04.04.2019

Deutschordens-Altenzentren in Erfurt und Jena

Ein normaler Lebensraum

Thomas Theisinger leitet Einrichtungen der Deutschordens-Altenzentren in Erfurt und Jena. Wichtig ist ihm, die Biografien der Bewohner im Blick zu behalten. Ebenso die Würde von Pflegebedürftigen und Mitarbeitern.

Begegnung mit Thomas Theisinger: Renate Schulze lebt seit 36 Jahren im Heim. Freude und Lebensmut hat sie nicht verloren.

 

Würde und Wertschätzung in der Pflege sind keine Einbahnstraßen, betont Thomas Theisinger, Geschäftsführer der Altenpflegezentren Deutschordensseniorenhaus in Erfurt und des Luisenhauses in Jena. „Der von uns betreute Mensch hat darauf einen berechtigten Anspruch, dies gilt aber ebenso für unsere engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Theisinger. Dabei ist es ihm wichtig, das Personal der beiden Häuser zu stärken. „Ich muss mich fragen, woraus schöpfen sie ihre Kraft und ich muss Wege finden, die sie im Alltag unterstützen. Ein Beispiel ist die Frage: Wie können die Mitarbeitenden herzlich und zuneigend bleiben, wenn sie selbst im Spagat zwischen Kommen und Sterben der Patienten stehen und damit einer Belastung ausgesetzt sind. Das Abschiednehmen fällt auch unseren Mitarbeitenden nicht leicht, weil in ihrem Dienst Beziehungen wachsen. Sie müssen in ihrer Trauer  aufgefangen und begleitet werden.“

Ein geschützter und neuer Lebensraum
Als christlich geprägter Anbieter ist es den Deutschordens-Altenzentren wichtig, den alt gewordenen Menschen, in seiner besonderen Situation abzuholen. Thomas Theisinger: „Pflegebedürftigkeit ist keine Strafe Gottes und schließt keine Lebensvollzüge aus, sie wird zunehmend ein normaler Lebensvollzug, wenn wir alle sehr alt werden wollen“. Die Seniorinnen und Senioren können in Erfurt und in Jena einen geschützten  und zugleich völlig neuen Lebensraum finden. Ein Raum der Begegnung mit ganz viel Vitalität und professioneller Hilfe, der Betreuung mit einem multiprofessionellen Team. 
Doch diese hat ihren Preis, ist sich Thomas Theisinger aus eigener Erfahrung sicher. „Außenstehende fragen sich oft, was machen die da eigentlich mit dem vielen Geld? Aber gerade auch hier beginnt die Wertschätzung für alle Angestellten, die wir nach Tarif und nicht nach Mindestlohn bezahlen.“ Im Wissen, dass einige Mitarbeitende in ihrem Dienst auch als Seelsorgende tätig sind, bedarf es den fokussierenden Seelsorger. „Ein christliches Haus braucht eine Mitte und einen konkret ansprechbaren Menschen, der die „wunden Seelen“ in den Blick nimmt und allen Menschen eine Wertigkeit vermittelt, jenseits von Pflegegraden. Auch als Angebot für die Frauen und Männer, die hier arbeiten.“
Dazu kommen neben den Pflegenden die dringend gebrauchten Sozialarbeiter, die oft bei Fragen einhaken, die im Kontakt mit dem Pflegepersonal so nicht gestellt werden. Thomas Theisinger: „Wir müssen die Lebensgeschichte, die Biografie der uns anvertrauten Menschen immer mit im Blick haben. Da ist es gut, wenn der Sozialarbeiter Zeit hat, sich hinsetzen kann und zuhört. Manches lässt sich dann auch in der Pflege berücksichtigen. Beispielsweise, wenn es irgendeine Phobie gibt. Auch Missverständnissen und möglichen Aggressionen kann so begegnet werden.
Hier muss auch immer wieder betont werden, dass ein Teil der uns anvertrauten Seniorinnen und Senioren aus den Wirren der Geschichte traumatisiert waren und noch sind! Deshalb benötigen wir in unseren Häusern die Sozialarbeit, weil Altenpflege zugleich immer Lebensbegleitung ist. Unsere Lebensvielfalt an Werten, Kulturen, Biografien  und Gewohnheiten erzwingt geradezu eine Zusammmenarbeit unterschiedlichster Berufsgruppen.“ Insgesamt kommt es darauf an, so Theisinger, nicht in erster Linie zu fragen, was es kostet, sondern darauf zu schauen, was die Senioren davon haben.
Was ist beim Umgang mit alt gewordenen Menschen von Seiten des Personals zu beachten, um ihre Würde zu schützen? In einigen Einrichtungen der Altenpflege werden Bewohner mit „Du“ angeredet oder bekommen gar Spitznamen, wie beispielsweise „Hase“. Was sich dann so anhört: „Komm, mein Hase … .“  Thomas Theisinger dazu: „Mit den Namen bin ich sehr vorsichtig, das kann irritierend und würdelos wirken, insbesondere auf Dritte. Doch mit dem Du ist es sicher so, dass es auf die Beziehung ankommt. Kategorisch ausschließen würde ich es deshalb nicht. In der Altenhilfe wird bereits sehr viel pauschaliert, deshalb kann dieses vertrauensvolle ,Du‘ auch ein Ausdruck von Zutrauen in einer gewachsenen Beziehung sein.“

„Verursache ich so viel Schmutz?“
In Sachen Pflege hat Heimleiter Theisinger stets einige offene Fragen. „Zukunft der Pflege heißt immer, zu schauen, ob all das, was als Pflege gesetzlich definiert wird, auch tatsächlich den betroffenen Menschen entspricht. Der Betroffene, Betreuer und Angehörige werden zu wenig eingebunden in die Prozesse.“ Sind alle täglichen Verrichtungen, bis zu den hauswirtschaftlichen Sichtreinigungen und den Grundreinigungen dringend geboten, oder setzen diese den Bewohner unnötig unter einen Rechtfertigungsdruck? „Versursache ich so viel Schmutz?“
Eine Pflegegesetzgebung, die sich wesentlicher an der Praxis und der Lebenswirklichkeit orientiert und nicht so stark defizitär, wäre wünschenswert. „Seine Wünsche sollte der zu Pflegende selbst grundlegender absprechen können. Fremdbestimmung nach Gesetz und Standards wirkt im Alltag häufig würdelos. Wenn die betroffenen Menschen spüren, ich bin mündig, ich werde trotz mancher Beinträchtigung gehört, meine Bedürfnisse werden berücksichtigt, dann ist dies auch ein wesentliches Stück Sinnerfüllung.“
Der Weg, wohin Pflege sich entwickelt, darf nicht vom Geld abhängen. Heute sei die Situation aber leider so, dass den Pflegeeinrichtungen eine Welle des Misstrauens entgegenschlägt: Von den Kassen, dem Medizinischen Dienst, den Angehörigen. „Hier muss sich etwas ändern. Es geht um Akzeptanz.“ Leider nehme die Verwaltung und die Dokumentation heute sehr viel Zeit in Anspruch, die der betroffene Mensch finanzieren muss, ungefragt.“ Diese Zeit steht dann nicht für die direkte Pflege und Betreuung zur Verfügung. Wichtig sei hier zudem  – auch mit Blick auf die Angehörigen –, als Einrichtung immer in die Öffentlichkeit zu treten, sich zu präsentieren, einzuladen und zu zeigen, was tatsächlich geleistet wird. Denn die uns anvertrauten Menschen werden von uns nicht nur in ihrer Pflegebedürftigkeit wahrgenommen, und sie belegen nicht nur ausschließlich ein Bett!

Abschied nehmen gehört zum Alltag in einem Altenheim dazu. | Fotos: Holger Jakobi

 

Theisinger kritisiert weiter eine anwachsende Kommerzialisierung der Pflege. Vergleichbar mit der aggressiven Mietpolitik. „Die großen Träger ziehen durch das Land und kaufen ein Haus nach dem anderen auf. Vermutlich sind deren Ziele nicht primär der bedürftige Mensch. Leistungsoptimierung, Effektivität, Rücklagenbildung, Rendite, etc. beschädigen auch die Würde in der Pflege.“ Auch hier ist die Politik gefordert zu handeln.
Glücklich wäre Thomas Theisinger über eine gesellschaftliche Aufwertung der Berufe in der Pflege. Eine neue Berufsbezeichnung „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“ wäre ein richtiger Schritt, um die Personalisierung hervorzuheben, entgegen der Funktionalitäten. Da ist ja bereits in der Planung der Generalisierten Pflegeausbildung einiges auf den Weg gebracht worden. Persönlich ist ihm dabei die Ausbildung in den beiden Häusern sehr wichtig, mit einer lebensbejahenden Haltung! Insgesamt gibt es  zirka 20 Auszubildende in der Altenhilfe. „Diese relativ hohe Zahl zeigt auch, dass wir so schlecht in unserem Dienstverständnis nicht sind.“
Insgesamt werden heute im Erfurter Deutschordensseniorenhaus 270 und im Altenzentrum Luisenhaus in Jena 101 Frauen und Männer stationär gepflegt und betreut. Träger beider Häuser ist die Deutschordens-Altenzentren Konrad Adenauer gGmbH mit Sitz in Köln.

Von Holger Jakobi