es darum gegangen, „höchste Armut und heilige Einheit nach dem Maß des dreifaltigen Gottes“ zu leben. Diesem Ziel auf der Spur zu bleiben und sich mit Leib und Seele darauf einzulassen, mache das Leben der Klarissen aus.

Kraft und Zeit für Bildung, Kommunikationstraining und Beweglichkeit investieren
„Damit wir innerlich beweglich bleiben, müssen wir uns auch äußerlich mehr bewegen“, haben sie vor einiger Zeit festgestellt. Seither machen sie montags gemeinsam eine Stunde Gymnastik – „mit Bällen, Bändern, Kirschkernkissen und viel Lachen“, verrät die Äbtissin mit einem Schmunzeln im Gesicht. Die Schwestern haben die bisherigen strengen Klausurregeln geändert für einen freitäglichen Spaziergang in einen nahegelegenen Park, eine Stunde lang, egal ob die Sonne scheint, es schneit oder stürmt. „Wenn alles in unserem Leben Gott dienen soll, dürfen wir unseren Leib nicht außer Acht lassen“, das ist ihnen wichtig.
Auch für ihre Kommunikationsfähigkeit gönnen sich die Ordensfrauen ein Pflegeprogramm. Unter fachlicher Anleitung einer Beraterin haben sie im vergangenen Jahr viermal eine Woche lang Übungen absolviert, die das Miteinander erleichtern und dazu anregen, das eigene Handeln zu reflektieren. Unter anderem geht es dabei um den Umgang mit Verantwortung, mit Konflikten und mit Schwierigkeiten, die aus der eigenen Lebensgeschichte herrühren. „Wir lernen uns selbst und einander dabei mit Gaben und Schlagseiten besser kennen und entwickeln Mut, in unseren Gesprächen mehr in die Tiefe zu gehen.“
Ausschlaggebend für diesen Weg war die Erkenntnis: „Wir müssen an uns selbst arbeiten, damit wir fähig werden, Einheit zu leben“. Dazu gehöre nicht zuletzt, Eigenes loslassen zu können – eine Kunst, die der ständigen Übung und neuen Entscheidung bedarf.  
Auch für ihre Weiterbildung investieren die Klarissen Zeit und Kraft, um die Wissensgrundlagen für ihren Glauben zu stärken und um Gesprächsstoff zu haben, der die Gemeinschaft belebt und anregt. In den vergangenen Monaten hatten sie Referenten zu Gast, die ihnen Vorträge und Seminare über den alttestamentlichen König David, über die Eucharistiefeier in all ihren liturgischen Details und über das heutige Jerusalem gehalten haben. Seit anderthalb Jahren nehmen die Schwestern an einem internationalen theologischen Klarissen-„Webinar“ teil: Schwestern in verschiedenen deutschsprachigen Ländern verfolgen zeitgleich am Computer in der Klausur ihres heimischen Klosters die aktuellen Vorträge des in Zürich lebenden Franziskaners Paul Zahner und treten anschließend per „Chat“ darüber in Austausch. Um neue Erkenntnisse zu historischen Quellen über die heilige Klara ging es da zum Beispiel oder über Gefährtinnen  der heiligen Elisabeth.

Jeder muss für sich das richtige Maß und die passende Form der Frömmigkeit finden
„Ja, wenn ich leben könnte wie Sie ...“ bekommt die Bautzner Äbtissin  manchmal von Besuchern zu hören, die sich nach einem intensiveren geistlichen Leben sehnen. Wesentlich für geistlichen Tiefgang sei aber nicht die äußere Form frommer Abläufe, sondern die Grundentscheidung, Gott als den Lebendigen zu suchen, hält sie ihren Gästen dann entgegen. Regelmäßigkeit und Treue im Gebet sieht auch sie als unerlässlich zur Beziehungs-Pflege mit Gott, das Maß dafür variiere aber je nach Lebensform, Aufgabe und körperlicher Verfassung, sagt sie mit einem Zitat des heiligen Franz von Sales: „Wäre es angebracht, wenn ein Bischof wie ein Kartäuser die Einöde aufsuchte, wenn Verheiratete sich nicht stärker um die Mehrung ihres Vermögens bemühen würden als ein Kapuziner, wenn ein Handwerker nach Art der Ordensleute den ganzen Tag in der Kirche verbrächte...?“ Wenn jeder das zu ihm passende Maß an Frömmigkeit findet, schrieb  Franz von Sales, dann „wird die Sorge für die Familie friedvoller, die gegenseitige Liebe von Mann und Frau lauterer, alle Tätigkeiten angenehmer und ansprechender“.
Auch Christen, die außerhalb des Klosters lebten, müssten sich heutzutage um geistliche Nahrung bemühen, um ihren Glauben wach und lebendig zu halten, ist Äbtissin Clara überzeugt. Es brauche Impulse aus Büchern oder christlichen Radioprogrammen, Erlebnisse wie Wallfahrten oder Exerzitien und die Bereitschaft, seine Glaubensentscheidung regelmäßig zu erneuern. Für sie selbst sei zum Beispiel das morgendliche Weckerklingeln ein Moment der Neu-Entscheidung. Gerade heute brauche es geistliche Zentren, bei denen man andocken und mitleben kann.
Das Bautzner Kloster ist für viele Menschen ein solcher Ort – für junge Frauen, die hier seit einigen Jahren regelmäßig im Treff.Punkt St. Clara ihrer Berufung auf den Grund gehen, für einzelne Gäste, die sich zu Kurzexerzitien hierher zurückziehen, für die rund 600 Teilnehmer eines durch  Gebet und Briefe verbundenen „Netzwerkes Danksagung“, seit 2016 auch für einen ökumenischen Freundeskreis, der sich auf der Suche nach „Mehr“ für den eigenen Glauben einmal monatlich zusammenfindet.
Ein Kloster ist wie ein Kraftwerk. Die Energie weiterzugeben, gehört wesentlich zu seiner Bestimmung, findet Clara Faltermaier. Immer wieder öffnen sich die Schwestern deshalb auch für Zeitgenossen, die mit dem christlichen Glauben, geschweige denn mit dem klösterlichen Leben, bis dahin noch keine Berührungspunkte hatten. Zuweilen gewähren sie Journalisten Einblicke in ihr Leben, im vergangenen Jahr gab es im Kloster eine  öffentliche Lesung aus dem Buch „Trotzdem:Liebe“ über Schwester Michaelas Liebesgeschichte mit Gott. Auch am Bautzner „Tag des offenen Gartens“ hat sich der Konvent beteiligt, neue Beschilderungen machen auch für Außenstehende deutlich, dass Klosterkirche und -gelände keinesfalls verbotenes Terrain sind. „Gott wirkt Neues“, sagt die Äbtissin. Die Klarissen wollen dabei nicht im Weg stehen.

Leidenschaft entwickeln für das Ziel und für die Quellen der eigenen Spiritualiät
Bei den Begegnungen mit Menschen, die außerhalb des Klosters leben, sehen  sich die Ordensfrauen keinesfalls nur als die Gebenden. „Zu erfahren, wo diese Menschen – auch im Glauben – der Schuh drückt und wo sie zu ringen haben, tut auch uns selber gut“  
Auch mit Ordensfrauen und -männern  aus anderen Klöstern stehen die Bautzner Schwestern im Austausch. Im vergangenen Jahr haben sie an einem Ordenstag im Kloster Helfta teilgenommen, sie hatten Besuch von den Zisterzienserinnen aus St. Marienthal und von Ordensleuten des Bistums Görlitz. Lebendig zu bleiben ist keine Frage des Alters, haben sie im Gespräch mit Gemeinschaften erfahren, die ein höheres Durchschnittsalter haben als sie selbst.
Beeindruckt hat Äbtissin Clara ein vom Aussterben bedrohter Konvent in Süddeutschland. Für den bevorstehenden Lebensabschnitt hat er sich ein Leitwort gewählt: „Mit Christus sterben.“ Eine Ordensgemeinschaft müsse „Leidenschaft für ihr Ziel und ihre Quellen“ entwickeln, ist die Äbtissin überzeugt. „Was soll sie dann hindern, lebendig zu sein?“