26.11.2020

Die Sonntagslesung zum ersten Advent

Von Ton und Töpfern

Gott ist ein Töpfer und knetet mich armen Tontopf zurecht? Dieses Bild klingt für manche etwas unsympathisch. Für Schwester Caterina Trostheide nicht. Die Keramikmeisterin entdeckt darin sogar ein Kompliment.

Schwester Caterina Trostheide töpfert eine Tasse
Schwester Caterina Trostheide hat in der Töpferwerkstatt der Abtei „Zum Heiligen Kreuz“ in Herstelle ihre Berufung gefunden. Geleitet von Gott, sagt sie. Aber nicht gegen ihren Willen.

Von Susanne Haverkamp 

Als Schwester Caterina 2003 in die Benediktinerinnenabtei „Vom Heiligen Kreuz“ in Herstelle an der Grenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen kam, hatte sie wenig Ahnung vom Töpfern. „Ich hatte mal in der Volkshochschule einen Töpferkurs gemacht“, sagt sie und lacht. „Und ich war Zahnärztin von Beruf – das hat ja auch mit Keramik zu tun.“ Dann durchlief sie als Novizin alle möglichen Arbeitsbereiche des Klosters, auch die Keramikwerkstatt. Dort blieb sie sozusagen hängen. „Weil ich gebraucht wurde. Und weil ich Talent und Interesse hatte.“

Allerdings hatte sie eine Bedingung: „Als die Äbtissin mich nach der zeitlichen Profess fragte, ob ich mir vorstellen kann, die Werkstatt auf Dauer zu leiten, habe ich gesagt: Ja, aber nur mit einer vernünftigen Ausbildung.“ Also besuchte sie ab 2006 eine Fachschule und wurde erst staatlich geprüfte Keramikgestalterin, später noch Keramikmeisterin.

Formbar, elastisch und ziemlich dauerhaft

Ton, sagt Schwester Caterina, sei ein „faszinierendes Material“. Durch seine kristalline Struktur sei er „formbar, elastisch und – wenn er getrocknet ist – fest und dauerhaft“. Eigenschaften, die man recht gut auch auf den Menschen übertragen kann: in jungen Jahren formbar, elastisch und – wenn es gutgeht – später durchaus fest in seinem Charakter und ausdauernd in seinen Lebensentscheidungen. Sicher ist er zerbrechlich, aber geht doch nicht bei jedem kleinen Stups sofort in tausend Scherben.

Wenn die Benediktinerin Figuren formt oder Geschirr auf der Töpferscheibe dreht, dann, sagt sie, hat sie eine Idee im Kopf, einen Plan, wie es hinterher aussehen soll. Aber sie sei ja keine Maschine „und deshalb sieht am Ende jedes Stück doch individuell aus“. Hier ist der Tellerrand nicht ganz eben, dort der Henkel etwas zu bauchig. Auch das ist etwas, das leicht auf den Menschen übertragbar ist. Ein bisschen zu eckig, ein bisschen zu bauchig, aber insgesamt sehr gelungen – das sind ja viele von uns. Und vor allem: ganz und gar einzigartig.

Und trotzdem klingt es ja ein bisschen so, als entscheide allein Schwester Caterina darüber, ob aus dem Material ein schnöder Blumentopf oder ein filigranes Engelchen wird. „Nein, ganz so ist das nicht“, sagt die Töpferin entschieden. „Was daraus wird, kommt erst mal auf den Ton an.“ 

Man kann dem Ton nichts aufzwingen

Ton sei sehr vielfältig, sagt die Keramikmeisterin. Für Gartenkeramik brauche man einen anderen als für Geschirr, für Krippenfiguren einen anderen als für eine Blumenvase. „Tatsächlich ist es entscheidend, dass ich genau den richtigen Ton für die richtige Aufgabe auswähle“, sagt sie. „Wenn ich versuche, aus einem Garten-Ton eine Vase zu brennen, geht das schief.“ Man könne „dem Ton nichts aufzwingen“, sagt sie. „Nur gemeinsam wird das was.“

Und damit sind wir endgültig bei der Lesung aus dem Buch Jesaja. „Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände“, heißt es dort, und das klingt durchaus vertrauensvoll. „Für mich ist das ein sehr schönes Bild“, sagt Schwester Caterina. Eines, in dem sie sich auch selbst wiederfinden kann. „Dass ich jetzt hier bei den Benediktinerinnen in Herstelle in der Töpferei sitze, das war ja nicht mein Plan, das habe ich ja nicht selbst gemacht“, sagt sie. Von Gott geleitet fühle sie sich auf diesem Weg, geleitet, aber nicht gezwungen. „Wenn ich für diese Aufgabe nicht geeignet wäre“, sagt sie, „wäre das nichts geworden. Gott und ich, wir arbeiten ganz gut zusammen.“

So habe sie ein Talent für das schöpferische Tun mitgebracht, „und zwar eines, von dem ich vorher gar nichts wusste“, sagt die Ordensfrau. Für sie ist das ein Zeichen dafür, dass Gott sehr gut weiß, was aus jedem einzelnen Menschen werden kann. „Er wählt den richtigen Ton für die richtige Aufgabe. Da ist Gott ein Profi“, sagt sie. Und sowieso fühle sie sich von Gott beseelt. So, wie es in der zweiten Schöpfungserzählung im Buch Genesis heißt: Gott hat den Menschen aus Lehm geformt und ihm Lebensatem eingehaucht. (Genesis 2,7). „Wenn es heißt, dass Gott der Töpfer ist und ich der Ton, dann sehe ich das als Kompliment.“

In jedem Tontopf steckt ein Stück vom Töpfer

Denn noch etwas kommt hinzu, das Schwester Caterina aus ihrer eigenen Arbeit kennt. „In jedem Werkstück“, sagt sie „steckt ein Teil von mir.“ Wenn sie etwa eine Figur formt, ein Gesicht, wenn sie etwas selbst entworfen hat, „dann sagen mir oft Menschen: Das passt zu dir, das bist du!“ Und das ist in der Tat eine schöne Idee, dass nicht nur in jedem Ton etwas vom Töpfer steckt, sondern auch in jedem Geschöpf etwas vom Schöpfer steckt, in jedem Menschen, auch in mir, etwas von Gott. Ebenbildlichkeit nennt das die Bibel. „Lasst uns Menschen machen, uns ähnlich“, heißt es im Buch Genesis (1,26).

Und schließlich ein Letztes: In jedem Werkstück steckt nicht nur Mühe drin, sondern auch viel Liebe. Und die verschwindet nicht, wenn es fertig lackiert im Laden steht. „Ich pflege meinen Ton und kümmere mich darum“, sagt Schwester Caterina. „Ich schmeiße keinen Fitzel weg und versuche, aus allem das Beste zu machen, auch wenn mal etwas schiefgegangen ist.“ Das ist doch noch eine gute Analogie: dass Gott nicht die Lust an uns verliert und uns in die Ecke pfeffert, nur weil im Leben etwas schiefgegangen, etwas nicht gelungen, etwas zerbrochen ist. So ist das Leben und: Gott ist treu. Womit im Übrigen auch die zweite Lesung des Sonntags aus dem Korintherbrief noch zu ihrem Recht gekommen ist.