01.10.2015

Anstoß 40/2015

Tiefkühlpizza

Ein Vierteljahrhundert ist die deutsch-deutsche Wiedervereinigung inzwischen her. Daran erinnert mich ein Abstecher in die Buchhandlung auf dem Leipziger Hauptbahnhof.

Für den Buchmarkt scheint das Jubiläum eine gute Gelegenheit zu sein. Da wird analysiert und diskutiert, wie es 25 Jahre danach denn nun aussieht mit der äußeren und inneren Einheit in Deutschland. Und zu guter Letzt lese ich noch den verheißungsvollen Titel „Schnauze Ossi!: Zwei Wessis pöbeln zurück“. Nachdem ich diese Drohung verdaut und die meisten Bücher unter der Rubrik „Brauchst du nicht!“ abgespeichert habe, sitze ich im Zug und freue mich, nach einem langen Tag bald zuhause zu sein.
Aber das Thema fährt mit. Am Abend schleiche ich müde durch den Supermarkt und schaue mir an, was da in den Einkaufswagen gewandert ist. An dem, was ich im Korb habe, kann man mit Sicherheit nicht mehr erkennen, woher ich komme. Neben einer Tube Dentagard, die mir am Morgen ausgegangen ist, liegt eine Tiefkühlpizza mit extradickem Boden, die verrät, dass ich wieder einmal nichts im Kühlschrank habe. Was das Einkaufen angeht, dürfte die Wiedervereinigung ein voller Erfolg gewesen sein. Die Gewohnheiten haben sich angeglichen.
Habe ich eigentlich einen Grund zum Jammern? Oder sollte ich dankbar sein und feiern, weil ich inzwischen in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten lebe? Wahrscheinlich stand uns noch nie so viel zur Verfügung wie heute. Auch darin war die Wiedervereinigung mit Sicherheit ein Erfolg. Trotzdem ist mir ehrlich gesagt nicht nach Feiern zumute. Auch wenn es uns wirtschaftlich wirklich gut geht, sind immer mehr Menschen besorgt und abgehetzt unterwegs. Wir machen uns Sorgen um die Familie, die Arbeit, die Gesundheit, das Alter, die Zukunft und natürlich um die Stabilität des Euro. Wir haben keine Zeit, weil wir nach der Arbeit unbedingt noch einkaufen müssen, zum Sport, ins Kino oder ins Theater, zur Elternversammlung, vor den Fernseher oder ins Internet, um dann am Morgen kaum entspannt bei der Arbeit zu erscheinen. Und am Ende liegt eine Tiefkühlpizza im Einkaufswagen, weil das schneller geht.
Wir sparen Zeit und haben doch immer weniger davon. Irgendwie erinnert mich das an „Momo“, dieses wundervolle Buch von Michael Ende. Da helfen graue Herren den Menschen, Zeit zu sparen, aber je mehr die Menschen sparen, desto weniger Zeit haben sie.
Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum in unserem Land Gott immer weniger anzukommen scheint. Die Menschen haben schlicht und ergreifend keine Zeit mehr. Aus den Evangelien wissen wir aber, dass es sein Sohn liebte, sich von den Menschen einladen zu lassen und mit ihnen das Leben zu feiern.
Manchmal gönne ich mir das auch. Ich lade mir Gäste ein und koche selber. An solchen Tagen fällt es mir am Abend leicht, Gott für das Leben zu danken. Ich stehe an der Kasse und überlege: Vielleicht sollte ich auf die Pizza verzichten, an der Gemüsetheke vorbeifahren und selber kochen. Es würde passen, denn an diesem Wochenende ist ja auch noch Erntedank.

Pfarrer Marko Dutzschke, Cottbus