21.07.2021

Die Brotzusage im Evangelium

Was den Hunger stillt

Das Volk Israel leidet in der Wüste Hunger. Und die Leute, die Jesus quer über den See in die Einsamkeit folgen, haben die Brotvermehrung im Hinterkopf. Gott sorgt für Brot, aber Jesus mahnt: Essen allein genügt nicht.

Ein Laib Brot liegt auf einer weißen Tischdecke
Das Brot: ein Symbol für das, was wir wirklich brauchen 

Von Anna Sirovátková

Viele wissen: Wohlstand, Ansehen und Sicherheit allein können uns innerlich nicht erfüllen. Wir können uns trotz aller Erfolge leer fühlen, ausgebrannt, regelrecht hungrig. Vielleicht sind deshalb Sinnsuchertage im Kloster so beliebt, auch bei Managerinnen oder Chefärzten. Jesus scheint genau auf diesen Seelenhunger einzugehen, wenn er sagt: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern. Der Satz klingt gut, aber was heißt er genau?

Ich bin das Brot 

Brot als Bild gefällt mir. Es hat etwas Ehrliches. Zu Jesu Zeiten war es die Sättigungsbeilage, die zu jedem Essen gereicht wurde. Auf Brot konnte man nicht verzichten, sonst wäre man hungrig geblieben. 

Wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern

Was wäre, wenn man diesen Satz wörtlich nehmen würde? Für uns Europäer ist er nicht sonderlich verlockend, denn eigentlich hungern wir nie. Übersetzt in unsere Lebenssituation könnte es heißen:„… der kommt nie mehr in materielle Bedrängnis“. Das allerdings wäre uns schon angenehm und vielen würde ein Stein vom Herzen fallen. Eine Grundsorge fiele weg, von der selbst Besserverdienende nicht verschont sind. Ist das gemeint, dass eine Grundsorge wegfällt?

Jesus hat seine Brotzusage nicht wörtlich gemeint. Er benutzt jedoch ein Bild, das einleuchtet: nie mehr von Mangel bedroht sein. Wie könnte man das erreichen? Wie wäre es möglich, von dem Brot, das Jesus ist, zu essen, um nie mehr von Mangel bedroht zu sein? Auch die Menschen im Evangelium fragen danach: Was müssen wir tun? Jesus antwortet dies:  

Glaubt an den, den Gott gesandt hat

Hier ist es gut, sich nicht zu schnell zufriedenzugeben. Denn: Einfach nur für wahr halten, dass Jesus Gottes Sohn ist und sonst den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen, ist kaum ausreichend. Essen ja: verinnerlichen, so, wie es auch tatsächlich beim Stoffwechsel geschieht. Was ich esse, wird zu einem Teil von mir selbst. Wer also in diesem Sinne das Brot des Lebens isst, der lässt sich darauf ein, dass Jesus und damit Gott ein Teil von ihm selbst wird – nicht nur irgendein Teil, sondern innerer Brotherr. 

Das bedeutet dann auch: danach fragen und wollen, was Gott will. Sich von Gottes Blick auf die Menschen und von seiner liebenden Logik, von der wir viel in den Gleichnissen erfahren, leiten lassen. Immer tiefer eintauchen in die Suche nach Gottes Nähe. Das alles ist ein lebenslanger Prozess. Aber genau so wird unsere Seele nie mehr hungern.

Müht euch ab für die Speise, die für das ewige Leben bleibt

Ein Mensch, der in dieser Weise von Gott ernährt wird, verändert sich. Er wird die Welt mit anderen Augen sehen und Mangel ist für ihn weniger bedrohlich: Manches wird an Bedeutung verlieren und anderes hingegen wichtiger werden. Die typischen Grundsorgen, etwa im Hinblick auf die Gesundheit, die Zukunft, das finanzielle Auskommen usw. bleiben zwar wichtig, verlieren aber ihren absoluten Stellenwert. Sie sind nicht weiter das höchste Gut. 

Als unser Sohn vor Jahren aus heiterem Himmel einen Anfall von Epilepsie hatte, da dachte ich, dass er jetzt gerade stirbt. Ich weiß nicht wie, aber in dem Moment konnte ich ihn in Gottes Hände legen. Obwohl ich aufgeregt war, fühlte ich mich in dieser Situation getragen, egal wie sie ausgehen möge. Ich empfand, dass letztendlich alles gut ist. 

Ich denke, dass es viele Geschichten von Menschen in Notsituationen gibt, deren einzige wirkliche Hoffnung Gott ist: die Mutter des leukämiekranken Kindes zum Beispiel, die im Glauben eine Stütze findet, oder der afrikanische Vater, dessen Familie bei der Flucht im Mittelmeer ertrunken ist und der trotzdem seinen Glauben nicht verliert. Not lehrt beten, heißt es. 

Natürlich gibt es auch die anderen Beispiele, in denen Menschen verzweifeln. Ich selbst kann nicht für mich garantieren, dass ich in der nächsten bedrohlichen Situation wieder so vertrauensvoll reagiere. Aber ich habe am eigenen Leibe die Erfahrung gemacht, dass es eine Sicherheit gibt, die sich innerweltlich nicht erklären lässt. Das bezieht sich auch auf  weniger dramatische Situationen, die uns beunruhigen: die abwertende Bemerkung des Kollegen, die anstehende Qualitätskontrolle in der Firma. 

In der Abenddämmerung werdet ihr Fleisch zu essen haben

Ein Zweiklang wäre ideal: sich einerseits verantwortungsbewusst um die eigenen Angelegenheiten kümmern, um Gesundheit, Finanzen, Zukunft; denn auch Gott kümmert sich um das Lebensnotwenige, als die Israeliten hungern. Und andererseits einen gesunden Abstand von alledem bewahren, im Wissen, dass in Gott alles aufgehoben ist. 

Wo dies gelingt, da haben wir auch einen viel geringeren Kraftverbrauch. Energien, die nicht mehr für eigene Sorgen aufgebracht werden, können positiv an andere Menschen weitergegeben werden. Der neue, von Gott her liebende Blick ermöglicht es, statt der Sorge um sich selbst, den Mitmenschen und die Schöpfung stärker in den Fokus zu rücken. 

Dieses liebende Tun wiederum erfüllt uns viel mehr als Wohlstand und Ansehen. Eltern, die die schwere Behinderung ihres Kindes und die tägliche Pflege innerlich angenommen haben, stellen fest, wie viel ihnen auch geschenkt wird. Der betuchte Rentner, der sich nun um Geflüchtete kümmert, berichtet davon, dass er endlich etwas Lohnenswertes tue. Menschen, die es gewagt haben, das Sättigungsangebot der Welt loszulassen und sich nicht weiter vorrangig um die „Speise, die wieder verdirbt“ zu kümmern, stellen erstaunt fest, dass sie reicher leben als zuvor.

Ja, stimmt denn das wirklich – auch für mich? Es wird nichts anderes übrigbleiben, als es auszuprobieren und den Glaubenssprung zu wagen.