17.10.2019

Gut 1000 Menschen haben das Sabbat-Gebet in Halle geschützt

Richtige Antwort auf den Terror

Gut 1000 Menschen haben sich am 11. Oktober mit Kerzen um die Synagoge in Halle gestellt. Sie wollten angesichts des versuchten Anschlags zwei Tage zuvor mit ihrer Aktion das Sabbat-Gebet der jüdischen Gemeinde schützen.

Vertreter der jüdischen Gemeinde bringen den vor der Synagoge in Halle versammelten Menschen Wein und Gebäck auf die Straße. Alle Teilnehmer der Lichterkette zum Schutz des Gottesdienstes in der Synagoge sollen teilhaben an der Freude des beginnenden Sabbats.    Fotos: Eckhardt Pohl

 

Es herrscht weitgehend Stille trotz der vielen Menschen. Einige Hundert, später ist von mehr als Tausend die Rede, stehen mit ihren Kerzen in der zunehmenden Dunkelheit vor der Synagoge in Halle. Sie sind auf Einladung der Kirchen Sachsen-Anhalts gekommen, um an diesem Abend mit ihrer Präsenz das Gebet der jüdischen Gläubigen zum Beginn des Sabbats zu schützen. „Denn ein Angriff auf die jüdische Gemeinde ist ein Angriff auf die Kirchen“, hatten die leitenden Geistlichen der Kirchen formuliert. Schweigend und auf die vielen, vielen Lichter an der Mauer vor der Synagoge oder die Kerze in der Hand blickend, harren sie aus – an einem Ort, wo zwei Tage zuvor ein 27-Jähriger aus der Nähe von Eisleben ein Massaker an der jüdischen Gemeinde verüben wollte, die zum Jom Kippur-Fest versammelt war. Und als dies nicht gelang, eine Passantin erschoss.
An zwei, drei Stellen unter den vielen versammelten Menschen wird leise immer und immer wieder „Shalom chaverim“, ein jüdisches Lied, das vom Friedenswunsch für die Freunde erzählt, gesungen. Es scheint die Menschen zu beruhigen, zu trösten. Frauenstimmen, auch Männer sind zu hören, manchmal erklingt das Lied kurzzeitig als Kanon.
Menschen jeden Alters sind da, viele junge Leute. Sie stellen im Verlauf der einbrechenden Nacht – Gebet und Geschehen in der Synagoge dauern immerhin eineinhalb Stunden – ihre mitgebrachten Kerzen vor die Mauer von Synagoge und jüdischem Friedhof.
An der Freude des Sabbats teilnehmen
Zum Sabbat-Gebet in der Synagoge sind Repräsentanten der Kirchen Sachsen-Anhalts gekommen, unter ihnen auch Generalvikar Bernhard Scholz in Vertretung von Bischof Gerhard Feige, Halles Propst Reinhard Hentschel, Pfarrer Magnus Koschig, auf dessen Pfarreigebiet die Synagoge liegt, evangelischerseits unter anderem Landesbischof Friedrich Kramer und Kirchenpräsident Joachim Liebig. Gekommen sind auch Ministerpräsident Reiner Haseloff und Innenminister Holger Stahlknecht. Sie alle sind eingeladen, in der Synagoge am Gottesdienst teilzunehmen.
Aber auch die Menschen, die draußen mit ihrer Anwesenheit den ruhigen Verlauf des Gottesdienstes mit ihren Kerzen schützen, sollen an der Freude des Sabbats teilhaben, kündigt Landesbischof Kramer an. Und so kommen gleich zu Beginn der Sabbatfeier die den Gottesdienst leitenden jüdischen Vertreter aus der Synagoge heraus auf die Straße. Unter ihnen ist auch ein Rabbiner aus dem kanadischen Montreal. Er spricht ein Gebet, zündet gemeinsam mit Bischof Kramer eine Kerze an und spricht Segensworte über einen kleinen Kelch mit Wein. Und er betont am Ende des kurzen Ritus, dass dieses Tun „die richtige Antwort auf den Terror“ sei, wie er übersetzt wird. Und fügt hinzu: „Nur zusammen gibt es eine friedliche Zukunft.“ Dann bringen Vertreter der jüdischen Gemeinde den Menschen vor der Synagoge Gläschen mit Wein und reichen ihnen dazu süßes Gebäck. Alle sollen eben an der Freude des Sabbats Anteil haben.
 

Lichterkette vom Döner-Imbiss zur Synagoge
Während die Menschen an der Synagoge den drinnen stattfindenden Gottesdienst durch ihre Anwesenheit schützen, haben sich auch 500 Meter davon entfernt vor einem Döner-Imbiss etliche Bürger versammelt. Und auch hier stehen viele Lichter auf dem Fußweg. Vor zwei Tagen hat der Täter hier in den Imbiss-Laden hinein geschossen und einen 20-jährigen jungen Mann und Fan des Halleschen Fußballclubs getötet. Jetzt versuchen nicht zuletzt junge Menschen von hier aus eine Lichterkette hin zur nördlich davon liegenden Synagoge zu bilden entlang der Straße, auf der der Täter hin- und wieder zurückfuhr. Dass die Lichterkette nicht vollständig zustande kommt, ist dabei unwichtig. Deutlich werden soll, dass an beiden Orten aus blindem Hass Menschen bedroht wurden und gestorben sind. Und dass dies nicht wieder vorkommen darf.
Schon am Abend zuvor waren im Paulusviertel, wo sich die Synagoge befindet, rund 900 Menschen zum Gottesdienst in die evangelische Pauluskirche und zum Schweigemarsch zum Ort der Morde gekommen. Auch zahlreiche katholische Christen waren selbstverständlich dabei.
In den Gemeinden der drei Hallenser katholischen Pfarreien wurde – wie wohl auch in allen christlichen Gottesdiensten der Stadt und vielen im Land – am Sonntag mit Schweigeminuten, Fürbitten, ja mit der gesamten Gottesdienstgestaltung für die Opfer des Anschlags, für die jüdische Gemeinde, die Polizisten und eine insgesamt wehrhafte Gesellschaft gebetet.

 

Gebet und Segensworte bei den Menschen auf der Straße vor dem Sabbatgottesdienst. Die jetzt geöffnete Tür im Hintergrund hielt stand, als der Attentäter in die Synagoge eindringen wollte.

 

Stimmen: „Ein Weckruf in die Gesellschaft hinein“
Für Monika Bartl-Kalski (62) müssen die Geschehnisse zum „aufrüttelnden Ereignis werden“. An dem Attentat werde deutlich, „wie schnell Menschen angesichts eigener Unzufriedenheit, tiefen Frusts und fehlender Möglichkeiten, mit anderen darüber zu reden, dazu führen können, sich einen Sündenbock zu suchen“, sagt die katholische Christin. Umso wichtiger sei es, „in der Gesellschaft zusammenzuhalten, über Probleme zu sprechen und nach Lösungen zu suchen.“
Julia Braband (26), Mitglied im Präsidium der Landessynode der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands, die mit Mitstreitern aus Erfurt zur Lichterkette nach Halle gekommen ist, berichtet, wie erschüttert man auch in Thüringen und in der dortigen jüdischen Gemeinde über die Ereignisse ist. Sie selbst sei von der Nachricht „geschockt“ gewesen. „Es musste so kommen, dass die Menschenfeindlichkeit der rechten Kräfte solche Folgen hat.“ Die Entwicklungen seien „zu lange unterschätzt worden“.
Für den Pfarrer der Pfarrei Carl Lampert Halle-Nord, Magnus Koschig (59), ist entscheidend, dass die Zivilgesellschaft als ganze für ein friedliches und sicheres Miteinander sorgt. Mit dem sofort vorgebrachten Vorwurf einer mangelnden Polizeipräsenz könne man sich leicht aus der Verantwortung stehlen. „Wir sollten der Polizei dankbar sein für ihren Dienst. Die Beamten riskieren ihr Leben und müssen sich dann anhören, nicht schnell genug gewesen zu sein. Wir können als Zivilgesellschaft nur gemeinsam dafür sorgen, dass sich jeder Bürger sicher fühlen kann“, so Koschig. Entsprechend sei jeder „gefordert, schon gewalttätiger Argumentation – wo auch immer – mit Zivilcourage entgegenzutreten. Denn aus gewalttätigen Argumenten wird irgendwann die Tat.“ Insofern sei der Anschlagsversuch auf die Synagoge und die Opfer „ein Weckruf in die Gesellschaft hinein“.
Albert Dütsch (73), aus den alten Ländern zugezogen und seit 1990 Hallenser, hält eine stärkere Integration der jüdischen Gemeinde in das Leben der Stadt für dringend notwendig. „Die Lichteraktion zum Schutz der Sabbat-Feier muss dafür ein Anfang sein.“ Angesichts eines solchen Anschlagsversuchs mit zwei Toten und weiteren Opfern werde auch international auf Halle geschaut.
 
Von Eckhard Pohl