29.10.2021

Seminar über Bischof Otto Spülbeck

Neues Miteinander im Bistum

Otto Spülbeck hat das heutige Bistum Dresden-Meißen geprägt. Sein großes Anliegen war die Erneuerung der Kirche in der Folge des Konzils. Bei einem Seminar im Bildungsgut Schmochtitz wurde jetzt an ihn erinnert.

Im Bildungsgut St. Benno in Schmochtitz trägt jetzt ein Saal den Namen des früheren Meißner Bischofs Otto Spülbeck (1958-70). „Möge Bischof Spülbeck uns anregen und ermutigen, den Weg als pilgerndes Volk Gottes weiterzugehen und viele Menschen aus nah und fern zur Begegnung, zum Gespräch und zum Miteinander hier in Schmochtitz zusammenführen“, sagte Bischof Heinrich Timmerevers anlässlich der Namensgebung. Auf dem Foto rechts neben Bischof Timmerevers Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), links Sebastian Kieslich, Rektor des Bildungsgutes, und Martina Breyer, Vorsitzende des Katholikenrates im Bistum.    Foto: Rafael Ledschbor

 

Er war einer der Bischöfe, der die katholische Kirche in der DDR maßgeblich geprägt hat: Otto Spülbeck, Bischof von Meißen von 1958 bis 1970. Zwar blieb sein größtes Werk – die Meißner Diözesansynode zur Umsetzung des Konzils – unvollendet, doch hat er damit tiefe Spuren hinterlassen, die das Bistum bis heute mit prägen. Im Bildungsgut Schmochtitz fand jetzt ein Seminar statt, das das visionäre Kirchenbild Spülbecks zum Thema hatte.
„Synodalität muss in der Kirche auch gelingen unter den kirchenfeindlichen Bedingungen in der DDR.“ Davon war Otto Spülbeck nach Ansicht von Christian März überzeugt. März, der in der Pastoralabteilung des Bistums arbeitet, hat zur Biografie Spülbecks geforscht. Das wohl wichtigste Verdienst dieses Bischofs fasst er mit einem Zitat von Joachim Pilz zusammen: „Bischof Spülbeck hat die Laien zur Mitverantwortung in der Kirche befähigt.“ Pilz war Präsident der Meißner Synode und später viele Jahre Vorsitzender des Diözesanrates.
Otto Spülbeck war kein Sachse. Geboren ist er 1904 in Aachen. 1930 hat er die Priesterweihe empfangen. Bewusst hatte er sich zuvor entschieden, seinen priesterlichen Dienst in der sächsischen Diaspora zu leisten. Einen Schritt, den er nie bereut hat. In seinem Testament schreibt er: „Ich habe die Diaspora geliebt, ihre Einsamkeit und ihre Gemeinsamkeit. Mein ganzes Priesterleben habe ich hier zugebracht und habe das Staunen bis heute nicht verlernt über die reiche Frucht, die Gott aus steinigem Boden erwecken kann.“
Spülbeck war viele Jahre Seelsorger in Leipzig, unter anderem zehn Jahre Propst. Aus seiner Studienzeit her gab es enge Kontakte zum Leipziger Oratorium, in das er eigentlich eintreten wollte. Geprägt hat ihn auch die Jugend- und die liturgische Bewegung. Vor dem Theologiestudium hatte Spülbeck Naturwissenschaften studiert. Die Frage nach dem Woher und nach dem Sinn führte ihn zur Theologie. Zu DDR-Zeiten machte er sich die Kenntnis beider Bereiche zunutze. Unzähligen Christen half er mit seinem Büchlein „Der Christ und das Weltbild der modernen Naturwissenschaften“ und mit vielen Bildungsveranstaltungen in der Auseinandersetzung mit der DDR-Ideologie. Später, zu Konzilszeiten, bezeichnete eine italienische Tageszeitung Spülbeck als den „Atombischof von Bautzen, der als einziger Bischof der Welt Fachmann für atomare Probleme ist“.
Die Gegensätze zwischen dem christlichen Glauben und dem DDR-System hielt Spülbeck für unüberbrückbar. Die Christen lebten in einem „fremden Haus, dessen Grundfesten wir nicht gebaut haben, dessen tragende Fundamente wir sogar für falsch halten.“ In Gesprächen mit den DDR-Mächtigen könne es deshalb nur um die Frage gehen: „Wer macht in diesem Haus die Treppe sauber?“

Christliches Engagement im „fremden Haus“
Gegenüber den Christen in seinem Bistums machte Spülbeck dennoch klar: „In unseren Fabriken und Büros hängen keine Kruzifixe, aber die Heiligen Gottes sind da und arbeiten.“ Er forderte die Christen zur Mitarbeit in ideologisch weniger belasten Bereichen auf – im Elternaktiv, in der Freiwilligen Feuerwehr oder beim Roten Kreuz.
Diese Haltung unterschied Spülbeck etwa vom Berliner Kardinal Alfred Bengsch, der aufgrund der drohenden Gefahr der staatlichen Vereinnahmung solch Engagement ablehnte. Deutlich wurde das auf dem Konzil. Hier war Bengsch einer der wenigen, der die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute ablehnte. Spülbeck war ein Verfechter dieser Konstitution. Die Erneuerung der Kirche, wie sie das Konzil anregte, wurde zum großen Thema seiner Bischofsjahre. Er war weltweit einer der ersten Bischöfe, der die Konzilsbeschlüsse in seinem Bistum mit einer Synode umsetzen wollte. Damit die Laien gleichberechtigt den Weg der Kirche mitbestimmen konnten, musste er in Rom eine Dispens einholen.
Spülbeck starb nach nur zwei Sitzungsperioden. Sein früher Tod bot den kirchenpolitischen Gegenspielern vor allem in Berlin die Gelegenheit, die Meißner Synode zu beenden und – wie es offiziell hieß – in die DDR-weiten Pastoralsynode zu überführen. Die bis dahin gefassten Beschlüsse der Meißner Synode blieben weitgehend Papier, aber der neue Geist des Miteinanders prägt das Bistum Dresden-Meißen bis heute.
Was würde Spülbeck angesichts der Auseinandersetzungen in der katholischen Kirche heute sagen. Christian März: „Er würde sagen: ,Fangt nicht an, euch gegenseitig das Katholisch-Sein abzusprechen. Entdeckt in der Position des anderen das, was auch für euch wichtig sein könnte.‘ Das größte Defizit der Kirche heute wäre für ihn die mangelnde Dialogfähigkeit.“

Von Matthias Holluba