23.04.2020

Predigtreihe im Tag des Herrn

Kraft einer Christus-Begegnung

Angesichts der Coronakrise veröffentlicht der Tag des Herrn die schriftliche Sonntagspredigt. Zum Sonntagsevangelium schreibt Reinhild Oyen, Lehrerin für katholische Religion und Mathematik am Gymnasium aus Görlitz.

Gemälde „Das Mahl in Emmaus“ (1648) von Rembrandt van Rijn.    Foto: wikimedia/Directmedia Publishing GmbH

 

Das Bild „Das Mahl in Emmaus“ von Rembrandt van Rijn führt uns direkt zum Kern des Evangeliums dieses Sonntags: Jesus spricht den Lobpreis, bricht das Brot und gibt es den Jüngern (Lk 24,30). Die Emmaus-Geschichte ist so wichtig und voller Wahrheit, dass sie nicht nur am Ostermontag, sondern im Lesejahr A auch am 3. Sonntag der Osterzeit als Evangelium ausgewählt ist. Nur vom Evangelisten Lukas wird sie überliefert, ein Umstand, der Exegeten die Historizität der Erzählung anzweifeln lässt. Aber was ist Historizität, wenn es um die zeitlose Wahrheit der Begegnung mit Christus geht?

Herz ist voll von neuen Herausforderungen
Die Jünger verlassen die Stadt Jerusalem, nachdem Jesus dort hingerichtet worden war. Noch ganz gefangen von diesem brutalen Geschehen versuchen sie im Gespräch diese Erlebnisse zu verarbeiten. „Denn wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.“ (Mt 12,34) In dieser Pandemie ist das Herz voll von neuen Herausforderungen: die Neuorganisation der Familie und des Alltags, die Sorge um die Großeltern oder andere ältere Mitmenschen, der Verzicht auf Besuche, die oft anstrengende Arbeit im Krankenhaus oder Pflegeheim oder sogar die Angst um die eigene Existenz. Wie soll es jetzt weitergehen?

Reinhild Oyen    Foto: Teresa Oyen

Im Evangelium gesellt sich Jesus dazu, als die Jünger ihre existenziellen Sorgen austauschen. Er fragt nach, lässt sich erzählen, von dem, was die Jünger so bewegt, und sogleich sprudelt alles aus ihnen heraus: Die Geschichte von dem Propheten Jesus, der „mächtig war in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk“, von seinem gewaltsamen Tod am Kreuz und schließlich von dem, was einige Frauen ihres Kreises erlebt haben wollen: das Grab sei leer gewesen und Engel seien ihnen erschienen, die verkündigt hätten, Jesus lebe. Unglaublich! Das gibt es doch nicht!
Oder doch? Eine Buchhändlerin bringt dem Nachbarn das Buch vorbei, das er noch vor der Schließung der Läden bestellt hatte und nicht mehr abholen konnte. Erzieherinnen basteln Ostergrüße für die Kinder, die im Moment nicht kommen dürfen. Lehrer machen Podcasts für ihre Schüler, um ihnen das Lernen zu erleichtern. Ein Pfarrer stellt ein Heft mit Hausgottesdiensten für die Kar- und Ostertage zusammen und viele Hände verteilen sie, so dass sie rechtzeitig gerade bei den Menschen sind, die nicht online sind. Eine Rentnerin ruft systematisch alle älteren Leute an, von denen sie weiß, dass sie allein sind, und fragt, ob sie Hilfe brauchen... Wenn man nur die Ohren öffnet, kann man ganz viele solcher Geschichten hören und erleben.
Und Jesus? Die Jünger bitten ihn, der so gut zuhören kann, noch mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. „Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt!“ (Lk 24, 29) Wie schön ist es, mit jemandem zu reden, der sich wirklich für mich interessiert. Die Aufforderungen mancher Politiker, aber auch der Kirchen, sich um Ältere und Einsame zu kümmern, verhallen nicht ungehört: Meine betagte Mutter erzählte mir, dass eine Nachbarin, mit der sie sonst wenig Kontakt hat, anrief und Hilfe anbot, weil die älteren Leute dort nicht mehr wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus einkaufen gehen sollen. Das hat meine Mutter sehr gerührt. Wenn soziale Kontakte nicht mehr selbstverständlich sind, dann – so geht es mir jedenfalls – werden die Begegnungen kostbarer und ich werde dankbarer dafür. So wie das Fasten des Leibes einem die Sinne schärft, kann die uns auferlegte Reduzierung der Kontakte eine neue Wachsamkeit für den Nächsten und seine Nöte bewirken, die sonst unbemerkt geblieben wären.

Gemälde „Schwarzes Quadrat“ (1929) von Kasimir Malewitsch.    Foto: wikimedia/Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch

Dann ist es soweit: Beim Brotbrechen erkennen die Jünger, dass kein anderer als Jesus selbst sie mit seiner Gegenwart getröstet hat: Eine Sternstunde der Christusbegegnung. Heute werden diese den meisten von uns nicht oft geschenkt, aber wenn sie sich ereignet, dann gräbt sie sich tief in das Herz hinein und entfaltet eine bleibende Kraft. So auch bei den Jüngern von Emmaus, die so begeistert, berührt und gestärkt von diesem Zusammentreffen sind, dass sie sich noch „in derselben Stunde“ (Lk 24, 33) auf den Weg zurück nach Jerusalem machen, um den anderen zu erzählen, dass Jesus wirklich lebt.
Zurück zu dem Bild „Das Mahl in Emmaus“: Ehrlich gesagt, stelle ich mir Jesus anders vor als der Maler dieses Bildes. Dennoch kann das Bild anregen, darüber nachzudenken, wie meine eigenen Begegnungen mit Christus aussehen oder auch darüber, welches Bild ich von Christus habe.
Dazu kann das zweite hier abgebildete Bild von Malewitsch, einem russischen Maler, hilfreich sein: Es war in der Ausstellung „Ikonen – Was Menschen heute anbeten“ in der Bremer Kunsthalle Ende 2019 zu sehen. In einer Galerie war es 1915 an der höchsten Ecke des Raumes leicht schräg nach unten befestigt worden, so dass es damit im sogenannten „Herrgottswinkel“ hing, in dem in russischen Häusern sonst Ikonen verehrt werden. Es bietet die Möglichkeit, in Gedanken die eigenen Christusbegegnungen bzw. das eigene Bild von Jesus auf diese Fläche zu projizieren.
Die Geschichte von Emmaus macht Mut: Sie ist die Zusage, dass Christus in schwierigen Zeiten bei uns ist, auch wenn wir ihn nicht immer gleich erkennen; sie ist die Zusage, dass er so lange bei uns bleibt, bis er uns gestärkt hat; sie ist die Zusage, dass die Kraft und Zuversicht zurückkehren werden, damit wir weitergehen und das Notwendige tun können: „Bleib bei uns, Herr, die Sonne gehet nieder, in dieser Nacht sei du uns Trost und Licht. Bleib bei uns, Herr, du Hoffnung, Weg und Leben, lass du uns nicht allein, Herr Jesu Christ. Bleib bei uns, Herr, im Dunkel unsrer Sorgen. du bist das Licht, das niemals mehr erlischt. Bleib bei uns, Herr, bei dir sind wir geborgen. Führ uns durchs Dunkel, bis der Tag anbricht.“ (Gotteslob, Nummer 94, 1und 3).