02.12.2021

Geschichte, Frömmigkeit, Brauchtum im Sudetenland

Stark vom Glauben geprägt

Das Sudetendeutsche Museum in München beleuchtet das Leben der Menschen im einstigen Sudetenland. Die Ausstellung informiert über Geschichte, Frömmigkeit, Brauchtum, aber auch über wirtschaftliche Aspekte.

Fast eine ganze Etage des Sudetendeutschen Museums in München ist dem Thema Kirche, Glaube, Religion beziehungsweise Konfession gewidmet. Alltägliches Leben, Kultur, Bildung und Wissenschaft waren in den böhmischen Ländern sehr stark vom Christentum geprägt.    Foto: imago images/Sven Simon

 

Seit dem Sommer ist es zu besichtigen: das Sudetendeutsche Museum in München. Mit 900 Exponaten auf mehreren Ebenen und insgesamt 1200 Quadratmetern informiert die Schau über Geschichte, Kultur und Brauchtum, Religion und Errungenschaften der Deutschen in Böhmen, Mähren und dem österreichischen Schlesien, und dies immer auch im Bezug zur tschechischen Bevölkerung. Und damit ist klar: Eine Differenzierung und genauere Betrachtung ist nötig. Dies bietet das moderne Museum.
Historisch setzt die Ausstellung mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts an. Natürlich wird die Zeit zuvor mit Besiedlung, Christianisierung, Königtum Böhmen, Kaiser Karl IV. – Goldene Bulle, Zeit der Hussiten, Habsburger Herrscher, Prager Fenstersturz – 30-jähriger Krieg oder Schlesische Kriege in prägnanten Erläuterungen dargestellt. Dann geht es zum zentralen Aspekt, der Frage nach den/dem Sudetendeutschen.
Die Bezeichnung stammt vom Gebirgszug der Sudeten, der im Norden Tschechiens die historischen Länder Böhmen, Mähren und Schlesien verbindet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde „Sudetendeutsche“ zum Sammelbegriff für alle in diesen Regionen lebenden Deutschen und setzte sich in der 1918 gegründeten Tschechoslowakei durch. Doch das Siedlungsgebiet ist alles andere als einheitlich, ebenso die Landschaften und kulturellen Hintergründe. Es gibt geschlossene Gebiete und Sprachinseln. Diese Fakten greifen die Informationen im Museum auf. Es werden alle Siedlungsgebiete genannt und damit verbundene Nuancen in den Dialekten, Bräuchen oder Trachten.

Viele Exponate zum Thema Glauben
Fast eine ganze Etage geht dem Thema „Kirche, Glaube, Religion beziehungsweise Konfession“ nach. Kultur, Bildung und Wissenschaft wurden in den böhmischen Ländern sehr stark vom Christentum geprägt. Darüber hinaus bewirkten ab dem 11. Jahrhundert viele Klostergründungen die Christianisierung des Landes. Prägend vor allem für Böhmen war im 15. Jahrhundert der Reformator Jan Hus mit seiner Lehre, was zur Kirchenspaltung führte und manchmal bis heute wirkt. Für die katholische und die evangelische Konfession sowie die jüdische Religion stehen Exponate wie eine Prozessionsfahne, eine Madonnenfigur, Gebetbücher, eine Einladung zur Kirchenweihe. Die Bistümer, Klöster, kirchlichen Gymnasien und Wallfahrtsorte können per Touchscreen ebenso visualisiert werden wie Aspekte der Volksfrömmigkeit und religiöse Bräuche im Jahres- beziehungsweise Lebenslauf. Für die Volksfrömmigkeit seien exemplarisch Andachtsbilder und Gebetsbücher genannt, dazu die Beschreibung von Bräuchen zu den kirchlichen Festtagen und -zeiten.
Bekannt war das Sudetenland für bestimmte wirtschaftliche Zweige. Diese werden unter dem Kapitel „Wirtschaft – Handel – Gewerbe“ präsentiert: Holz- und Spielzeugindustrie, Spitzenherstellung, Textilindustrie, Perlenarbeiten, Glas-, Porzellan- und Keramikindustrie, Gablonzer Schmuckindustrie, Lebens- und Genussmittel, Ski- und Wander- sowie Bädertourismus, nicht zu vergessen der Musikinstrumentenbau vor allem in Schönbach und Graslitz.
Spannend wird es in der Etage „Nationalismus – Nationalstaat“, wo die Zeit des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg aufbereitet wird: Das sich in dieser Epoche entwickelnde Nebeneinander von Deutschen und Tschechen und aufkommende Konflikte. Trennungslinien gab es vor allem in den Bereichen Sprache, Bildung und Vereinswesen. Politische Lösungsansätze wie etwa der Mährische Ausgleich (1905) waren spätestens mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Gründung der Tschechoslowakei hinfällig.

Situation der Deutschen akribisch dargestellt
Ab dieser Zeit gibt es auch Filmmaterial, die Situation der Deutschen als Minderheit wird akribisch dargestellt, ebenso die Aufsplitterung der deutschen Parteien in dem neuen Staat in loyale und nationalistische – letztere gewannen ab 1935 die Oberhand.
„Sudetenkrise und Münchner Abkommen“ – die von den Nationalsozialisten bestimmten Jahre, aber auch Widerstand und Exil Sudetendeutscher beziehungsweise Morde in KZs – das darf ebenso wenig fehlen wie – am Schluss der Ausstellung – die Schlagworte „Verlust und Vertreibung“ – mit zahlreichen Zeitzeugen in Wort, Ton und Bild. Die schriftlichen beziehungsweise die Audio-Informationen sind durchgehend in deutscher, englischer und tschechischer Sprache.

Sudetendeutsches Museum, Hochstraße 10, 81669 München. S-Bahn-Station Rosenheimer Platz. Geöffnet täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr. Fällt der Montag auf einen Feiertag, ist das Museum ebenfalls offen. Mehr Infos: www.sudetendeutsches-museum.de

Von Markus Bauer