28.07.2022

Schwester Elisabeth Muche verlässt die Leipziger Kontaktstelle

Vieles kann, nichts muss

Schwester Elisabeth Muche verlässt die Leipziger Kontaktstelle. Sie bricht zu ihren Münchner Mitschwestern auf. Dort will sie der Abgrenzung zwischen geistlichem und psychologischem Gespräch auf die Spur kommen.

Schwester Elisabeth Muche verlässt die Kontaktstelle in der Propstei Leipzig.    Foto: Silvia Funke

„Wie können wir Christen ansprechen und gleichzeitig aus unserer Blase herausgehen?“ Diese Frage beschäftigt Schwester Elisabeth Muche seit 2019 bei ihrer Arbeit für „Statio“, der Kontaktstelle der Katholischen Kirche in Leipzig: Wer spirituell auf der Suche ist, findet in den Räumen der Propstei Gesprächspartner und Gelegenheit, im Rahmen vielfältiger Angebote Sehnsüchten, Lebens- und Glaubensfragen auf die Spur zu kommen.
Am 31. Juli endet diese Etappe für Schwester Elisabeth: Sie widmet sich in München einer psychotherapeutischen Ausbildung, die ihr Studium komplettiert. „Ich habe in der Coronazeit zunehmend Gespräche mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen geführt, die über Seelsorge hinaus gingen. Da bin ich versucht, durch mein Studium auch psychologisch zu helfen. Das ist aber eine Kompetenzüberschreitung, denn mir fehlen die methodischen Fertigkeiten aus der Therapeutenausbildung“, erklärt sie. Diesen will sie sich nun in einer Rehaklinik für Psychiatriepatienten widmen und ist gespannt, wie Psychologie und Seelsorge für sie zusammengehen.

Geschützter Rahmen für die Berufung
Den neuen Alltag teilt sie mit ihren Münchner Mitschwestern in der Kongregation der Helferinnen. Zentrales Anliegen des Ordens, dem weltweit etwa 420 Schwestern angehören, ist die Erfahrung des Helfens. Im Dienst für Menschen am Rande der Gesellschaft werden sie von der ignatianischen Spiritualität geleitet. Nachwuchsprobleme in Deutschland sorgen Schwester Elisabeth nicht: „Wir sind die erste Generation, die sehr europäisch denkt. Da ist die Schwester in Italien nicht weit und so relativiert sich die Frage, ob es hier Eintritte gibt.“
Die gebürtige Chemnitzerin lernte die Helferinnen in der Katholischen Studentengemeinde in Leipzig kennen. Prägend für ihre Berufung waren etwa die Exerzitien im Alltag: „Da haben damals alle mitgemacht und abends an der Bar haben wir uns darüber ausgetauscht, wer seinen Tagesrückblick noch nicht gemacht hatte.“ Die Blase spielte auch da schon eine bedeutsame Rolle: „Dieser geschützte Rahmen war für mich in dieser Lebensphase sehr wichtig.“ Der Kontakt zu den Helferinnen blieb und die Entscheidung, das Noviziat anzutreten, reifte.
Schwester Elisabeth erlebt ihre Berufung nicht als eine willkürliche Ernennung Gottes, sondern als Prozess. „Wenn ich das hinterfrage, merke ich, wie frei ich bin. Ich kann immer wieder zu dem Punkt kommen: Ja, das stimmt für mich.“ Dafür gebe es in der Spiritualität der Helferinnen das Wort „Trost“ – es beschreibt den Zustand, in dem man tiefen inneren Frieden verspürt.
Neben Zeiten der Stille, Gebet und Austausch sind vor allem die unterschiedlichen Begegnungen im Dienst der aktuell drei Leipziger Schwestern zentral. Um die ging es Schwester Elisabeth auch bei der Kontaktstelle, die sie als Brücke in die Stadt sieht. Dabei habe sie gemerkt, dass Großstadtpastoral ohne Öffentlichkeitsarbeit kaum möglich sei: „Den Weg über die katholische Blase hinaus zu finden, ist nicht leicht und die Suche beschäftigt mich“, so die 32-Jährige, die gleichzeitig Bistumsbeauftragte für Citypastoral ist.

Pastoral in der Stadt muss neue Wege gehen
Bei dieser Suche waren auch die Kontaktbeschränkungen ein Anstoß, da sie Türen über soziale Medien und virtuelle Aktionen geöffnet haben. Bei ihrer Arbeit fasziniert sie die Dynamik, die von tiefen Begegnungen zwischen Ehrenamtlichen und Gästen der Kontaktstelle ausgeht. Etwa bei der jährlich im August stattfindenden Kräuterweihe, bei der Feier des Erwachsenwerdens, der Offenen Kirche, den Stadtteilrundgängen mit Volkshochschule und Caritas oder bei der Vorbereitung des Podcast-Adventskalenders in Kooperation mit der Katholischen Akademie: „Keiner zwingt uns, Zeit und Energie in diese Ideen zu stecken – alles kann, nichts muss. Wenn wir durch unseren Einsatz aus dem Glauben heraus aber auch selbst berührt werden, kommt ganz viel ans Licht“, so die Schwester.
Bei ihrer Arbeit machen ihr die Resistenz und der Einsatz der Gläubigen Mut. Die Dankbarkeit zu spüren, wenn sich Räume öffnen, wenn eine Beziehung gewachsen und ein Gespräch in die Tiefe gegangen ist, motivieren sie. Für ihre derzeit noch offene Nachfolge wünscht sich Schwester Elisabeth eine Person mit Spaß daran, Ideen kreativ zu gestalten, mit Freude am Motivieren und Organisieren. Die meisten Angebote der Kontaktstelle werden in der Zwischenzeit vom Team der Engagierten, das Schwester Elisabeth um sich gebildet hat, fortgesetzt – immer getreu dem Motto: Vieles kann, nichts muss.

Von Silvia Funke