03.07.2020

Herbst-Wochenende im Leipziger Dominikanerkloster

„Mein Leben begreifen“

Ein Herbst-Wochenende im Leipziger Dominikanerkloster Wahren verheißt Ungewöhnliches: Ein Greifvogel, eine Eule, ein Mönch, ein Berater und ein Falkner inspirieren dort zum Nachdenken über den Sinn des Lebens.

Falkner Leonhard Kindermann mit Bussard Winni vor dem Leipziger Dominikanerkloster. Prior Josef kleine Bornhorst freut sich schon auf das ungewöhnliche Referenten-Team.    Fotos: Dorothee Wanzek

 

„Als Kirche sollten wir ruhig auch mal Ungewöhnliches wagen“, ist Josef kleine Bornhorst überzeugt. „Dabei können wir verrückte Leute, die einen Vogel haben, gut brauchen“, fügt der Prior des Dominikanerklosters Leipzig-Wahren mit einem Schmunzeln hinzu.
Mit einem Wochenende zum Thema „Mein Leben begreifen“ betritt das Kloster im Herbst Neuland. Eingeladen sind Frauen und Männer, die über ihr Leben nachdenken wollen – weil sie gerade vor einer wichtigen privaten oder beruflichen Entscheidung stehen, weil sie sich erschöpft fühlen, sich nach einem sinnerfüllteren Leben sehnen ...
Als Impulsgeber und Begleiter steht ihnen mit Pater Josef kleine Bornhorst der Dresdner Logotherapeut und Existenzanalytische Berater Lukas Ruffert zur Seite sowie Leonhard Kindermann, Religionspädagoge in Leipzig. Vor allem dessen Begleiter sind es, die eine Verheißung von Abenteuer über die Tage im Kloster legen. Der 32-Jährige folgt sein halbes Leben lang seiner Leidenschaft der Falknerei und wird zum Wochenende die menschenverträglichsten Vögel aus seiner mobilen „Falknerei auf Achse“ mitbringen: den Bussard Winni und den Steinkauz Thekla.
Sich in der Natur zu bewegen und sie zu betrachten, inspiriert Leonhard Kindermann von jeher zum Nachsinnen über das menschliche Leben, über das Zusammenwirken von Schöpfung und Schöpfer. „Wir können die Schöpfung anschauen wie einen  Spiegel für unser Menschsein“, schlägt er vor. Je intensiver er sich mit der Natur beschäftigt, umso tiefer gerät er ins Staunen darüber, wie gut in der Schöpfung alles aufeinander abgestimmt ist. Jede Art ist mit besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten ausgestattet, die ihr im Zusammenspiel mit den anderen eine Nische zum Überlegen verschafft. 

Bussard Winni – auch in der Hand eines Falkners bleiben Greifvögel Wildtiere.

Dabei üben Greifvögel auf ihn eine ganz besondere Faszination aus, wegen des natürlichen Selbstbewusstseins, das sie ausstrahlen, und ihrer Unabhängigkeit vom Menschen. „Sie sind nicht auf ein menschliches Ziel hin gezüchtet; auch in der Hand des Falkners bleiben sie immer wilde Tiere.“ Unter den Eigenschaften, die ihr das Überleben als Fleischfresser ermöglichen, sticht neben der Fähigkeit zu fliegen insbesondere die Sehstärke hervor, die ungefähr achtmal so groß ist wie die menschliche.
Einen Vormittag lang werden die Seminarteilnehmer mit Bussard Winni auf die Beizjagd gehen. Bussarde werden gelegentich als „Wölfe der Lüfte“ bezeichnet, da sie – außergewöhnlich für Greifvögel – nicht als Einzelgänger, sondern im Rudel jagen. Sie sind langsamer als etwa Habichte. In Teamarbeit können sie diesen Nachteil jedoch wettmachen. Die Kursteilnehmer werden Winni möglichst nah an seine potenzielle Beute heranbringen und ihm dadurch das Rudel ersetzen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sie dabei die Erfahrung machen, dass die Jagd dennoch erfolglos bleibt. Schließlich sind auch Wildhase und Fasan vom Schöpfer mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet.
„Unser Vorteil gegenüber der Tierwelt ist, dass wir reflektieren können“, bemerkt Leonhard Kindermann. „Welche Fähigkeiten und Begabungen habe ich von Gott bekommen, um mein Leben erfolgreich und erfüllt zu gestalten?“, könnten sich die Teilnehmer des Herbstwochenendes zum Beispiel ins Bewusstsein rufen. „Wie kann ich meinen Begabungen nachgehen?“ Oder auch: „Wie gehe ich damit um, dass mir nicht immer alles gelingt?“

Gegensätzliches zusammenbringen
Als langjähriger Pfadfinder ist auch Pater Josef mit der Natur vertraut. Greifvögeln hat er sich bisher vorrangig gedanklich angenähert. So ist ihm die sprachliche Verwandtschaft zu Wörtern wie „Begreifen“ oder „Ergreifen“ aufgefallen, und Winnis Anblick ruft Fragen wie diese in ihm hervor: „Wovon lasse ich mich eigentlich ergreifen? Was trägt mich, seit meine Eltern mich ,aus dem Nest warfen?‘“... Anders als die Vögel brauchen Menschen viel Mut, um „über den eigenen Horizont ihrer Ängste und Grenzen hinauszublicken und ihr Leben selbstbestimmt in die Hand zu nehmen und aktiv zu gestalten“, heißt es im Einladungsflyer.
Bei der Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen kommen während des Besinnungswochenendes auch die Erfahrungen des bekannten Wiener Neurologen Viktor Frankl, des Begründers  der Logotherapie, ins Spiel. Ihm ging es vor allem darum, Sinnzusammenhänge im menschlichen Leben freizulegen.
Für Lukas Ruffert liegt der Reiz des Seminars insbesondere in der zu erwartenden schöpferischen Dynamik des Zusammenwirkens von Gegensätzlichem, im Miteinander von Kloster, Therapie und Falknerei, in der „Begegnung mit der Natur, mit der Realität des Tieres und den Grundbedingungen der Existenz, die es ermöglichen, Sinn im Leben zu finden.“ Alfried Längle, ein Schüler Viktor Frankls, habe dies so beschrieben: „Leben wird sinnerfüllt, wenn sich der Mensch auf das Angebot der Stunde einlässt und sich mit ihm kreativ auseinandersetzt.“
Von der aus dem Blickwinkel Außenstehender „manchmal befremdlichen und doch ruhigen und intimen Atmosphäre des Klosters“ erwartet er, dass sie sich förderlich auf die Auseinandersetzung mit den indivdiuellen Anliegen auswirkt, die die Teilnehmer in den Kurs mitbringen.
Das Gelingen des Wochenendes wird letztlich vom guten Miteinander aller Teilnehmer abhängen, ist Pater Josef überzeugt. Er kann sich gut vorstellen, ähnliche Veranstaltungen noch öfter anzubieten. Für Leonhard Kindermann ist das Seminar ein Schritt zu seinem Ziel, seinen Hauptberuf als Gemeindereferent mit dem Nebenberuf als Falkner zu verknüpfen.
Gute Erfahrungen hat er bereits mit Steinkauz Thekla in der Schulseelsorge der Leipziger Montessori-Schule gemacht. Unter anderem hatte die Eule einen festen Platz in einer Serie von Morgenandachten. „Es ist eindrucksvoll zu beobachten, welche Wirkungen ein Tier auf die Menschen haben kann. Thekla war ein Ruhepol im Schulalltag. Wenn sie dabei war, haben sich  die Schüler konzentriert, ohne dass ich etwas dafür tun müsste.“ Auch Winni kam bereits bei kirchlichen Veranstaltungen zum Einsatz, beispielsweise bei einer Diözesankonferenz über fairen Umgang mit der Schöpfung.

Das Kloster-Wochendende „Mein Leben begreifen“ findet vom 9. bis 11. Oktober im Dominikaner-Kloster Leipzig-Wahren statt. Anmeldung bis 31. August: 03 41/46 76 60; info@dominikaner-leipzig.de; Nähere Informationen: www.falknerei-auf-achse.de

Von Dorothee Wanzek