29.09.2022

Ehrenamtsmanagement-Fortbildung im Erzbistum Berlin

Schluss mit „So war es immer!“

Wie finden Kirchengemeinden auch künftig Ehrenamtliche? Was können sie dafür tun, dass Engagierte sich mit Freude in das Leben der Pfarreien einbringen? In der Ehrenamtsmanagement-Fortbildung des Erzbistums Berlin finden Pfarreiteams Antworten.

Die Teilnehmer der zweiten Fortbildung Ehrenamtsmanagement beim Abschluss im September.    Fotos: Erzbistum Berlin

 

„In den Gemeinden unseres Erzbistums treffe ich oft Leute, die mir stolz ihre vielen Ehrenämter aufzählen“, sagt Ute Eberl aus dem Pastoral-Bereich des Erzbistums. Vertraut sind ihr auch die Klagelieder aus Caritas-Kreisen, Chören, Wahlgremien oder Kirchenreinigungsdiensten: Die verlässlichen Engagierten scheiden aus Altersgründen aus, die Verbleibenden sind überlastet und frustriert, Neue lassen sich nicht zum Mitmachen motivieren. Ehrenamt ist in Pfarreien kein Selbstläufer mehr. Die Stimmung in den Gemeinden passt nicht zu den Erkenntnissen, die alle fünf Jahre in den Freiwilligenberichten der Bundesregierung zusammengefasst werden. Dort ist zu lesen, dass freiwilliges Engagement in Deutschland während der letzten zwanzig Jahre keinesfalls abgenommen hat.
Gemeinsam mit ihren Kollegen Uta Raabe und Peter Kloss-Nelson hat sich Ute Eberl vor einigen Jahren auf die Suche gemacht. Was tun Organisationen dafür, dass sich Menschen gerne bei ihnen engagieren?, wollten sie wissen. Und was könnten die Kirchengemeinden von den Institutionen und Verbänden lernen, die schon erste Schritte in der Veränderung ihrer Ehrenamtsarbeit gegangen sind? Zu dritt haben sie eine Fortbildung der Ehrenamtsakademie Deutschland besucht. Mit Vertretern vom Roten Kreuz, dem Bund Naturschutz und anderen Vereinen und Initiativen haben sie die  Ehrenamtslandschaft in den Blick genommen. Ehrenamtlichkeit verändert sich überall, haben sie dabei gelernt. Wenn eine Organisation darauf nicht reagiert, dann reagieren die Ehrenamtlichen. Sie bleiben weg.
In der Kirche muss sich das Miteinander von Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen weiter entwickeln, hat das Team aus dem Erzbistum Berlin erkannt. Starre Formate unter dem Motto „das haben wir schon immer so gemacht“ seien kaum attraktiv. Dass Ehrenamt auch Spaß machen darf, sei nicht selbstverständlich. Dennoch werde die Bereitschaft, sich für die Kirche vor Ort zu engagieren, oft unterschätzt.
Um herauszufinden, wie man es richtig anpackt, kooperiert das Erzbistum jetzt mit der Beratergruppe Ehrenamt, die in mehreren deutschsprachigen Diözesen den Wandel in der Ehrenamtskultur fördert.
Neben Kurzveranstaltungen wie der abendliche Online-Workshop „Hauptsache Ehrenamt“ und dreitägigen Basiskursen „Ehrenamtskoordination“ gehören dazu auch Fortbildungen in „Ehrenamtsmanagement“, die Pfarreiteams aus Haupt- und Ehrenamtlichen gemeinsam besuchen. Über ein Jahr hinweg nehmen sie insgesamt an vier dreitägigen Fortbildungsmodulen teil. Im Frühjahr 2023 geht die Fortbildung in die dritte Runde.
„Was muss sich bei uns ändern, damit Ehrenamtliche ihre Fähigkeiten einbringen können und gerne mitmachen?“, lautet die entscheidende Frage, der die Gemeindeteams während der Schulung auf den Grund gehen.

Veränderungen bieten auch Chancen
Für entscheidend halten es Peter Kloss-Nelson und Ute Eberl, dass Verantwortliche in den Gemeinden akzeptieren, dass sich beim Ehrenamt auch in der Kirche gerade ein Wandel vollzieht. Christen engagieren sich nach wie vor mit Herzblut, aber bevorzugt dort, wo sie ihre Talente einbringen können und es klare Rahmenbedingungen gibt. Das bedeutet auch: für eine festgesetzte Zeit, aber nicht lebenslänglich. Dass sich Lebensweisen und damit auch ehrenamtliches Engagement verändert, biete durchaus auch Chancen, sind beide überzeugt. Beispielsweise eröffne es Möglichkeiten für Nichtchristen, sich in Kirchengemeinden zu engagieren. „Um den Weihnachtsbaum aufzustellen, muss man kein Christ sein“, nennt Ute Eberl als Beispiel. Schon jetzt erlebten Pfarreien, dass sich für Aufgaben wie Hausaufgabenhilfe oder Begleitung Geflüchteter Menschen interessieren, die bislang wenig oder keinen Kontakt mit der Kirche hatten. Häufig denke man nicht über den Kreis der Gottesdienstbesucher hinaus. Vielleicht gebe es im Ort einen pensionierten Schulleiter, der Freude daran hätte, die vernachlässigte Pfarrchronik zu sichten und zu ordnen. Menschen einzubeziehen, die nicht zur Gemeinde gehören, weite den Horizont.
Die Leiter der Ehrenamtsmanagement-Fortbildung empfehlen, sich bei der Werbung für ehrenamtliche Mitarbeit nicht auf die Vermeldungen am Ende der Sonntagsmesse zu beschränken, sondern zum Beispiel öffentliche Medien zu nutzen. „Als Kirche haben wir denen, die bei uns mitmachen, Attraktives zu bieten, das können wir selbstbewusst vertreten“, sagt Ute Eberl.

Pfarrer Steffen Karas aus Blankenfelde erhält ein Zertifikat über die Teilnahme an der Fortbildung.

Mehr Flexibilität, mehr Wertschätzung
Bisher oft nicht selbstverständlich sei es, dass klar benannt wird, was zur ehrenamtlichen Aufgabe gehört und wie viel Zeit sie erfordert. Nötig sei deshalb, in einer Pfarrei eine Ansprechperson zu benennen, die die ehrenamtlichen Aufgaben koordiniert. Die führt mit jedem potenziellen Mitarbeiter ein Gespräch, in dem es nicht zuerst darum gehen sollte, was die Gemeinde braucht, sondern um die Talente, die der Interessent einbringen möchte. In solchen Gesprächen wird auch geklärt, ob er und sein Betätigungswunsch zur Pfarrei passt.
Gute Erfahrungen hat der Pastorale Raum Lankwitz-Marienfelde  von 2018 bis 2020 mit einer für ein Jahr geförderten Projektstelle in der Ehrenamtskoordination gemacht. Dort meldete sich zum Beispiel eine Frau, die „etwas mit Senioren“ machen wollte. Die Koordinatorin vereinbarte mit den Verantwortlichen eines Caritas-Projekts und der Pfarrbücherei, dass sich die Interessentin beide Einsatzfelder anschauen würde. Sie wurde an beiden Orten herzlich empfangen und in ihrer Entscheidung frei gelassen.
Wer seinen Dienst wieder beenden möchte, sollte ebenfalls frei gelassen werden und für das bisher Geleistete Wertschätzung erfahren, legt Ute Eberl ihren Kursteilnehmern ans Herz. Häufig geht es Ehrenamtlichen so wie dem Mitglied einer Gemeindegruppe, die Senioren an ihren runden Geburtstagen besuchen. Die Frau verabschiedete sich nach dreijährigem Dienst wieder aus der Runde, weil sie sich in einem anderen Ehrenamt der Pfarrei einbringen wollte.  Ihre bisherigen Mitstreiterinnen zeigten ihr deutlich, dass sie sich verlassen fühlten: „Wieder eine weniger, und ausgerechnet die, die noch gut laufen konnte!“
Gar nicht so einfach sei es, Ehrenamtliche in angemessener Weise wertzuschätzen. „Gegen das klassissche Dankeschön-Essen ist nichts einzuwenden, sofern die Ehrenamtlichen dort nicht selbst bedienen müssen“, findet Ute Eberl. „Warum fragen Sie einen Mitarbeiter nicht einmal, was er als wertschätzend erlebt?“, schlägt sie Hauptamtlichen vor. Ein Pfarrer, der sich bei der Helferin einer langen Erstkommunionvorbereitung eigentlich mit Wein und Blumen bedanken wollte, folgte ihrem Rat – und konnte der Helferin mit einem Zuschuss für einen Methodenkurs eine weitaus größere Freude machen.
Während der Ausbildung sollen die Gemeindeteams das Gelernte als Projekt in ihrem Gemeindealltag umsetzen. Dabei begegnen ihnen auch Widerstände:  „Brauchen wir das auch noch? Haben wir bisher etwa alles  falsch gemacht? Noch funktioniert es doch!“, bekommen die Teilnehmerteams zum Beispiel zu hören. „Es geht hier um einen Kulturwandel“, stellt Peter Kloss-Nelson fest und ist sich mit Ute Eberl einig: „Dafür braucht man einen ganz langen Atem.“

Von Dorothee Wanzek