04.07.2019

60. Kinderwallfahrt des Bistums Magdeburg

Raum, das Christsein zu entfalten

Zum 60. Mal sind in diesen Tagen die Mädchen und Jungen im Gebiet des heutigen Bistums Magdeburg zur Kinderwallfahrt eingeladen. Der Tag ist eine Chance für die Kinder, gemeinsam den Glauben einzuüben.

Die erste Kinderwallfahrt im Erzbischöflichen Kommissariat Magdeburg findet 1960 auf der Huysburg statt. | Foto: Bistumsarchiv

 

Jetzt, zu Beginn der Sommerferien, finden wieder die Kinderwallfahrten in Wittenberg, auf der Huysburg und in Roßbach statt. Damit kommen zum 60. Mal Mädchen und Jungen aus den Gemeinden der Magdeburger Ortskirche zu einem solchen Tag des gemeinsamen Betens, Singens, der Katechese und Spielens zusammen. Am 12. Juli 1960 waren erstmals Kinder, ihre Mütter und Seelsorger zu einer Wallfahrt zur Mutter Gottes zur Huysburg eingeladen.
„Ich bewundere die Weitsicht, die die Verantwortlichen damals hatten“, sagt Kinderseelsorger Matthias Slowik. „Seelsorgeamtsleiter Hugo Aufderbeck und Vikar Claus Herold war bewusst, dass die staatlichen Machthaber die Lebenszeit von Kindern und Erwachsenen zunehmend mit der sozialistischen Ideologie in Beschlag zu nehmen suchten. Zudem durfte in der Schule kein Religonsunterricht mehr stattfinden, so dass Kirche im Lebensraum Schule nicht mehr präsent war. Für Aufderbeck und Herold war damit klar: Wir brauchen Erfahrungsräume für Kinder, in denen sie ihr Getauftsein unter Gleichgesinnten entwickeln und ihr Christsein einüben können.“
„Was damals galt, gilt auch heute“, fährt Slowik fort: „Wer Christ werden und in der Diaspora sein will, braucht einen Raum des Vertrauens, in dem er sich mit getauften Gleichgesinnten öffnen kann für das, was in jedem Menschen lebt. Er braucht einen Schutzraum dafür, mit Gott in Kommunikation treten zu können durch Stille, Gebet, Liturgie und die Erfahrung lebendiger Gemeinschaft, die spürbar werden lässt: Ich bin nicht allein. Die anderen geben mir Kraft.“ In der DDR habe diese Erkenntnis im übrigen „nicht nur eine ekklesiologische (kirchenbildende) Bedeutung, sondern auch eine oppositionelle Komponente“ gehabt.
Die erste Kinderwallfahrt zur Huysburg stand unter dem Leitwort „Mein Herz ist bereit“. Mit einem Schreiben vom 2. Juni 1960 hatte Seelsorgeamtsleiter Aufderbeck Kinder, darunter besonders die Ministranten, Mütter, Seelsorgehelferinnen und Priester dazu eingeladen, sich „auf vielerlei und mannigfaltige Weise“ mit Bahn, Omnibus und Autos und  das letzte Stück zu Fuß auf den Weg zu machen. Und sich sogar um ein möglichst gutes Ankommen Gedanken gemacht: „Alle Autofahrer wollen auf den Straßen größte Vorsicht walten lassen.“ Alle Teilnehmer sollten sich auf Sinn und Anliegen der Wallfahrt vorbereiten, jede Pfarrgruppe eine Opferkerze, Gesangbuch, Rosenkranz und Verpflegung mitbringen.
 

Weitsicht von Aufderbeck und Herold
Am Wallfahrtstag selbst, einem Dienstag, steht Aufderbeck gemeinsam mit Claus Herold und weiteren Mitbrüdern dem Wallfahrtsgottesdienst vor. Dabei zelebriert er (noch einige Jahre vor dem Konzil) an einem Volksaltar mit dem Gesicht zur Gemeinde. Mittags finden „Frohe Herrgottsstunden“ in überschaubaren Gruppen statt. Um 14 Uhr wird die Wallfahrt mit einer Andacht beschlossen.
Die erste Kinderwallfahrt gelingt, die zweite 1961 wird mit „Wir aber sind Kinder Gottes“ überschrieben, „was wohl auch meinte: Wir sind nicht Pioniere, nicht Verfügungsmasse“, sagt Slowik. Erstmals feiert Weihbischof Heinrich-Maria Rintelen mit den Kindern den Wallfahrtsgottesdienst und hält die Predigt. 1963 wird neben der Huysburg mit 2100 Teilnehmern nun eine zweite Kinderwallfahrt auf dem Petersberg mit 2400 Teilnehmern angeboten. Seit 1967 findet zudem eine dritte Wallfahrt in Bad Schmiedeberg statt, anstelle des Petersbergs kommen Kinder nun in Roßbach zusammen. Das Motto lautet: „Groß und gewaltig ist der Herr, wir wollen seine Zeugen sein!“ Ein Jahr zuvor hieß das Leitwort „Geht hinaus in alle Welt“, „was auch meinte: Kirche ist Welt, ist Leben, gibt Freiraum gegen eine Beurteilung der Menschen als gegenüber dem Regime hörig oder nicht hörig“, erläutert Slowik.
Ab 1972 werden die Wallfahrten vom Katechetischen Amt unter Prälat Martin Fritz als „regionale Kindertage“ angeboten und sind inhaltlich auf das Thema der Religiösen Kinderwoche (RKW) bezogen. Schließlich gibt es, um viele RKW-Kindergruppen zu erreichen, ab 1971 auch noch in Bismarck in der Altmark und damit an vier Orten des 1972  errichteten Bischöflichen Amtes Magdeburg Kinderwallfahrten.  Zentral ist immer die Feier der Eucharistie mit dem Bischof. Bereits ab 1966 erläutert ein Kommentator den Mädchen und Jungen während der Wallfahrtsmesse kindgerecht das Gottesdienstgeschehen. Vikar Gerhard Nachtwei, der sich ab 1973 für die Durchführung der Wallfahrt engagiert, bringt erstmals eine Spielgruppe aus Zeitz mit, die am Nachmittag ein thematisch passendes Stück aufführt.
„Die Kinderwallfahrten wie auch die 1961 per Beschluss der Bischöfe DDR-weit eingeführten RKW werden zu Möglichkeiten für die Mädchen und Jungen, Gemeinschaft, Freude am Glauben zu erfahren und Sinn für das eigene Leben zu finden“, ist Kinderseelsorger Slowik überzeugt. In gewisser Weise seien die RKW „zu einem Geschenk der SED für die katholischen Kinder“ geworden. „Weil der Staat Druck machte, haben die damals Verantwortlichen diese Möglichkeiten geschaffen, die im Rahmen der von der Verfassung gewährten Religionsfreiheit toleriert wurden.“ Viel später, Anfang der 1990er Jahre habe die letzte Leiterin des Katechetischen Amtes, Marianne Werner, einmal resümiert: „Ohne die Religiösen Kinderwochen hätte die Kirche in der DDR nicht überlebt.“
 

Religiöse Kinderwochen und Kinderwallfahrten
Matthias Slowik ist seit 2004 für die Kinderwallfahrten verantwortlich. Jahr für Jahr bereitet der Kinderseelsorger die Wallfahrten über mehrere Wochenenden hinweg mit einem Team von Jugendlichen und erfahrenen Erwachsenen intensiv vor und führt sie dann mit den Kindergruppen zum Ferienbeginn durch.  Slowik, der darüber hinaus im Sommer auch regelmäßig eine überregionale RKW anbietet, stellt fest: „Ich bin nicht zuletzt den Bischöfen über die 60 Jahre hinweg sehr dankbar, dass sie sich Jahr für Jahr bei den bis zu vier Kinderwallfahrten im Bistum für die Mädchen und Jungen  Zeit genommen haben.“ Heute lebten die Kinderwallfahrten vor allem davon, dass Gemeindegruppen im Rahmen ihrer RKW zum gemeinsamen Wallfahrtstag in der entsprechenden Region kommen.
In diesem Jahr stehen die Kinderwallfahrten am 6. Juli in Wittenberg, am 8. Juli auf der Huysburg und am 9. Juli in Roßbach unter dem Thema „Gottes Liebe geht auf über dir.“ Beginn ist jeweils 10 Uhr.

Von Eckhard Pohl