02.06.2022

Tagung zum zehnten Todestag von Konrad Feiereis

Auf Augenhöhe im Dialog

Bei einer Tagung zum zehnten Todestag von Konrad Feiereis ging es um Impulse seines Wirkens für heute. Der Philosoph wollte Christen helfen, ihren Platz in der DDR zu finden. Dazu suchte er auch das Gespräch mit Marxisten.

„Glauben und Denken in der Diaspora“ war eine Tagung in Erfurt zum zehnten Todestag des Philosophen Konrad Feiereis überschrieben. Dazu hatten die Professoren Thomas Brose (Berlin) und Holger Zaborowski (Erfurt) zusammen mit weiteren Beteiligten eingeladen.    Fotos: Eckhard Pohl

 

Was genau ist Dialog? Worin besteht der Sinn eines geduldigen Miteinander-im-Gespräch-Seins, wenn man sich trotzdem nicht auf eine gemeinsame Sicht verständigen kann? Wo und in welcher Weise sind Christen heute zum Dialog herausgefordert? Das waren zen-
trale Fragen bei einer Veranstaltung in Erfurt zu Person, Werk und Wirken des Philosophieprofessors und Priesters Konrad Feiereis. Er starb am 15. Juli vor zehn Jahren.
Feiereis war das Gespräch auf Augenhöhe wichtiges Anliegen. Dieses praktizierte er mit seinen Studenten am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt. Er wagte in der DDR-Zeit den Dialog mit marxistischen Philosophen. Und er war oft zu Vorträgen in kirchlichen Jugendhäusern, Akademikerkreisen und Studenten- und Pfarrgemeinden. Dort stieß er auf große Resonanz und begegnete Interessierten, „denen es ein Anliegen war, als Christen in der DDR leben zu wollen“. Ihnen wollte er Mut machen, zu „bleiben und nicht abzuhauen“. Daran erinnerte bei dem Symposium der Erfurter Kirchenhistoriker Josef Pilvousek.
Als Professor, der nicht zuletzt Priesterkandidaten für philosophische Fragen sensibilisieren sollte, sah er sich im DDR-Kontext zur engagierten Auseinandersetzung mit dem Marxismus-Leninismus und damit verbundenen Atheismus herausgefordert. „Mit seiner mutigen Offenheit war er vielen Menschen eine Orientierungshilfe“, so Pilvousek. Seine „Sensibilität  für gesellschaftliche und politische Fragen, sein Einsatz für die von der ,sozialistischen Gesellschaft‘ Ausgegrenzten, sein Gespür für die Rechte der Minderheiten machten ihn für viele zum Vertreter einer Kirche, die für die Menschen da ist“.
In den 1980er Jahren beobachtete Feiereis Anzeichen von Veränderungen in der Staatsdoktrin im Umgang mit Religion, mit Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Krankheit, Sterben. Der Philosoph konnte an Publikationen zeigen, dass „die Existenz von Religion und Kirchen im Sozialismus nun offenbar doch nicht mehr als prinzipieller Widerspruch zur sozialistischen Weltanschauung eingeordnet wurde“, so Kirchenhistoriker Sebastian Holzbrecher aus Regensburg.

Im Gespräch mit Nichtglaubenden
1986 nahm Feiereis als Referent am Dialogtreffen „Gesellschaft und ethische Werte“ von Christen und Marxisten in Budapest teil, das unter anderem vom Päpstlichen Sekretariat für den Dialog mit den Nichtglaubenden veranstaltet wurde. Es entstanden neue
Kontakte. Für eine Predigt des Berliner Kardinals Joachim Meisner beim Katholikentreffen 1987 in Dresden formulierte Feiereis den viel zitierten Satz: „Die Kirche, die Christen in unserem Land möchten ihre Begabungen und Fähigkeiten in unsere Gesellschaft einbringen, ohne dabei einem anderen Stern folgen zu sollen als dem von Betlehem.“

ZUR PERSON
Er gab vielen Orientierung
1931 in Glogau (Niederschlesien) geboren, wuchs Konrad Feiereis nach der Vertreibung in Bamberg auf. Nach dem Studium in Königsstein (T.), Freiburg (Br.) und Neuzelle wurde er 1954 in Neuzelle zum Priester geweiht. Er wirkte als Kaplan in Beeskow, Storkow und Görlitz.
Von 1959 bis 1965 war er Assistent am Philosophisch-Theologischen Studium Erfurt, wurde 1967 Lehrbeauftragter, war ab1968 Dozent und von 1974 bis 1999 Professor für Philosophie. Aufgrund seiner Auseinandersetzung mit dem Marxismus wurde er als Konsultor in das Päpstliche Sekretariat für den Dialog mit den Nichtglaubenden berufen.
Als Christ war er von einem unerschütterlichen Vertrauen auf die führende Hand Gottes geprägt, hieß es in einem Nachruf. Dies gab ihm Kraft in seinem priesterlichen Dienst – auch als Seelsorger. Seine Einsatzbereitschaft, Frömmigkeit und Treue zur Kirche schenkte vielen Menschen Orientierung für ein Leben aus dem Glauben.
Feiereis war Päpstlicher Ehrenprälat und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Er starb nach schwerer Krankheit 2012 in Erfurt.

1987 hielt Feiereis beim Aktionskreis Halle (AKH) einen Vortrag. Bis dahin, so Kirchenhistoriker Holzbrecher, war noch kein Erfurter Theologieprofessor einer Einladung der 1970 gegründeten kirchlichen Basisgruppe AKH gefolgt, die „kirchliche und staatliche Zersetzungsmaßnahmen ertragen musste“. Prompt sei er dafür von Kardinal Meisner gerügt worden. Später habe Meisner dafür um Entschuldigung gebeten. Das Vorgehen von Feiereis „war kein Ausdruck mangelder Loyalität gegenüber den Trägerbischöfen des Erfurter Studiums“, so Holzbrecher.
Seine Einstellung habe „vielmehr Spuren jenes innerkirchlichen Aufbruchs in den 80er Jahren“ getragen, der im Sinne des Konzils „bestehende ideologische Grenzziehungen und Denkverbote zugunsten der kirchlichen Verantwortung für die Menschen in der DDR zu überwinden suchte“.Insofern habe Feiereis zu einer aus sehr unterschiedlichen Teilnehmern zusammengesetzten „Zeugnisgemeinschaft“ von Akteuren gehört, die unabhängig voneinander „die offizielle Zurückhaltung der ostdeutschen Kirche gegenüber den konziliaren Aufbrüchen“ überwand und „für eine Inkulturation der christlichen Botschaft unter den Bedingungen der DDR“ einstand.
Angesichts solcher „disparater Zeugnisgemeinschaft“ stehe heute die Frage: „Kann es in der Kirche Orte des Dissenses geben? Wie könnten die gestaltet werden? Wo gibt es Räume in der Kirche, in denen gewollt der Dissens gepflegt wird und wo er möglicherweise Kraft entfaltet?“ Der Erfurter Fundamentaltheologe Michael Gabel sieht dafür „keine Strukturen in der Kirche ausgebildet“. „Am ehesten“ biete die theologische Wissenschaft Raum dafür.
Warnende Worte fand der Magdeburger Bischof und Kirchenhistoriker Gerhard Feige. Auch im Christentum könne es vorkommen, „dass – wie im Marxismus-Leninismus mit seinem absoluten Wahrheitsanspruch – die angeblich reine Lehre als geschlossenes System betrachtet wird, dem sich alle nur ein- oder unterzuordnen haben“. Besonders kontraproduktiv werde es, wenn jemand mit westdeutscher Sozialisation meine, katholischen Christen in den neuen Bundesländern mit ihrer besonderen Glaubenserfahrung und ihrem „sorgenvollen Ringen um verantwortbare Lösungen im Geiste Jesu Christi“ beibringen zu müssen, „was wahrhaft katholisch sei“. „Wenn es uns ... als Kirche nicht gelingt, aus dem Korsett von sturen Denkverboten, dogmatischen Verkrustungen und totalitären Anmaßungen auszubrechen, werden wir den gleichen Niedergang oder Zusammenbruch erleben wie der real existierende Sozialismus mit seiner marxistisch-leninistischen Überforderung.“
Das Anliegen von Feiereis weiterzutragen, heißt für Holger Zaborowski, der heute an der Theologischen Fakultät Erfurt Philosophie lehrt, sich dafür einzusetzen, „dass die christliche Botschaft nicht zu einer Ideologie wird“. Feiereis habe die „Vision einer Kirche als Ort der Freiheit“ gehabt, in der Freiheit „nicht als Bindungslosigkeit verstanden“ wird, Kritik aber „als Zeichen des Suchens willkommen ist“. Kirche müsse „eine Lerngemeinschaft“ sein, betonte der Philosoph Thomas Brose aus Berlin. Dies habe er als Referent über Jahre in der Studentengemeinde gelebt. „In einer Zeugnisgemeinschaft kann man unterschiedlicher Meinung sein. Aber man hält trotzdem zusammen“, so Brose.

Auch lernen, dass manches bleibt, wie es ist
Der emeritierte Philosophie-Professor Eberhard Tiefensee wies auf Aspekte von Dialog hin: Wichtig sei, den anderen gut kennenlernen zu wollen. Jeder, der sich auf Dialog einlasse, müsse aber auch wissen, dass er zwischen alle Stühle gerate. Feiereis sei auch in der Kirche diffamiert worden. Tiefensee fragte weiter: Was ist das Ziel von Dialog, wenn ein Konsens nicht möglich ist? Wir müssen lernen, dass manches bleibt, wie es ist, der andere anderer Meinung bleibt. Vielleicht kann man auch aus dieser Sichtweise Kraft ziehen: „Ein Leib und viele Glieder.“  Das müsse etwa auch der Synodale Weg lernen, ist der Philosoph überzeugt: „Es muss gelernt werden, dass wir auf Augenhöhe miteinander verfahren.“

Von Eckhard Pohl