07.11.2019

Wie haben Katholiken in Berlin die Maueröffnung 1989 erlebt?

Wahnsinn und Wunder

Wie haben Katholiken in Berlin die Maueröffnung am 9. November 1989 erlebt? Die Journalistin Juliane Bittner hat sich einmal umgehört. Im folgenden Beitrag lesen Sie die Antworten.

„Ein Traum wurde Wirklichkeit“: Unter dieser Überschrift berichtete der Tag des Herrn - damals noch mit einem Redaktionsschluss von zehn Tagen vor Erscheinen - über den Mauerfall am 9. November 1989. „Der Freiheit der Reise muss jetzt die Freiheit für Wort und Wahl folgen“, forderte Chefredakteur Gottfried Swoboda in seinem Artikel.    Foto: Matthias Holluba

Eine Frau (Ende 60): Zunächst hatte ich von dem Ereignis, das mein Leben entscheidend verändert hat, nichts mitbekommen. Es war ein ganz normaler Abend mit seinen ganz normalen Familienritualen, wir hatten weder Fernseher noch Radio an. Ich ging relativ zeitig zu Bett, weil ich am nächsten Tag schon früh zur Charité fahren wollte, zu einem Freund von uns, der im Sterben lag. Als ich am nächsten Morgen in der S-Bahn saß, wunderte ich mich über die vielen Fahrgäste, die lächelten, irgendwie beseelt guckten – und das auf dem Weg zur Arbeit?! Ich muss wohl so irritiert geblickt haben, dass eine Frau mich fragte, ob ich nicht wüsste, was los sei. Sie war nicht auf dem Weg zur Arbeit, sondern zum Grenzübergang: Wahnsinn! Seit dem Herbst 1989 kommen mir die Tränen, wenn wir das Lied von den neuen Wegen singen: „Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt. Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.“

Ein Mann (kurz vor 70): Am 9. November hatte ich Spätschicht. Als SED-Politbüromitglied Günter Schabowski seinen Satz zum neuen DDR-Reisegesetz stammelte („Das trifft nach meiner Kenntnis... ist das sofort… unverzüglich“), saß ich im Wartburg und fuhr nach Hause. Da ich einer Geistlichen Gemeinschaft angehörte, zu deren Gepflogenheiten der tägliche Rosenkranz gehört, den ich an diesem Tag aber noch nicht gebetet hatte, ließ ich das Autoradio aus und betete Rosenkranz. Und bekam erst am nächsten Morgen mit, dass die Grenze offen war. Ich bin im Osten geboren, habe lange in Ostberlin gewohnt und lebe heute in Westdeutschland. Beides gehört zu meiner Biografie. Deswegen beschäftigt mich das alles auch heute noch – nach 30 Jahren.

Eine Frau (gerade 40 geworden): Als die Mauer eingestürzt wurde, war ich zehn. Ich erinnere mich, dass unsre Eltern in diesen Monaten sehr viel ferngesehen haben, was sie sonst nicht taten. Am Nachmittag des 10. Novembers fuhren wir zum ersten Mal nach Westberlin. Während mein Papa das Begrüßungsgeld abholte, probierten Mama, meine Schwester und ich in einem Kaufhaus ganz begeistert Parfums aus. Ich glaube, wir haben entsetzlich gestunken! Später erhielten meine Schwester und ich je zehn D-Mark, für die wir uns in der Kaufhalle, die plötzlich Supermarkt hieß, etwas kaufen durften – die absolute Überforderung für uns Konsum- und HO-Kinder! Außerdem hatten wir immer freitags frische Möhren für unser Meerschwein gekauft. Also mussten wir auch an diesem Freitag Möhren kaufen – „West-Möhren“. Vermutlich waren die dem Meerschwein zu sauber geputzt oder zu hochgezüchtet – jedenfalls fraß es die Supermarkt-Möhren nicht. War halt ein DDR-Schwein. Bei den Lehrern herrschte ideologische Verwirrung. So sollte ich zum Beispiel als einziger Nichtpionier der Klasse und weil die Lehrer wussten, dass wir katholisch sind, die Weihnachtsgeschichte von zuhause mitbringen und vorlesen. Bisher hatte Weihnachten ja in der Schule nicht wirklich was mit dem Geburtstag Jesu zu tun.

Ein Mann (Ende 50): Für mich und meine Identität war die Herkunft nie das Wichtigste. Mein Glaube war für mich wichtiger. Schon vor 1989. Bei den Montagsgebeten und Mahnwachen in den Kirchen Ostberlins. Und wenn jemand aus dem Westen zu uns sagte: „Wir beten für euch“, hat mir das Mut gemacht. Mir das Gefühl gegeben: Wir gehören zusammen. Gehören zu einer großen, weltweiten Gemeinschaft. Meine Ostvergangenheit lässt sich nicht leugnen, und die will ich auch keinesfalls verleugnen. Dass ich nun im Westen lebe, auch nicht. Der Glaube, dass wir alle Kinder eines Vaters sind, ist mir wichtig. So entdecke ich, wer ich bin: Ossi, Wessi, Christ, Geschöpf Gottes.

Eine Frau (Anfang 50): An den 9. November erinnere ich mich nur noch dunkel. Ich weiß noch, dass ich sehr aufgeregt war, was da in Berlin passierte. Damals lebte und studierte ich in Paderborn, war weit weg von den Ereignissen. Ich weiß allerdings noch genau, wie in der folgenden Woche meine langjährige Brieffreundin aus Bitterfeld anrief. Ja, sowas gab es damals: Kontakte wurden zwischen zunächst fremden Kindern und Jugendlichen durch Vermittlung einer kirchlichen Zeitung per Briefeschreiben geknüpft und wuchsen zu Freundschaften. Für mich war das der einzige Weg, Kontakte über die innerdeutsche Grenze hinweg zu knüpfen. Ich hatte keine so genannte Ostverwandtschaft, aber mich interessierte der andere Teil Deutschlands schon als Kind sehr. Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Mauerfall lernte ich meinen jetzigen Mann auf einer Autofahrt von Berlin nach Paderborn kennen. Über eine Mitfahrzentrale wurde er mir als Fahrer vermittelt. Und seitdem hat für uns die deutsche Wiedervereinigung eine ziemlich große Bedeutung: Ohne dieses Ereignis gäbe es unsere Liebe und Beziehung nicht, hätten wir keine Kinder und wäre ich nicht in Berlin heimisch geworden. Wir feiern also in jedem Jahr unsere ganz persönliche Wiedervereinigung!
 

„Die Tore in der Mauer stehen weit offen“

Ein Mann (Mitte 40): Ich war 14 und hab tief und fest geschlafen, als am 9. November gegen 23.30 Uhr die Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße geöffnet wurde. Am nächsten Morgen sagten mir meine Eltern, was in dieser Nacht geschehen war. Für mich war das unfassbar. Meine Oma hatte mir noch kurz zuvor eine Ansichtskarte mit den Sehenswürdigkeiten Westberlins geschickt - die würde ich mir jetzt alle anschauen können. Wahnsinn. Unfassbar auch, dass nun alles passé war: Jugendweihe, Wehrersatzdienst, Fahnenappelle. Einfach wunderbar. Ein Wunder.

Eine Frau (Anfang 70): Mit offenen Mündern haben wir vor dem Fernseher gesessen und gehört, was Schabowski da sagte. Das Fernsehen der DDR hatte die Pressekonferenz live übertragen. Später hörten wir, wie Moderator Hanns Joachim Friedrichs in den ARD-Tagesthemen den Satz sagte, mit dem viele die verquaste Ankündigung des SED-Funktionärs erst richtig begriffen: „Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Unglaublich!

Ein Mann (Ende 60): Meine Arbeitsstelle befand sich in der Invalidenstraße in Berlin-Mitte. Von einigen Zimmern unserer Abteilung aus hatte man gute Sicht auf die Kontroll- und Absperranlagen des Grenzübergangs. Nun begab es sich aber, dass unsere Arbeitsgruppe am 9. November 1989 morgens zu einer Exkursion nach Unterwellenborn in Thüringen in das dortige Stahl- und Walzwerk aufbrach. Nachdem wir den Tag mit Betriebsbesichtigung und Fachdiskussionen verbracht hatten, ging es am Abend in die Traditionsgaststätte „Das Loch“ in Saalfeld. Diese Lokalität erwies sich sogar als „schwarzes Loch“, denn Informationen über die Vorgänge an der Berliner Mauer drangen nicht hinein. Erst am nächsten Morgen beim Frühstück erfuhren wir vom Mauerfall. Unverzüglich machten wir uns mit dem Robur-Kleinbus auf die Rückfahrt, die aber wegen der vielen Autos, die nach Berlin hineindrängten, eine Ewigkeit dauern sollte. Zu Hause angekommen fand ich einen Zettel meiner Frau auf dem Küchentisch: „Bin mit den Kindern in Westberlin“. Da hielt auch mich nichts: Mit einer Freundin ging‘s über die Friedrichstraße auf den Ku‘damm, von dem wir erst weit nach Mitternacht zurückkehrten.
 

„In Duderstadt ist das Geld alle“

Eine Frau (70): Der 9. November 1989 begann in unserer Familie wie jeder Tag. Abends verfolgten wir die politische Lage in den West- und den Ostnachrichten. Und dann auf beiden Kanälen die Nachricht von Herrn Schabowski. Wir konnten es nicht glauben…  Am nächsten Tag war die Firma wie leer gefegt. Mittags fuhren meine große Tochter und ich zur Friedrichstraße, um weiter zum Zoo zu fahren. Wir mussten einfach die offene Grenze erleben. Die Menschenmassen auf und um den Bahnhof waren enorm groß, wie nie zuvor erlebt. Und das Besondere: Alle  waren  friedlich und voller Erwartungen.

Ein Mann (Mitte 80): Am 9. November war mir der tägliche Nachrichtencheck (Tagesschau, Aktuelle Kamera) erst am späten Abend möglich. Die sensationellen Meldungen über bevorstehende Grenzöffnungen waren Anlass, sofort meine Frau zu wecken, sie zu informieren und ihr klarzumachen, dass sie nicht träumen würde. Wir brauchten eine Weile, um zu begreifen, was gemeldet worden war: Sollte es plötzlich möglich werden, Verwandte und Freunde in der alten Heimat ohne Einschränkungen zu besuchen? Sollte es möglich werden, angstfrei Meinungen zu äußern und auszutauschen? Hoffnung machte uns, dass der 9. November friedlich verlief. Die große Frage war, ob es dabei bleiben würde. Schon früh am Morgen des 10. November rief uns eine australische Freundin aus Adelaide an und gratulierte zum Mauerfall. Gegen Abend fuhren wir ein erstes Mal nach Westberlin. Der Kurfürstendamm war voller Menschen. Über einen Bildschirm flackerte in großen Buchstaben: „In Duderstadt ist das Geld alle“, eine Folge des tagsüber ausgezahlten Begrüßungsgeldes. Wir trafen Bekannte aus Ostberlin – und umarmten uns. Am Ende des Tages träumten wir davon, dass es den DDR-Bürgern nun gelingen würde, gemeinsam für ein Zusammenleben in Freiheit und Würde zu sorgen.