04.11.2021

Vortrag zum Thema Blasphemie

Verfluchte Götter

Seit es Religion gibt, wird darüber auch gelästert. Dass Blasphemie dabei aber nicht immer die gleiche Qualität hat und sich manchmal gar nicht unbedingt gegen Gott richtet, macht der Historiker Gerd Schwerhoff deutlich.

Blasphemie und ihre Spielarten wurden beim Leipziger Leibnizforum thematisiert.    Foto: Anika Ullrich

 

Blasphemie ist kein Relikt aus Zeiten der Inquisition. Das machen auch aktuelle Kontroversen deutlich: So warfen spanische Kirchenvertreter einem jüngst in der Kathedrale von Toledo aufgenommenen Video der Latino-Popstars C. Tangana und Nathy Peluso mit dem provokativen Titel „Ateo“ (Atheist) vor, Gott „schwer zu beleidigen“. Das Video zeigt die beiden Künstler beim sinnlichen Bachata-Tanz inmitten von Heiligendarstellungen und bringt die romantische Liebe als möglichen Weg zur Transzendenz ins Spiel. Der Dekan der Kathedrale, welcher die Drehgenehmigung erteilt hatte, trat wenig später von seinem Amt zurück. Ob das Video als blasphemisch angesehen werden könne, liege indes – wie so oft – im Auge des Betrachters, so Professor Gerd Schwerhoff. Denn wenn man Blasphemie als eine Schmähung des Heiligen verstehe, schließe sich an die Frage nach der Blasphemie nahtlos die Frage an, was Menschen eigentlich heilig sei.

BUCHTIPP
Gerd Schwerhoff, Verfluchte Götter – Die Geschichte der Blasphemie, S. Fischer Verlag, ISBN 978-3-10-397454-6, 29 Euro (auch als eBook erhältlich: EAN 978 31 04 91 09 70, 24,99 Euro)

Regelmäßig Anlass zu (Bilder-)Stürmen und heftigen Kontroversen bot das Thema des Leipziger Leibnizforums am 21. Oktober: Dem ersten starken Herbststurm zum Trotz konnte die Katholische Akademie des Bistums Professor Schwerhoff, Lehrstuhlinhaber für Geschichte der Frühen Neuzeit an der TU Dresden, begrüßen. Der Historiker blickte auf über 2500 Jahre Gotteslästerung zurück.

Gotteslästerung als Beweis der Männlichkeit
Ob blasphemisches Sprechen, Zeichnen und Handeln überhaupt primär auf eine Beleidigung Gottes ziele, sei in der Geschichte im Einzelfall höchst unterschiedlich gewesen: Im Mittelalter hätten Gotteslästerungen und Flüche etwa im Wirtshaus, beim Kartenspiel oder unter Fuhrleuten und Soldaten häufig die Funktion gehabt, die Männlichkeit und Stärke ihrer Urheber zu betonen und seien damit so alltäglich gewesen, dass sie nur in besonderen Fällen strafrechtlich verfolgt worden seien. Blasphemien hätten aber durch alle Epochen hinweg auch die Obrigkeit zum Einschreiten motiviert: Verweigerten frühe Christen eine Beteiligung am spätantiken Kaiserkult, sei dies als eine Gefährdung des Imperium Romanum wahrgenommen und deshalb teils drakonisch verfolgt worden. Im Mittelalter sei dann die Vorstellung verbreitet gewesen, dass Gotteslästerungen Einzelner göttliche Strafen für die Gemeinschaft insgesamt nach sich ziehen würden, so dass sie nicht ungesühnt bleiben durften. Im aufgeklärten Staat der Moderne bis hin zu § 166 des deutschen Strafgesetzbuchs werde die Blasphemie schließlich aufgrund der Störung des öffentlichen Friedens verfolgt. Freilich sei diese Norm in Deutschland zuletzt etwas in Vergessenheit geraten.
Ganz anders ist dies im Fall der Mohammed-Karikaturen. Hier ist das Thema Blasphemie virulent und mündete immer wieder in extremer Gewalt: angefangen von den Darstellungen Kurt Westergaards 2005 in der dänischen Zeitschrift Jyllands Posten bis hin zum Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo 2015 und dem Mord am französischen Lehrer Samuel Paty 2020. Stellt der Abdruck von Mohammed-Karikaturen eine Verteidigung der Meinungsfreiheit dar? Oder handelt es sich dabei um eine gezielte Beleidigung gegenüber Muslimen, in der sich alte, koloniale Überlegenheitsvorstellungen fortsetzen?
Gewalt ist zu verurteilen und lässt sich auch als Bestrafung von Blasphemie nicht rechtfertigen. Religions- und Meinungsfreiheit sind – gerade im Vergleich zu autoritär regierten Staaten wie Russland oder Saudi-Arabien und der dortigen Instrumentalisierung von Blasphemie-Vorwürfen – zu verteidigen. Für Christen stellen sich in einer religiös vielfältiger werdenden Gesellschaft aber weitere Fragen: In welchen Fällen wünscht man sich Respekt und Achtung für das, was einem selbst heilig ist? Wann ist deshalb Zurückhaltung angebracht und wann Kritik auch mit den Mitteln der Blasphemie legitim?

Am 25. November ist Professor Schwerhoff mit seinem Buch ab 19.30 Uhr in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden zu Gast. Anmeldung

Von Jonatan Burger