29.11.2018

Kulturmagazin Polilux im Jerichower Land

Schürze kann zur Stola werden

Die Theologen Daniela Bethge und Emanuel Conrady und weitere Aktive engagieren sich mit dem Kulturmagazin Polilux im Jerichower Land. Conrady bietet in einem Café zudem regional und fair produzierte Lebensmittel an.

Im Café Rotfuchs können Besucher aus einem kleinen gastronomischen Angebot Speisen und Getränke auswählen und genießen, aber auch Lebensmittel aus der Region und fair gehandelte Waren erwerben. Daniela Bethge, Gast Alfred Emmelmann und Emanuel Conrady. | Foto: Eckhard Pohl

 

„2009 machte es in Burg die Runde, dass das Kino ,Burg Theater‘ mangels Besuchern geschlossen werden muss,“ erzählt Emanuel Conrady (33). Er gehörte damals zu einer Gruppe von sechs aus Burg stammenden jungen Leuten, die in Erfurt und anderswo studierten und bereit und voller Elan waren, etwas für ihre Heimatstadt zu tun und sich dabei selbst ein Stück auszuprobieren. „Wir wollten uns mit der Schließung nicht einfach abfinden und  haben ein bisschen gesponnen, wie man es weiterführen könnte, zumal schon so vieles in Burg den Bach runtergegangen war.“
Nach zunächst unverbindlichen Kontakten mit dem bisherigen Besitzer und kommunalen Vertretern gründeten Emanuel Conrady, Daniela Bethge und weitere Engagierte 2010 einen Verein mit dem programmatischen Namen „Weitblick“ – und übernahmen den Kinobetrieb: Sechs Tage die Woche mit täglich zwei Filmen und Angebot von Getränken und Snacks. Hinsichtlich der Filmauswahl versuchten es die neuen Betreiber mit einem anspruchsvollen Programm und einem Mix aus Arthaus- (Arthaus-Filmvertrieb) und Dokumentarfilmen zu Naturschutz und Umwelt, später zur Fluchtthematik, zu Gott und der Welt, aber auch mit Kinderfilmen und Blockbustern (Kassenfüllern). „Selbst wenn wir die Filme in Burg später zeigen als andernorts, sind viele dankbar, dass es das Angebot gibt“, sagt Conrady. Auf Dauer sei es aber schon „eine erhebliche Herausforderung“ gewesen, alles ehrenamtlich leisten zu wollen, sagt Conrady: „zwölf Vorstellungen die Woche, Eintrittskarten verkaufen, Getränke anbieten, neue Filme ordern, Getränke und Snacks bestellen, das Kino reinigen und die Buchhaltung ...“. Heute, neun Jahre nach der Kino-Übernahme, mit Frau, drei Kindern, eigenem Café und der Notwendigkeit, den Lebensunterhalt zu verdienen, ist sich Conrady nicht sicher, ob er noch einmal wagen würde, was er sich als Student zumutete.
Für Mitgründerin Daniela Bethge (36) war es „göttliche Fügung“: „Es gab Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollten. Die Vertreter der Kommune packten mit an, lokale Unternehmen ließen sich nicht lange bitten. Dieses Zusammenspiel machte den Fortbestand des Kinos möglich und begrenzte die finanziellen Risiken.“ Weil es einigermaßen lief, konnte der Verein „Weitblick“ 2016 eine hauptberufliche Stelle für die Kinoleitung und zwei Stellen für ein Freiwilliges Soziales Jahr einrichten. Inzwischen kommen nach Angaben von Conrady bis zu 16 000 Besucher pro Jahr ins Kino Burg Theater. Die Gründergeneration konnte sich inzwischen aus dem aktiven Engagement zurückziehen.
Conrady und Bethge haben beide in Erfurt katholische Theologie mit Magisterabschluss studiert. „Das Fach hat mich interessiert“, sagt Conrady. „Heute bin ich eher so etwas wie ein Weltentheologe. Ich bewege mich zwischen den Welten. Kirche lebt in Ostdeutschland nicht selten als eine Art Subkultur, aber das ist nicht unser Auftrag. Wir gehören auf den Marktplatz des Lebensalltags der Menschen.“ Bethge studierte außerdem Soziale Arbeit und arbeitet als promovierte Theologin in der Heimvolkshochschule Roncalli-Haus in Magdeburg.
 
Die Menschen in der Region bestärken
„2013 standen wir vor der Frage, wie man den Trägerverein und sein Kino weiterentwickeln könnte“, erzählt Conrady. Es entstand die Idee, aus dem gedruckten Kinoprogramm des Burg Theaters ein Kulturmagazin zu schaffen, das Platz für redaktionelle Beiträge rund um Kunst, Kultur, Tourismus, Soziales und Wirtschaft sowie einen umfangreichen Terminkalender mit Veranstaltungen aus dem gesamten Jerichower Land bietet. Ergebnis ist das Magazin „Polilux“. „Anliegen von Polilux ist es, auf die kulturellen Angebote, die es im Jerichower Land gibt, ein Licht (lateinisch lux) zu werfen, sie bekannt zu machen und zugleich die Identität der Menschen hier zu stärken und die Entwicklung des regionalen ländlichen Raums zu fördern. Und als Theologin“, so Bethge, „möchte ich hinzufügen: Wir erzählen den Menschen nicht vordergründig vom Himmelreich, sondern gehen zu ihnen und versuchen, ihnen mit Polilux in ihren Anliegen dienlich zu sein. Wir geben ihnen Aufmerksamkeit und Sprache.“ In der Region sei nicht alles Hochkultur, vieles handgemacht. „Und doch passieren in den kleinsten Klitschen tolle Dinge, die oft viel zu wenig bekannt sind. Etwa, dass im Dorf Klietznick kurz vor Jerichow ein alter Weinberg wieder zum Leben erweckt wurde und jährlich ein Dorffest gefeiert wird. Oder dass in der alten Kirche in Dalchau kleine Konzerte, Lesungen und Ausstellungen stattfinden. Im Polilux berichten wir davon.“
Das kostenfrei in ausgewählte Haushalte mit Posteinwurf versandte und an 200 Stellen ausgelegte Magazin im DIN-A-5-Format hat jeweils einen Themenschwerpunkt. Im Oktober/November-Heft geht es um Tod und Leben, vorausgegangene Ausgaben handelten zum Beispiel von Jugendkultur oder Nachhaltigem Engagement. „Wir greifen allgemeine Themen auf und bereiten sie aus christlicher Perspektive auf“, sagt die Leiterin der vierköpfigen, weithin ehrenamtlich tätigen Redaktion, Daniela Bethge. In jedem der alle zwei Monate erscheinenden 40-seitigen Hefte werden zudem Kino-Filme vorgestellt. Und am Ende gibt es den bis zu zwölf Seiten umfassenden Veranstaltungskalender. Hier finden sich zu Weihnachten und Ostern auch Gottesdienste. Möglich wird die Herausgabe der jeweils 10 000 Exemplare durch Einnahmen aus Werbeanzeigen und den Verzicht auf angemessene Entlohnung aller Beteiligten.
 
Aller zwei Monate erscheint das Kulturmagazin „Polilux“ für den Landkreis Jerichower Land. | Foto: Polilux

 

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt. Emanuel Conrady betreibt heute in Burg das Café „Rotfuchs“ und darin einen Regionalwarenladen. In Gommern werde ein eigenes Bier gebraut. Und in der Leinölmühle Parchen neben Öl auch Leinölschmalz hergestellt, erzählt Conrady. Bier und Leinölschmalz sind neben anderen regional hergestellten Produkten wie Honig, Brause, Fleisch, Wurst oder Seife und fair gehandelten Waren wie Kaffee und Schokolade im Café Rotfuchs zu bekommen. „Damit unterstützen wir die regionalen Hersteller und wollen zugleich das Selbstbewusstsein der Menschen hier stärken.“
Café Rotfuchs befindet sich in der Fußgängerzone. Conrady beschäftigt sieben Mitarbeiterinnen in Teilzeitarbeit. „Ein bis zwei Mal die Woche laden wir zu einem Kulturangebot wie Vortrag, Lesung oder Verkostung ein.“ Einmal im Monat findet ein Spieleabend statt. Auch muslimische Gäste kommen. Durch die Einbindung von regionalen Bäckern, Fleischern, Gärtnern möchte Conrady auch etwas für die Bewahrung der Schöpfung tun. Dass sein Angebot manchen möglichen Gästen, besonders Jugendlichen zu teuer ist, müsse er in Kauf nehmen. Am Karfreitag übrigens habe das Café immer geschlossen, obwohl gerade dieser Tag gastronomisch lukrativ wäre.
 
Als Gastronom schnell auch Seelsorger
„Die Arbeit als Gastronom und Händler hat auch seelsorgliche Momente“, sagt der Theologe. „Die Leute schütten ihr Herz aus. Manche kotzen sich aus. Da könnte man sich manchmal auch die Schürze als Stola umlegen. Der Gast kann bei uns bei einer Tasse Kaffee ausruhen und findet ein offenes Ohr. Wie heißt es bei den Benediktinern: In jedem Gast Christus sehen.“
Für derartiges Engagement brauche man „Leidenschaft, Offenheit, Mut“ und dürfe keine Berührungsängste haben, sagt Bethge. Ob das Arbeitsfelder seien, über die auch andernorts Christen in die Gesellschaft hinein wirken könnten? „Die Gemeinden bräuchten Übungsfelder, um ein solches Engagement zu trainieren.“ Sie selbst hätten solche Möglichkeiten des Ausprobierens in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit gehabt, sagen die beiden Theologen. Conrady überträgt zudem auch den unternehmerischen Grundansatz auf das christliche Engagement: „Wir müssen uns fragen, wo ist eine Marktlücke, was brauchen die Menschen? Und was können wir ihnen anbieten?“
 
Von Eckhard Pohl