21.10.2021

Uta von Ballenstedt im Naumburger Dom

Schönste Frau des Mittelalters

Uta von Ballenstedt gehört zu den zwölf Stifterfiguren im Naumburger Dom. Sie starb am 23. Oktober vor 975 Jahren. Über ihr Leben ist ansonsten wenig bekannt.

Die Stifterfigur von Uta von Ballenstedt, der Gemahlin Ekkehards II., Markgraf von Meißen.    Foto: wikimedia/Linsengericht

Der Naumburger Dom gehört zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern des europäischen Hochmittelalters. An der „Straße der Romanik“ in Sachsen-Anhalt ist er einer der internationalen Besuchermagneten. 2018 wurde er zur UNESCO-Welterbestätte erhoben. Der Welterbetitel bedeutet für den Dom, die Stadt und die Saale-Unstrut-Region eine zusätzliche Aufwertung. Inzwischen beschloss die Landesregierung aus dem aktuellen Kohlegeld eine umfassende Sanierung.
Zu den besonderen Attraktionen des Sakralbaus zählen die Stifterfiguren. Mittendrin die Darstellung der berühmten Uta von Ballenstedt. Über die historische Gestalt sind nur wenige Anhaltspunkte überliefert. Ihren internationalen Ruhm als herausragende deutsche Frauengestalt verdankt sie vor allem der Arbeit eines herausragenden Bildhauers. Damit ging sie auch über ihren Tod vor 975 Jahren im Rahmen einer ungewöhnlichen Rezeptionskultur in die Geschichte ein. Uta gedieh zur Ikone, wurde in Prosa und Bühnenstücken verewigt und von den Nazis als „hohes Sinnbild deutscher Frauenwürde“ und Gegenbild zu den Frauendarstellungen von Otto Dix sowie Emil Nolde in Rezeptionsritualen auch missbraucht. Doch dieser Umstand schmälert nicht die Schönheit und Einmaligkeit der Uta-Figur inmitten der Stifterfiguren im Westchor des Doms St. Peter und Paul.
Der Dom wurde nach der vom Papst genehmigten Verlegung des Bischofssitzes von Zeitz nach Naumburg 1210 begonnen, nach der Fertigstellung des Westlettners, des Westchores sowie der Stifterfiguren um 1260 vollendet und vereint in der Nachfolge eines frühromanischen Vorgängerbaus Romanisches und Gotisches. Dabei verdienen die Leistungen des sogenannten „Naumburger Meisters“, dessen wahrer Name nicht überliefert ist, besondere Beachtung. Die Palette seiner Kunstwerke reicht von den Laubkapitellen des Westchores und den Reliefs des Westlettners über die Triumphkreuzgruppe bis zu den zwölf Stifterfiguren, die der Meister als „weltliche Idealfiguren“ darstellte.

Individualität, Körperhaftigkeit und Bewegung
Dazu gehören auch die vier Hauptstifter Hermann und Ekkehard II. mit ihren Frauen Reglindis und Uta. Sie unterscheiden sich von der im 13. Jahrhundert üblichen „typenhaften Darstellung“ durch eine für damalige Verhältnisse ungewöhnliche „Individualität, Körperhaftigkeit und Bewegung“ und erreichen in der Uta-Figur ihre Krönung. Aufrecht, selbstbewusst und mit hochgeschlagenem Mantelkragen verkörpert sie mit ihrer individuellen Ausprägung einen neuartigen Frauentyp.
Erstaunlich ist allerdings, dass diese Besonderheit einige Jahrhunderte fast unterging. Selbst kunstsinnige Betrachter wie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller zeigten an den Stifterfiguren mit Uta kein Interesse. Auch Friedrich Nietzsche fand keinen Bezug, obwohl der Naumburger Landrat Lepsius schon 1822 erste Versuche zur Aufwertung unternommen hatte. Es war letztlich Gerhart Hauptmann, der Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Qualität in der Rezeptionsgeschichte ins Rollen brachte. Die Stifterfiguren wurden abgelichtet und zum „deutschen Mythos“ erhoben. Uta gedieh zur Ikone. Ihr Bild zierte nun deutsche Mädchenzimmer. Historiker traten auf den Plan.
  Doch nur wenige Geschichtsfakten zu den Hauptstiftern mit Uta konnten noch erschlossen werden. Die Schöne wurde um 1000 in Ballenstedt im Harz geboren, war eine Tochter des Grafen Adalbert von Ballenstedt und hatte mit Esiko von Ballenstedt einen Bruder, der bis heute als Stammvater des Fürstenhauses der Askanier gilt, das zeitweilig mit den Staufern und Welfen konkurrierte. Die Ballenstedter Grafentochter entwickelte sich zur Schönheit und wurde aus machtpolitischen Gründen mit Ekkehard II. verheiratet, einem Sohn Ekkehards I. und Markgraf von Meißen. Vater Ekkehard I. war schon 985 von der Regentin Theophanu als treuer Gefolgsmann der Ottonen mit der Mark Meißen belehnt worden, hatte auf Ottos III. Italienfeldzug die Engelsburg in Rom erobert und dann den böhmischen Herzog zur Lehnshuldigung gezwungen, was seine gehobene Machtstellung festigte. Thietmar von Merseburg bezeichnete ihn deshalb in seiner  Chronik als „Zierde des Reiches und Stütze des Vaterlandes“. Mehr noch. Nach dem frühen Tod Ottos III. gehörte Ekkehard I. sogar zu den drei maßgeblichen Thronanwärtern. Deshalb wurde er am 30. April 1002 in der Harzer Königspfalz Pöhlde von der Konkurrenz ermordet. Danach verlegten Ekkehard II. und sein Bruder Hermann als neue Markgrafen von Meißen ihren Sitz nach Naumburg. Beide heirateten. Während Hermann die polnische Königstochter Reglindis zur Frau nahm, entschied sich Ekkehard II. für Uta von Ballenstedt.
Die Markgrafen residierten mit ihren Frauen hauptsächlich in Naumburg, veranlassten mit umfangreichen Besitzschenkungen an die Kirche die Verlegung des Bischofssitzes von Zeitz in ihre Residenz und brachten den ersten Dombau auf den Weg, der nach 1040 geweiht wurde. Markgraf Ekkehard II. regierte nach dem Tod seines Bruders Hermann 1032 allein die Markgrafschaft, erlebte den Tod seiner Frau am 23. Oktober und starb kurz danach 1046 kinderlos. Mit Folgen. Die Mitgift Utas fiel an ihre Schwester Hazecha, die als Äbtissin über das Kloster Gernrode im Harz gebot. Die Markgrafschaft und die Vogteirechte über das Bistum wurden nach dem Erlöschen der Ekkehardiner neu vergeben. Nachfolger der Ekkehardiner wurden die Wettiner. Beim nachfolgenden Bau des neuen Doms bekamen die Markgrafen Ekkehard II. sowie Hermann und ihre Ehefrauen Uta und Reglindis im Westchor als Hauptstifterfiguren einen Ehrenplatz, wo sie bis heute beeindrucken. Doch allein die Uta-Figur erreichte mit ihrer Vollkommenheit letztlich einen Ikonenstatus.

Von Martin Stolzenau