07.05.2020

Predigtreihe im Tag des Herrn

Der großherzige Hauseigentümer

Angesichts der Coronakrise veröffentlicht der Tag des Herrn die schriftliche Sonntagspredigt. Zum Sonntagsevangelium schreibt Frank Hoffmann, Pfarrer der Pfarrei St. Otto Usedom-Anklam-Greifswald.

Jesu Verheißung von den vielen Wohnungen im Haus des Vaters wurde in dieser Kirche ganz irdisch umgesetzt. Hier entstanden Wohnungen für obdachlose Senioren.    Foto: kna

 

Verlassenheit ist vielleicht eine der schlimmsten „Krankheiten“, die einen Menschen erfassen kann. In diesen Zeiten der Einschränkung durch die Pandemie habe ich von alten und kranken Leuten in Senioreneinrichtungen gehört, die ihre Angehörigen am Telefon angefleht haben, sie da heraus zu holen. Nicht, dass sie dort mangelhaft versorgt gewesen wären. Einzig der Besuch, die Nähe ihrer Kinder und Enkelkinder fehlte ihnen. Da half keine Beschwichtigung, dass sicher wieder bessere Zeiten kommen. Da war die Seele so tief von Verlassenheit ergriffen, dass sofortige erste Hilfe vonnöten gewesen wäre.

Jesus beschönigt die Trennung nicht
Jesus im Johannes-Evangelium weiß, wie existenziell gefährlich Verlassenheit werden kann. Er greift vorbeugend ein, bevor es soweit kommt, sagt seinen Jüngern: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren.“ Er sieht kommen, dass seine irdische Lebenszeit zuende geht, dass seine Trennung von ihnen und Verlassenheit für sie bevorsteht. Er beschönigt nichts, in der billigen Weise „Wird schon alles wieder gut!“. Er ist in all der Ernsthaftigkeit bemüht, seine Jüngerinnen und Jünger von Herzens-Verwirrung zu einer Herzens-Ruhe zu führen.
Was kann er noch tun, bevor es todernst wird? „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“ Jesus lässt seine Jünger in seinem Zuspruch bildlich schauen, dass er in inniger Gottverbundenheit steht, er, der Herr. Gott ist noch lange nicht an das Ende seiner heilvollen Möglichkeiten gelangt, er hat übermäßige Ressourcen für die Jünger seines Sohnes reserviert. Ich gehe glaubend davon aus, dass Jesus uns heute und alle durch die Zeiten in diese Zusage einbezieht.
In mir entsteht das Bild des großherzigen Hauseigentümers, bei dem jeder Bedürftige eine Wohnung zu eigen bekommt. Da entsteht dann eine neue herzliche Nachbarschaft, was das völlige Gegenteil von Verlassenheit darstellt. Allein diese Aussicht hat das Potenzial, mich zu einer Herzens-Ruhe hinzuführen. Das ist ein schönes Bild, mit dem Jesus uns das Gottesreich vermittelt. Bildlich gesprochen, lässt sich mit so einem Eigentums-Recht in der Tasche noch manche Widrigkeit durchleben.

Der Erlöser will bei denen sein, die ihm folgen
Das geht noch so gut weiter: „Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“ Jesus nimmt seinen Jüngern den beschwerlichen Weg dahin ab, nicht einmal darum brauchen wir Sorge zu haben. Unser Erlöser hat selbst seine Wohnung dort; er hat nicht für sich einen unerreichbaren Palast mit dem Vater und dem Heiligen Geist – seines ist ebenso unseres. Ich lasse dieses Bild in mir groß und stark werden! Jesus, unser Herr, vermittelt seinen Jüngern diese anrührende und stark machende Anhänglichkeit Gottes, die so bisher unerhört war.

Frank Hoffmann ist außerdem Hochschulseelsorger für Greifswald und Stralsund und Propst in Vorpommern.

Sicher, das geht nicht sofort so zu Herzen, dass es uns dann bei aller kommenden Verlassenheit neu aufbauen würde. Schon bei Jesus war das so; Thomas und Philippus gehen dem Zuspruch des Herrn auf den Grund: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ und „Herr, zeig uns den Vater, das genügt uns.“
Es ist ja nachvollziehbar, einerseits. Man will schließlich wissen, wie begründet die Hoffnung ist, die da einer den anderen macht. Andererseits verstellen die beiden – wie so manche durch alle Zeiten – dieses Gottesgeschenk mit ihrer Fragerunde.

Für zukünftige Nachbarn schon jetzt da sein
Jesus, unser Herr, legt den Grund starker Hoffnung, für die er selbst einsteht, er, Gottes Sohn. Daher ist dies nicht nur ein Gedanke, wie so manche Utopien ausgedacht und erzählt worden sind. Schon der Grund ist krafterfüllt. Er hat in sich das Potenzial, in uns hineinzuwachsen, erfüllend zu werden. Es ist es doch wert, fürwahr gehalten zu werden; von denen damals wie von uns heute.
Ich male mir aus, wie es weitergeht: Mit diesem Eigentums-Recht in der Tasche brauche ich dann hier nicht das dicke Eigentum, es kann gut und gerne kleiner und mobiler sein. Auch muss ich nichts für mich ansparen, dass es für die Ewigkeit hält. Stattdessen kann ich bei meinen zukünftigen Nachbarn vorbeischauen, sie bestärken und erfreuen. Jesus ermächtigt seine Jünger durch alle Zeiten dazu: „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“ Unser Herr hat alles daraufhin vorbereitet, dass wir an seinen Worten und Werken anknüpfen, dass Gottes Heil sich weitest möglich ausbreite schon hier.
Das taten seit diesen Worten Jesu ungezählte Männer und Frauen, Kinder und Senioren, allüberall. Das tun auch gegenwärtig unzählige Leute in dieser schweren Zeit weltweit.
Gott sei Dank!