21.07.2021

Machtfrage auf dem Sachsensofa in Zwickau

„Wir müssen die Menschen überzeugen“

Wie üben Amtsträger ihre Macht aus? Politiker und Kirchenvertreter diskutierten darüber beim Sachsensofa in Zwickau und zeigten, dass es heute selten um einsame Entscheidungen im stillen Kämmerlein geht.

Das Sachsensofa ist wieder unterwegs. Jüngst machte es in Zwickau Station. Platz genommen hatten drei Mächtige unserer Zeit, um über das Thema „Macht Macht Macht?“ nachzudenken: ein Spitzenpolitiker, ein Bischof und eine Kommunalpolitikerin.
Die wohl intensivsten Erfahrungen mit Macht hat Wolfgang Schäuble (CDU) in seiner Zeit als Bundesinnenminister gemacht. Nachts immer das Telefon in Rufbereitschaft am Bett und dann wird man vom Diensthabenden geweckt, um wichtige Entscheidungen etwa in einem Entführungsfall zu treffen. „Da schlafen sie nicht immer gut“, sagt Schäuble, der heute Bundestagspräsident ist. „Präsident der Vereinigten Staaten möchte ich jedenfalls nicht sein.“
Mit dem Papstamt geht es dem Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers ähnlich. Er sieht dennoch zwischen der weltlichen Macht und der Macht in der Kirche einen wesentlichen Unterschied: In den heutigen Demokratien gehe die Macht vom Volke aus; in der Kirche geht die Macht von Gott aus. Kirchliche Ämter seien immer Dienstämter. Machtausübung in der Kirche müsse anderen zum Leben helfen, so der Bischof.
Als Pfarrer habe er seinerzeit wesentlich größere Freiheiten gehabt, die Seelsorge in der Pfarrei zu gestalten. Entscheidungen, die er heute als Bischof treffe, fälle er häufig nicht allein, sondern nach eingehenden Beratungen im Team der Verantwortungsträger im Bistum, insbesondere mit seinem Generalvikar. „Es gibt nur ganz wenige Entscheidungen – meist Personalfragen – die ich alleine treffe.“ Bei Finanzfragen gebe es auf Bistums- und Pfarreiebene inzwischen strenge Kontrollmechanismen, an die auch der Bischof beziehungsweise der Pfarrer gebunden sei.
Schäuble betonte, dass diejenigen, die ein Amt innehätten, auch Entscheidungen treffen müssten, „sonst machen sie etwas falsch“. Allerdings setze die heutige freiheitliche Form der Machtausübung normalerweise darauf, Menschen zu überzeugen. Für den Fall, dass das nicht gelinge, gebe es dann das staatliche Gewaltmonopol.
Die Zwickauer Oberbürgermeisterin Constance Arndt (Bürger für Zwickau), die erst seit einem Dreivierteljahr im Amt ist, sieht sich als Stadtoberhaupt stärker in der Rolle der Vermittlerin. „In meiner früheren Tätigkeit habe ich mehr entschieden, heute geht es darum, die Menschen mitzunehmen“, sagt Arndt, die aus der Wirtschaft kommt und zuletzt in Plauen die Filiale eines Modeunternehmens geleitet hat. „Macht schafft Möglichkeiten“, ist ihre Erfahrung. Macht sei heute vielfach in Misskredit geraten. Die Bevölkerung sei gegenüber Entscheidungen in Politik, Medien oder Kirche vielfach skeptisch. Es gälte durch Gespräche und Kontakte Vertrauen wiederzugewinnen, so Arndt weiter.
Von diesem Misstrauen ist die katholische Kirche besonders betroffen. Es sei schwierig, wenn das Vertrauen in eine Institution wie die Kirche verloren gehe, sagte Schäuble. „Die katholische Kirche macht eine wirklich schwierige Phase durch, und ich leide da auch mit, selbst wenn ich evangelisch bin. Ich habe großen Respekt vor der Bürde der Verantwortungsträger.“
Bischof Timmerevers verwies in diesem Zusammenhang auf den Synodalen Weg, bei dem Macht eines der zentralen Themen sei. Der „riesige Vertrauensverlust“ im Zuge des Missbrauchsskandals erschüttere die Kirche im Innersten. Wie damit umgehen? Timmerevers’ Antwort: „Wir brauchen Hilfe – denn ich weiß nicht, ob wir uns selbst daraus befreien können, um es aufzuarbeiten, um neues Vertrauen zu gewinnen.“ Das sei ein sehr langer und mühsamer Weg.

Von Matthias Holluba