28.02.2021

Anklage und Urteil im Römerbrief

Über dem Abgrund

Wer kann uns anklagen, wer kann uns verurteilen?, fragt Paulus im Römerbrief. Ungerechte Richter können das, musste Alfred Delp feststellen. Dass aber nur Gott das letzte Urteil spricht, hat ihm Kraft gegeben. 

Pater Alfred Delp, Jesuit, Mitglied des Kreisauer Kreises im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, hingerichtet in Berlin-Plötzensee, vor dem Volksgerichtshof 1945 in Berlin.
Pater Alfred Delp während des Prozesses vor dem Volksgerichtshof im Januar 1945

Von Christian Feldmann

„Wir haben nur gedacht. Wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben“, schrieb Helmuth James Graf von Moltke kurz vor seiner Hinrichtung durch die Nazis. „Wenn das nicht ein Kompliment ist!“ Einer seiner Mitstreiter in der Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ war der Jesuitenpater Alfred Delp, früher Männerseelsorger und Redakteur der Ordenszeitschrift „Stimmen der Zeit“ in München. Beide standen Anfang 1945 vor Gericht, weil sie sich den Luxus eines selbstständigen Denkens geleistet hatten: Im „Kreisauer Kreis“ führten sie Gespräche über einen gesellschaftlichen Neuaufbau nach dem erhofften Ende des Nazireiches.

Die Gestapo verhaftet Pater Delp am 28. Juli 1944, kurz nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler, von dessen Planung man bei den Kreisauern angeblich gewusst hat. Im Gefängnis nimmt man ihm alle persönlichen Sachen weg, Hosenträger, Gürtel, Krawatte, Schnürsenkel – damit er sich nicht aus Verzweiflung aufhängen kann –, sogar seine Taschenbibel, weil darin eine Säge oder Rasierklingen versteckt sein könnten. Die Zelle ist die ganze Nacht beleuchtet. Er bekommt Handfesseln angelegt, die man ihm in den nächsten Wochen nicht einmal nachts abnimmt.

Hitler persönlich hat „verschärfte Vernehmungen“ über mögliche Hintermänner des Attentats angeordnet, und Delp wird regelmäßig in den Folterkeller geschleppt, wo geschulte und skrupellose Schläger bereitstehen; der Priester verrät niemanden und erzählt nach den Prügelorgien nur beiläufig, er fühle sich „trostlos, hilflos“. 

Enttäuschung und finstere Depression bestimmen die Notizen, die er mit gefesselten Händen auf Papierfetzen kritzelt und dann mit der Schmutzwäsche nach draußen schmuggelt: „Im großen Ganzen sind wir auf ein Seil gesetzt und sollen über einen Abgrund laufen und dazu schießen sie noch mit Scharfschützen auf uns. Und dauernd fallen welche herunter.“ Das Satz aus der heutigen Lesung, dass „Gott seinen eigenen Sohn nicht verschont“ hat, hier wird er greifbar.

Greifbar ist aber auch der tapfere Versuch, diesen Aufenthalt in der Hölle zur Begegnung mit Gott werden zu lassen: „Der Herrgott holt uns von allen Postamenten herunter. Was ich sonst so elegant und selbstsicher unternahm, ist zerbrochen. Er hat mich eingefangen und gestellt.“ Am nächsten Tag mitten im Gebet, die abgrundtiefe Verzweiflung: „Hilf mir aushalten, sonst zerreißt es mich wieder. Und dabei alles so aussichtslos wie am ersten Tag.“

„Lasst uns die Schrecken nicht fürchten“

Alfred Delp hat Angst vor der Anklage und den falschen Zeugen und dem Urteil, das vermutlich längst feststeht. Angst vor dem Vernichtungswillen des berüchtigten Vorsitzenden des Volksgerichtshofs, Roland Freisler – der ist hochintelligent, bösartig und dafür bekannt, dass er seine Angeklagten nicht überführen, sondern zerstören will. Delp hat Todesangst. Panisch betet er um ein Wunder, setzt ein Stückchen Hoffnung auf ein Gnadengesuch seiner Eltern. „Ganz ehrlich gesagt, ich glaube noch nicht an den Galgen.“ Und fragt sich die ganze Zeit, ob er richtig gehandelt hat mit seinem Engagement für ein besseres Deutschland und ob die ganze riskante Arbeit überhaupt einen Sinn gehabt hat.

Und erlebt dabei Momente eines verrückten Glücks, wenn in der Finsternis plötzlich ein Licht aufleuchtet und der schweigende Gott zu sprechen beginnt. „Lasst uns die Straßen und Schrecken des Lebens nicht scheuen und fürchten“, schreibt Delp an Weihnachten 1944 in seiner Gefängniszelle, „in uns ist ein Neues geworden und wir wollen nicht müde werden, dem Stern der Verheißungen zu glauben und den singenden Engeln ihr Gloria zuzugestehen, wenn auch manchmal unter Tränen. Es wurde doch unsere Not gewendet, weil wir ihr überlegen geworden sind.“ Ein kurzer Moment des Glücks – vielleicht ist das der Moment, in dem, wie Paulus schreibt, „Christus für uns eintritt“.

Am Ende seines kurzen Lebens – Delp ist nur 37 Jahre alt geworden – hat er begriffen, dass er allein Gott verantwortlich ist, dass allein Gott gerecht macht; dass die Anklage der braunen Herrenmenschen und das Urteil des Blutrichters Freisler nur in einer vorläufigen Dimension gelten. Dass sie ihn umbringen können – das ist real und furchtbar –, aber nicht seine Würde, nicht die Menschlichkeit und schon gar nicht die Wahrheit. Delp: „Eher hoff ich mich zu Tod, als dass ich im Unglauben krepiere.“

„Wenn ich sterben muss: Ich weiß, warum“

Roland Freisler scheint das tief in seiner zerstörten Seele auch begriffen zu haben. „Eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam“, gesteht er Delps Freund Moltke höhnisch zu: „Wir verlangen den ganzen Menschen!“ Den Angeklagten Delp brüllt er an, tobend, mit sich überschlagender Stimme: „Eine Ratte – zertreten sollte man so was! Jetzt sagen Sie uns mal, was Sie als Priester dazu gebracht hat, die Kanzel zu verlassen und sich in die deutsche Politik einzumischen.“ Delps Antwort kommt ruhig, souverän, ohne Zögern: „Solange der Mensch menschenunwürdig und unmenschlich leben muss, solange wird der Durchschnitt den Verhältnissen erliegen und weder beten noch denken. Es braucht die gründliche Änderung der Zustände des Lebens.“

Als das Todesurteil gesprochen ist – bis zur Hinrichtung vergehen noch drei quälende Wochen –, zieht Delp das Fazit, nun habe sein Dasein „ein gutes Thema bekommen, für das sich leben und sterben lässt. Wenn ich sterben muss: Ich weiß wenigstens, warum. Gott ist gut. Bitte beten. Von dort aus werde ich antworten.“ Denn wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns?