22.05.2020

Predigtreihe im Tag des Herrn

Mit Gott leben – ohne Tempel

Angesichts der Coronakrise veröffentlicht der Tag des Herrn die schriftliche Sonntagspredigt. Zisterzienserin Schwester M. Sandra Gelbe aus Helfta schreibt über das Evangelium von Jesu Bitte für alle, die an ihn glauben.

Modell des Tempels, wie ihn Jesus und die Jünger – allerdings noch im Bau – vom Ölberg aus gesehen haben. (Das Bild zeigt einen Ausschnitt des Holyland-Modells von Jerusalem, heute im Israel-Museum in Jerusalem.)    Foto: wikimedia

 

Die Jünger steigen einen Berg hinab, den Ölberg. Es ist der Abschiedsberg. Dort hatten sie mit Jesus die letzte gemeinsame Nacht verbracht und gehört, was im Evangelium (Joh 17,1-11a) dieses Sonntags steht. Dort waren sie Zeugen seiner Abschiedsreden gewesen und seines intensiven Betens zum Vater. Nicht weit weg davon: Gethsemane ... Vieles hatten sie nicht verstanden, noch nicht, aber sie hatten sein Anderssein in jener Nacht mit ihm ausgehalten, sein inständiges Rufen und seine Bitte um Erhörung – sie waren dort gewesen.

Dreifaltigkeitsikone von Andrej Rubljow: Gott selbst ist Liebe und Gemeinschaft.    Foto: wikimedia

Jesus spricht vom Ende des Tempels
Sitzend auf diesem Berg, der gegenüber dem Tempelberg liegt, hatte Jesus ihnen die Zeit vom Ende des Tempels erklärt, nachdem er zuvor in einer flammenden öffentlichen Rede in Jerusalem angekündigt hatte, dass Gott nun den Tempel verlässt (vgl. Mt 23,38; Mt 24,3ff, Mk 13,3ff). Damit hatte er eine Vision des Propheten Ezechiel aktualisiert, in der es hieß: „Die Herrlichkeit des Herrn stieg empor, weg aus der Mitte der Stadt; und sie blieb stehen auf dem Berg im Osten der Stadt.“ (Ez 11,23). Genau auf diesem Berg, wohin sich die Herrlichkeit des Herrn in der Vision des Ezechiel und auch Jesus nach jener Ankündigung begeben hatten, wurde ihnen anlässlich seiner Himmelfahrt die letzte leibhaftige Begegnung mit ihm zuteil. Über diesen Berg hatte der Prophet Sacharja in seiner Vision
vom endzeitlichen Jerusalem geweissagt: „Seine Füße werden an jenem Tag auf dem Ölberg stehen, der im Osten gegenüber von Jerusalem liegt.“ (Sach 14,4) Nun hatten die Füße des Gesalbten des Herrn auf dem Ölberg gestanden, und er war vor ihren Augen von dort entrückt worden. Was bedeutete das? Kam jetzt der Tag des Herrn? Brach nun die Notzeit an?
Voll von den Ereignissen und dem, was darüber in der Schrift prophezeit wurde, gingen sie zurück in die Stadt. Sie erkannten, dass sie selbst jetzt Teil dieser großen Geschichte waren. Und sie gingen von dort nicht in den Tempel, sondern in jenes Obergemach, in dem sie mit Christus das letzte Mahl gefeiert hatten. Dort blieben sie als Hausgemeinschaft, zwischen Erinnerung und Zukunftsangst, aber auch im hoffenden Vertrauen auf das Verheißene, die Taufe mit dem Heiligen Geist (vgl. Apg 1,5), der ihnen Kraft für den Zeugendienst geben sollte. Die Zeit der verschlossenen Türen zwischen Ostern und Pfingsten war für sie eine Zeit ohne Tempel.

Die Jünger leben aus Jesu Wort
Es heißt: „Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet!“ (Apg 1,14), zahlenmäßig mindestens 16 Personen. In dieser Zahl Einmütigkeit hinzukriegen, ist schon eine beachtliche Leistung. Was verband sie? Die Atmosphäre des Ortes, an dem sie gehört hatten, dass es sein Leib und sein Blut war, von dem er sie zu essen und zu trinken einlud, an dem sie als Zeugen der Fußwaschung die Worte hörten: „Wenn ich dich nicht wasche, hast Du keinen Anteil an mir.“ (Joh 13,8) – war es das? Des Ortes, an dem er gesagt hatte: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19; 1 Kor 11,24) – Sie waren noch nicht ohne Angst. Da war noch keiner, der sich mutig hervortat oder freimütig sprach. Gemeinsam praktizierten sie so aber das, was der Psalm 27 in Worte fasste, ein inständiges Rufen zum Herrn, ein Wohnen im Haus des Herrn, ihres Herrn und Messias. Sie lebten aus dem Wort. Er selbst, Christus, hatte ja von ihnen zum Vater gesagt: „Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen.“ (Joh 17,8). Im Bild vom Weinstock und den Reben hatte er ihnen zudem eine neue Form kultischer Reinigung offenbart: „Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe.“ (Joh 15,3) Reinheit durch das Wort. Darum auch bat Jesus in jenem Abschiedsgebet an den Vater: „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.“ (Joh 17,17)
In all den empfangenen Gesten ging es um Teilhabe an Ihm, dem Christus, der sich selbst als „Tempel“ bezeichnet hatte (Joh 2,19), der mit persönlichem Anspruch die Jesajaworte: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir. Denn der Herr hat mich gesalbt“ (Jes 61,1) gelesen hatte. An diesem Ort also, der ein gewöhnliches Obergemach eines gewöhnlichen Stadtteils Jerusalems war, begann im Miteinander um das Wort der neue, lebendige Tempel der Zukunft (vgl. 1 Petr 2,5 und Offb 21,22), der an Pfingsten im Heiligen Geist vollendet wird.

Zisterzienserin  Schwester Sandra Gelbe.    Foto: Kloster Helfta

Versammelt um Gottes Wort entsteht Kirche
Wo man sich also um das Wort versammelt, fallen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen, wird man durch das Wort gereinigt und von Gott geheiligt. Dort entsteht die einmütig betende Kirche, die in Krisenzeiten überlebensfähig ist, weil es eben nicht die Steine sind, die die Kirche ausmachen. Das lebendige Wort lebt und wirkt im Herzen der Gläubigen, von denen Christus sagt: „in ihnen bin ich verherrlicht“ (Joh 17,10). In diesem Verständnis von Teilhabe tröstet Petrus seine Gemeinde: „Freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln. Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch.“ (1 Petr 4, 13f)

Schwester M. Sandra Gelbe OCist ist 50 Jahre alt und stammt aus Geismar im Eichsfeld. Sie hat Medizin studiert, lebt seit 2014 im Kloster Helfta und hat die zeitliche Profess abgelegt.