18.10.2018

Suizid-Präventionsprojekt U25 der Caritas im Erzbistum Berlin

Ein Zug gegen den Suizid

Das Suizid-Präventionsprojekt U25 der Caritas im Erzbistum Berlin machte am 13. Oktober mit einer S-Bahn auf die tabuisierte Thematik der Selbstmorde junger Menschen aufmerksam.

Die U25-Beschriftung auf dem S-Bahn-Sonderzug der Ringbahn 41. | Fotos: Walter Plümpe

 

„Herzlich willkommen im Sonderzug für das Leben! Wir danken für die Mitfahrt und freuen uns, Sie über die Online-Suizidprävention U25 der Caritas zu informieren.“ So wurden die Fahrgäste der Ringbahn 41 einen ganzen Nachmittag von einer jungen Stimme begrüßt. „Wir als Gleichaltrige beraten 1200 Kinder und Jugendliche pro Jahr in einem schweren Lebensabschnitt.“
„Junge Menschen ansprechen, das kann jeder“, ermutigte Caritas-Direktorin Ulrike Kostka zuvor die 50 Peers (Gleichaltrige) aus ganz Deutschland. Thomas Götz, Landespsychiatrie-Beauftragter, betonte, dass Suizid die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen ist. Der Versuch einer Selbsttötung sei in aller Regel nicht Ausdruck einer krankhaften Entwicklung, sondern Signal eines inneren und äußeren Konflikts. Peter Buchner, S-Bahn-Chef, lobte das „tolle, vorbildliche Engagement“, das die Bahn in ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gern unterstütze.
 
Dennis Graf (16) ist der jüngste Caritas-Berater Deutschlands.

Erfüllende Tätigkeit, die unter die Haut geht
Während der Fahrten verteilten die ehrenamtlichen Helfer Informationen und führten viele Gespräche. Die 22-jährige Krankenschwester Sophie aus Nürnberg ist in der Regel mit drei Klienten im Online-Kontakt. Sie trifft sich alle zwei Wochen im U25-Team und ist erfreut über viele positive Rückmeldungen. Eine 21-Jährige aus Hamburg betreut bis zu fünf Klienten gleichzeitig. „Eine erfüllende Tätigkeit, die viel bewegt und meinen Horizont erweitert.“
Auch Abiturient Dennis Graf, mit 16 Jahren der jüngste Freiwillige, hatte sich das weiße T-Shirt mit der Beschriftung „Du bist mir wichtig“ übergestreift. Diese Mail-Beratungen wirkten oft Wunder, erzählte der Berliner aus Tempelhof. Durch den schriftlichen Gedankenaustausch per Mails bestehe mehr Zeit zum Überlegen. Oft gehen ihm die Fälle unter die Haut. Daher ist eine regelmäßige Supervision und professionelle Hilfe unerlässlich. „So viele denken daran, sich das Leben zu nehmen. Viele scheuen sich, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil für Unter-18-Jährige die Zustimmung der Eltern erforderlich ist.“ Das U25-Angebot ist dagegen kostenlos und anonym. Als einer von 52 Peers aus Berlin hat er die viermonatige Ausbildung der Caritas durchlaufen. Auf das Thema ist er im Freundeskreis gestoßen und will jetzt anderen helfen.
„Wer sonst sollte auf die Signale von Suizidgefährdeten achten, wenn nicht die Kirche?“, fragte ein Mitfahrer in der S-Bahn. Typische Signale sind Abkapseln von Freunden und Familie, starke Veränderungen von Ess- oder Schlafgewohnheiten, Depression und andere psychische Belastungen, Hoffnungslosigkeit, Äußerungen wie „Ich kann nicht mehr“, fehlendes Interesse für Freizeitaktivitäten und Hobbys, selbstgefährdender Lebensstil. Die wichtigste Hilfe ist stets das Zuhören, Geduld und Verständnis zeigen, Suizidgedanken ernst nehmen, eine Begleitung zum Arzt oder zur Beratung anbieten – zum Beispiel durch U25.
Noch ist das Sprechen über Selbsttötung ein Tabu. Dabei nehmen sich in Deutschland etwa 10 000 Menschen jährlich das Leben. Im Straßenverkehr sterben etwa 4000 im gleichen Zeitraum. Auf eine Selbsttötung kommen zehn bis 20 Versuche. Den höchsten Anteil haben dabei 15- bis 25-jährige Frauen und Mädchen.

 
Drei Hilfsschritte und vier Irrtümer
„In 3 Schritten zum Lebensretter“ steht auf einer Aktionskarte der Caritas:
  1. Sei achtsam mit dir und deinen Mitmenschen.
  2. Höre zu und frage konkret nach.
  3. Bleibe mit dem Gehörten nicht allein – hol dir Unterstützung.
Außerdem macht der Deutsche Caritasverband auf vier weit verbreitete Vorurteile aufmerksam:
  • „Wer einmal versucht hat, sich umzubringen, versucht es kein zweites Mal.“ Richtig ist: Wer schon einen Versuch hinter sich hat, ist in besonderer Gefahr, es noch einmal zu probieren.
  • „Wer damit droht, sich umzubringen, macht es sowieso nicht.“ Richtig ist: 80 Prozent aller Selbsttötungen werden vorher angekündigt.
  • „Viele Suizide sind eine spontane Reaktion auf ein schlimmes Ereignis.“ Richtig ist: Die meisten Selbsttötungen sind monatelang geplant.
  • „Jemanden auf das Thema Suizid anzusprechen, bringt die Person erst recht auf die Idee.“ Richtig ist: Wer gefährdet ist, ist meist froh darüber, angesprochen zu werden.
Anna Gleininger, Projektleiterin von U25 in Berlin, weiß, dass Jugendliche selten klassische Beratungsangebote annehmen. „Die Hemmschwelle ist im Internet vier geringer.“ Es ist ihr wichtig, dass Gleichaltrige beraten. „Möglicherweise haben sie ähnliche Erfahrungen gemacht, außerdem ist ihre Sprache eine andere als die von Erwachsenen.“ Das Ziel ist, eine Beziehung aufzubauen, denn wer zu anderen Kontakt hat, bringt sich seltener um.

Kostenlose und anonyme Beratung: www.u25-berlin.de; www.u25-deutschland.de
 
Zur Sache: Selbst zum Helfer werden
Berlin ist mit einem Netz von Beratungsstellen freier Träger überzogen, dem Berliner Netzwerk zur Suizidprävention. Seit 2013 gehört auch das niederschwellige Online-Angebot U25 des Berliner Caritasverbandes dazu.
Die Caritas sucht Freiwillige zwischen 16 und 25 Jahren, die ehrenamtliche Peerberater im U25-Suizid-Präventionsprojekt werden wollen. Die Ausbildung dauert vier Monate (zehn Termine). Weitere Informationen und die genauen Termine: www.u25-berlin.de; Große Hamburger Straße 18, 10115 Berlin; 0 30 / 66 63 34 80
 
Von Walter Plümpe