18.06.2015

Anstoß 25/2015

„so isses“

Kürzlich bin ich über einen Spruch gestolpert, der mich sofort angesprochen hat: Wir sind hier nicht bei „Wünsch die was“, sondern bei „so isses!“ Endlich wird man mal aufgefordert, nicht tolle Visionen oder Wünsche und Sehnsüchte zu entwickeln, sondern die Wirklichkeit hinzunehmen.

Natürlich weiß ich als Ordensfrau, die mit der ignatianischen Spiritualität vertraut ist, wie wichtig und entscheidend eine Vision oder ein Traum sein kann. Ignatius von Loyola wünscht, dass die Leute in Exerzitien sich immer wieder über ihre Wünsche klar werden. Dies gilt sogar für jede einzelne Stunde! Eigentlich ist es ja eine Binsenweisheit, dass ich – egal was ich anpacke – wissen sollte, wohin ich eigentlich will. Auch in meiner Arbeit hat das Folgen: es gibt Situationen, da entwickle ich mit anderen die nächsten Schritte so konkret wie möglich.
Doch andererseits erlebe ich in unserer Gesellschaft das Gegenteil: Mit einem großen medialen Aufwand werden mir Wünsche eingeredet, die dann nur durch den Kauf oder den Gebrauch bestimmter Produkte zu befriedigen sind. Die Werbung appelliert an die Gefühle der Menschen ... durch den Kauf eines Autos beispielsweise lege ich mir nicht ein Auto zu, sondern ein Lebensgefühl, das mit dem Anrecht auf Glück verbunden ist.
Aber auch in kirchlichen Kreisen gibt es die Gefahr, dass man in seinen Visionen stecken bleibt und allzu genaue Vorstellungen von der Erfüllung der Visionen hat. Selbst spirituell anspruchsvolle Ratgeber können dem Versuch erliegen, genau zu wissen, wie der richtige spirituelle Weg aussehen soll. So geben die dann den Leuten (zu) konkrete Weisungen, was man zu tun und zu lassen hat.
Eine Frau, die einen intensiven spirituellen Weg hinter sich hat, sagte mir, dass sie diese Ratgeber inzwischen flach und unehrlich findet, weil sie den Eindruck erwecken, man könne sich selbst erlösen. Diese spirituellen Ratgeber sind gestrickt wie unsere Gesellschaft: Mehr Leistung bringt mehr Gewinn.
Nun zeichnet es die seriösen Religionen aus, dass dieses Schema durchbrochen wird: Wenn beispielsweise im Christentum davon die Rede ist, dass Gott nicht nur barmherzig, sondern auch gerecht ist, ist genau das gemeint. Gott ist größer – auch größer als unsere Vorstellungen von ihm. Wir wissen nicht immer so ganz genau, was Gottes Plan ist. Auch unsere Pläne für uns selbst und für die anderen Menschen sind nicht automatisch identisch mit Gottes Plänen. Das kann uns vor Rechthaberei und Fanatismus bewahren und uns befreien: Wir können die Realität, weil sie aus Gottes Hand stammt, annehmen.

Von Sr. Susanne Schneider. Missionarinnen Christi. Kontaktstelle Orientierung Leipzig