07.02.2019

195 Sternenkinder auf Görlitzer Stadtfriedhof beigesetzt

Im Garten der Erinnerungen

195 Sternenkinder wurden im vergangenen Jahr in einer Schmuck-Urne auf dem Görlitzer Stadtfriedhof beigesetzt. Die jährliche Trauerfeier soll Angehörigen Trost, Hoffnung und Zuversicht geben.

Während der Trauerfeier

„Sie sind nicht allein. Sie alle vereint die Traurigkeit um ein Kind, das Sie sich gewünscht haben, das groß werden sollte, das Ihnen nahe sein sollte. Es ist anders gekommen“, sagt Evelin Mühle in der Feierhalle des Krematoriums des Städtischen Friedhofs Görlitz. Sie ist deren Leiterin und begrüßt die etwa 60 trauernden Angehörigen, die ein Kind verloren haben. „In dieser Urne ist die Asche von 195 Sternkindern, die bei ihrer Geburt weniger als 500 Gramm wogen. Auch Kinder von Schwangerschaftsabbrüchen gehören dazu. Es steht uns nicht zu darüber zu urteilen, warum eine werdende Mutter sich für den Abbruch entscheidet. Ich bin froh darüber, dass auch diese Kinder einen Platz bekommen, hier auf diesem Friedhof. Nun sind sie alle beisammen, diejenigen, die nicht leben konnten und die, die nicht leben wollten, und die, die nicht leben sollten“, sagte Frau Mühle. „Bevor die Urne auf der Grabstelle der Sternenkinder bestattet wird, wollen wir an sie denken. Wir wollen Ihnen Trost geben und ein Stück Zuversicht zum Weitergehen. Das Bestattungshaus Ullrich stellt uns seit vielen Jahren die Schmuckurne zur Verfügung. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich danke dafür. Und ich danke den Mitarbeitern des Christlichen Hospizdienstes ganz herzlich, dass sie diesen Dienst seit vielen Jahren tun. Gern können Sie über diesen Tag hinaus die Mitarbeiter des Hospizdienstes ansprechen.“
 
Gedenksteine und Erinnerungen
Der Begrüßung vorausgeangen war das Musikstück „River flows in you“ von Yiruma, gespielt von Doreen Kusebauch, die diese Feier musikalisch gestaltete. Den meisten Trauernden fiel es schwer mitzusingen. In dem Lied „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ steht beispielsweise in der Textfassung von Birgit Pfahl als zweite Strophe: „Weißt du, wieviel Kinderseelen kommen zu uns auf die Welt? Wieviel Kindlein uns so fehlen, weil das Schicksal sie nicht zählt. Gott, der Herr, rief sie mit Namen, dass sie all ins Leben kamen. Kennt auch dich und hat dich lieb, ...“
Die Urne mit der Asche von 195 Sternenkindern des Jahres 2018. | Fotos: Raphael Schmidt

Hospiz-Mitarbeiter haben die Feier unter das Thema gestellt: „…unterwegs im Garten der Erinnerungen“. Sie wollen sich „Zeit nehmen, Ihrer viel zu früh verstorbenen Kinder zu gedenken. Es ist gut, dass Sie hier sind, dass Sie Ihr Herz öffnen, auch wenn es manchmal schmerzt.“ Der Trauer soll Raum gegeben werden. „Im Gedenken und in der Erinnerung liegt eine starke heilende Kraft.“ So haben die Hospiz-Mitarbeiter einen „Garten voller Gedenksteine und Erinnerungen“ mitgebracht, haben einen kleinen Garten gestaltet. „Steine liegen dort für alles Schwere und Harte, was uns begegnet ist. Diesen kleinen Garten wollen wir gemeinsam durchschreiten auf dem Pfad der Erinnerung und die Blumen, die am Rand des Weges wachsen, achtsam betrachten.“ Insgesamt acht Pflanzen haben sie mitgebracht. Auf der Rückseite der Bilder steht der Text, der zunächst verlesen wird, bevor das Bild neben kleinen Füßen, auf einer Leine über der Urne angebracht wird. Es beginnt mit dem Vergissmeinnicht. „Mit seinen zarten blauen Blüten zeigt es uns Treue und die wahre Liebe zueinander und zu Ihrem Kind“, steht drauf.
Wünsche und Fürbitten werden gesprochen: Für die nicht lebensfähigen Babys; für die Babys, die nicht lange leben konnten, aber auch für Kinder, denen ein Unfall das Leben genommen hat, und für alle Kinder, die an einer Krankheit verstorben sind. „Wir denken an alle Eltern, Geschwister und Großeltern, die diese Kinder erlebt und geliebt haben. Sie sehen die Welt nun mit anderen Augen und leben ihr Leben in einem anderen Rhythmus. Wir wünschen euch allen, dass ihr von der Liebe, dem Frieden, der Hoffnung getragen werdet, und euch bei nahen Menschen geborgen fühlen könnt.“
 Evelin Mühle sagt vor dem gemeinsamen Gang zur Grabstelle der Sternenkinder: „Wenn Sie möchten, bleiben Sie nach der Urnenbeisetzung noch da. Es ist ein alter, guter Brauch, nach einer Trauerfeier nicht einfach seines Weges zu gehen, sondern noch beieinander zu sein, zu reden und sich zu stärken. Vielen ist dieser Brauch fremd. Das gemeinsame Mahl soll Körper und Geist stärken und helfen, wieder ins normale Leben zurückzufinden.“ Ein einziges Paar ist geblieben. Bei Kaffee, Tee und Kuchen sprachen die beiden von ihrer Trauer, doch auch hoffnungsvoll von dem neuen Kind, das in einigen Wochen geboren wird.
Die Sternenkinder, die in Görlitz beigesetzt werden, kommen aus dem gesamten Landkreis Görlitz. Sie werden in die Pathologie nach Görlitz geschickt und nach der Kremation wird die Asche gesammelt für die jährliche Feier. Anja Hempel, die Koordinatorin des Kinder- und Jugendhospizdienstes in der Oberlausitz und des Christlichen Hospizdienstes Görlitz sagt nach der Feier: „Frau Mühle hat sich dafür eingesetzt, dass die Sternenkinder auf dem Friedhof eine eigene Grab-Stelle bekommen haben und dort beigesetzt werden.“ Kritik an der doch recht christlichen Feier hörte sie bisher nie. Erfreut zeigt sie sich über ein Paar. „Es kam zu mir und bedankte sich. Sie sagten, dass es ihnen sehr gut getan hat und sie nun den Verlust ihres Kindes besser verarbeiten können.“

 
Von Raphael Schmidt