23.01.2020

Trauerbegleitung des Malteser Hilfsdienstes in Berlin

Ich begleite zurück ins Leben

Regina Ehm vom Malteser Hilfsdienst unterstützt als Trauerbegleiterin Menschen, die jemanden verloren haben. Denn wenn der Tod den Menschen nahekommt, fühlen sie sich oft alleingelassen.

Regina Ehm hat die Traueranlaufstelle der Malteser in Berlin aufgebaut.    Foto: Malteser Berlin

Sie hat tagtäglich mit dem Tod zu tun. „Andere finden es oft schlimm und schrecklich, sich mit dem Thema zu beschäftigen“, sagt Regina Ehm. Doch für die 38-Jährige gehören Tod und Trauer zum Berufsalltag. Die Berlinerin ist hauptamtliche Trauerbegleiterin und Koordinatorin in der Traueranlaufstelle der Malteser in Berlin. Damit ist sie beruflich an der Seite von Menschen, die trauern. Dass der Fokus ihrer Arbeit auf dem Tod liegt, glaubt sie nicht: „Vielmehr begleite ich die Leute zurück ins Leben.“
Als ihr eigener Vater starb, war sie gerade 17. Damals, so sagt die Sozialpädagogin, habe der Tod für sie seinen Schrecken verloren. In ihrer Diplomarbeit beschäftigte sie sich zum ersten Mal professionell mit dem Thema. „Denn was interessiert dich so, dass es dich auf 80 Seiten fesselt?“, fragte sie sich. Nach einigen Monaten gab sie ihre Arbeit über „Ehrenamtliche in der Hospizarbeit“ an der Fachhochschule ab. Genau das Thema machte die Berlinerin später zu ihrem Beruf. „Ich wollte denjenigen helfen, bei denen ich dachte, dass es wirklich sinnvoll wäre.“ Denn wenn der Tod den Menschen nahekommt, fühlen sich Trauernde oft alleingelassen.
 

„Trauer vergeht nie ganz, doch sie verändert sich“
Für die Berliner Malteser baute Ehm im Jahr 2008 die „Anlaufstelle für Trauernde“ mit besonderen Angeboten für Menschen, die ihre persönlichen Verluste verarbeiten wollen, auf. Zum Trauerangebot der Malteser gehören in der Hauptstadt inzwischen neben Einzelberatungen zwei Gruppen für Hinterbliebene, ein Kochtreff und ein Trauergesprächskreis. Alleinstehende, Jungverwitwete, aber auch Ehepartner, die lange Jahre verheiratet waren oder verwaiste Eltern finden dort Hilfe.
Die Menschen, die Ehm und ihr Team unterstützen, schöpfen durch die Trauerbegleitung neuen Mut und Zuversicht. Hinterbliebene lernen, mit ihrem Schmerz umzugehen. „Trauer wird nie ganz vergehen, doch sie verändert sich“, erklärt Ehm. Bricht manch ein Trauernder anfangs noch unvermittelt beim Anblick des Lieblingsessens des Verstorbenen in Tränen aus, vergehen solche plötzlichen Gefühls- ausbrüche im Laufe der Zeit.
Die Trauerbegleiter helfen den Trauernden, sich auf den Weg zurück ins Leben zu machen. Sie hören zu und beraten individuell. Alles ist freiwillig, nichts muss. „Ratschläge sind tabu in unserem Job“, sagt sie. Es geht darum, die Hinterbliebenen zu bestärken: „Tun Sie das, was Ihnen guttut!“ Gemeinsam mit den Trauernden finden Ehm und ihre Kolleginnen heraus, aus welchen Ressourcen die Hinterbliebenen Kraft schöpfen können. „Das kann eine Tasse Kaffee am Morgen sein, Yoga, ein Ehrenamt oder die Chance, wieder an ein altes Hobby anzuknüpfen“, erklärt sie.
Auch für die direkte Trauerzeit nach dem Tod gebe es sehr heilsame Rituale für Betroffene. Vielen Trauerenden helfe es zum Beispiel, einen Verstorbenen noch einmal zu sehen und ihn zu berühren. „Eine Hand zu halten oder Haut zu berühren, die sich kalt und hart anfühlt, macht den Tod manchmal erst begreifbar.“
In der Trauerbegleitung bestärken Ehm und ihre Kolleginnen die Betroffenen zudem darin, dass jede Trauer ihre Zeit brauche. Denn nicht selten reagiere das Umfeld mit Unverständnis, wenn jemand nach Jahren noch nicht über seinen Verlust hinweg ist. Sätze wie „Jetzt muss gut sein.“ oder: „Bist du immer noch nicht darüber hinweg?“ schmerzen. „Doch jede Trauer ist anders“, sagt Ehm.
Sie ist der Meinung, dass viele Menschen den Umgang mit Trauer verlernt hätten. Bekannte und Freunde der Angehörigen wechseln die Straßenseite aus Angst, etwas Falsches zu sagen oder weil ihnen die Worte fehlten. Dabei wünschten sich Betroffene oft das Gegenteil. Für sie sei es wichtig, über ihren Verlust zu sprechen. „Es hilft, wenn Trauernde in solchen Situationen sagen: ,Ja, es war schlimm, was ich erlebt habe, aber du kannst mit mir umgehen wie immer.‘“
Dass die Gesellschaft verlernt habe, zu trauern, sei den veränderten Lebenssituationen geschuldet. War Trauer früher in den Großfamilien ein Ereignis, an dem das ganze Dorf teilnahm, sei das Sterben heutzutage vor allem in Großstädten anonym und im Alltag nicht mehr sichtbar.
 
Im geschützten Raum über Gefühle reden
Der Tod ist ein Tabuthema. Die Zurückhaltung gegenüber Trauernden kann auch ein Grund dafür sein, dass sich die Menschen wieder häufiger an professionelle Trauerbegleiter wenden. In einem geschützten Raum offen über seine Gefühle zu reden, sei wichtig. Noch etwas beobachtet die Sozialpädagogin bei ihrer Arbeit: „Wenn das Sterben eines Menschen gut begleitet wurde, ist das eine gute Grundlage für spätere Trauerarbeit“, sagt sie.
Regina Ehm erfüllt es in ihrem Beruf, die Klienten bei ihrem ganz eigenen Weg in der Trauerarbeit zu unterstützen. Ehrlich muss sie dabei sein und auf die richtigen Worte achten. „Viele Menschen denken, es geht nicht weiter. Wir überlegen dann gemeinsam, wie man dem Leben wieder einen Sinn geben kann.“ Die hauptamtliche Trauerbegleiterin nimmt aus solchen Gesprächen auch viel für sich mit. „Durch meinen Beruf wird mir immer wieder klar, welche Dinge wichtig sind im Leben.“

Info: 030/ 656 61 78-26 oder hospiz-berlin@malteser.org
 
Von Diana Bade