14.12.2022

Ukrainische Kinder verabschieden sich aus Altbuchhorst

Neue Bleibe bei den Ursulinen

Neun Monate hat das Christian-Schreiber-Haus in Altbuchhorst ukrainische Waisenkinder beherbergt. Am 8. Dezember haben viele Unterstützer die Kinder und ihre Betreuer feierlich verabschiedet. Sie leben jetzt in Neustadt/Dosse.


Eine Gesangsdarbietung ukrainischer Kinder und Erzieherinnen. Links im Bild ist die Erzieherin Vica abgebildet, die Dritte von rechts ist die 14-jährige Sascha.     Foto: Walter Wetzler

Rafaelis Könemann aus der kleinen Hausgemeinschaft der Schwestern Unserer Lieben Frau fand es berührend, beim täglichen Mittagsgebet im Hof des Christian-Schreiber-Hauses gemeinsam mit ukrainischen Kriegsflüchtlingen für den Frieden zu beten. „Ihr habt uns gut getan mit eurer Fröhlichkeit und eurem Gesang“, sagte Hausleiter Roland Gerke den 28 Kindern aus der Ukraine und ihren elf Betreuern bei der Abschiedsfeier am 8. Dezember.

Am Tag darauf zogen seine liebgewonnenen Hausgäste im eigens für sie umgebauten Gästehaus der Ursulinen in Neustadt/Dosse ein. Die Ordensschwestern betreiben im einstigen Landschulheim der Berliner St.-Ursula-Schule seit Jahrzehnten eine Wohnstätte für geistig behinderte Erwachsene. „Ich bin sicher, dass unsere Bewohner die neuen Nachbarn herzlich aufnehmen werden“, sagte die Neustädter Oberin Theresia Grajewski bei der Abschiedsfeier im 130 Kilometer entfernten Altbuchhorst. Im seit längerem nur noch wenig genutzten Gästehaus gibt es genügend Platz für die Waisenkinder, ihre Erzieherinnen und einige vertraute Caritas-Mitarbeiter, die sie bisher unterstützt haben.

Da es anders als im Christian-Schreiber-Haus keinen parallel laufenden Tagungsbetrieb gibt, eignet sich das Haus zudem besser als längerfristige Bleibe. Eine Familie mit zwei leiblichen Kindern und zehn Pflegekindern war bereits vor Wochen in Oranienburg untergekommen.

Dass trotz der für eine Dauerbetreuung nicht ganz optimalen Bedingungen bis zu 59 Kinder im Jugendhaus des Erzbistums eine sichere Zuflucht fanden, ist der Bereitschaft von Entscheidungsträgern in Kirche, Caritas und Politik verdanken, zum Wohl der Kinder neue Wege zu beschreiten. Wege, für die es bisher noch keine rechtlichen Regelung gegeben hatte.

Geholfen ohne Rechtssicherheit

Herausfordernd war besonders der Anfang, erinnert sich Bernadette Feind-Wahlicht, die die Aufnahme koordiniert hat: „Dass komplette Einrichtungen aus Kriegsgebieten in Deutschland aufgenommen werden, war einfach nirgends vorgesehen. Angefangen beim Krankenversicherungsschutz bis hin zur Mit-Aufnahme von leiblichen Kindern der Betreuer mussten wir viele kreative Lösungen finden.“ Unter den Gästen des Abschiedsfestes waren neben Behördenchefs, die unkonventionell halfen, auch Unterstützer, die Geld-und Sachspenden beigesteuert hatten und sich bei der Freizeitgestaltung der zum Teil behinderten Kinder und Jugendlichen einbrachten. Maria Raphaela Plümper von den Schwestern der Heiligen Maria Magdalena Postel in Berlin-Marzahn hatte die Kinder im März in einem kleinen Hilfstransport von der ukrainischen Grenze abgeholt. Seither war sie jede Woche bei ihnen zu Besuch. Hilfsbereite Erwachsene aus der Nachbarschaft des Christian-Schreiber-Hauses backten und malten mit den Kindern, organisierten Ausflüge für sie oder ermöglichten ihnen die Nutzung der örtlichen Sporthalle.

Mit Gedichten, Liedern und landestypischen Leckereien brachten die Gäste ihre Dankbarkeit und zugleich ihr großes Heimweh zum Ausdruck. „Gott beschütze die Ukraine“ sangen sie mit Tränen in den Augen. „Wir waren hier sehr gut aufgehoben. Danke, dass ihr uns so lange ausgehalten habt. Wir sind eine Familie geworden“, sagte die Erzieherin Vica, die vor drei Monaten aus der Ukraine nachgereist war, um eine Kollegin nach mehrmonatigem 24-Stunden-Dauereinsatz abzulösen. Auch für sie selbst sei es trotz der großen Gastfreundschaft in Brandenburg oft schmerzlich, fern ihrer Heimat zu sein. Tröstlich empfinde sie es, für die drei Kinder da zu sein, die ihr speziell anvertraut sind. Die 14-Jährige Sascha fühlt sich getröstet, wenn sie singen oder Musik hören darf. „Musik liegt in den Genen jedes Ukrainers“, weiß sie. Sie vermisst besonders ihre Mama, die Schule und Leibgerichte wie ukrainische Wurstsuppe oder Quarkpfannkuchen.

„Da geht mir das Herz auf...!“

Wenn Bernadette Feind-Wahlicht auf die zurückliegenden Monate zurückblickt, empfindet sie vor allem Dankbarkeit für all die Unterstützung. Beeindruckt hat sie besonders der Einsatz der ukrainischen Erzieherinnen: „Was ihr rund um die Uhr liebevoll für die Kinder geleistet habt, war übermenschlich. Es war mir eine Ehre, mit euch zusammen arbeiten zu dürfen“, sagte sie bei der Abschiedsfeier. Dankbar stimmt sie auch die Entwicklung der Kinder: „Viele sind anfangs schon verängstigt zusammengezuckt, wenn nur eine Tür zuklappte. Ein kleiner Junge hat sich an den Beinen einer Betreuerin festgekrallt, als ich ihn das erste Mal sah“, erinnert sie sich und beschreibt den Unterschied: „Wenn ich ihn erlebe, wie er heute fröhlich singt, tanzt, lacht und plappert, geht mir das Herz auf.“

Von Dorothee Wanzek