14.05.2020

Predigtreihe im Tag des Herrn

Als Beschenkte in der Pflicht

Angesichts der Coronakrise veröffentlicht der Tag des Herrn eine schriftliche Sonntagspredigt. Andrea Riedl, neue Lehrbeauftragte für Kirchengeschichte an der Technischen Universität Dresden, schreibt zum heutigen Evangelientext.

Dieses Geschenk eines Freundes inspirierte Andrea Riedl, über eine Abschiedsgabe des Auferstandenen nachzusinnen.    Fotos: Privat

Nach einem erfolgreich verlaufenen Bewerbungsgespräch fand ich einmal ein Paket eines lieben Freundes aus Italien in der Post. Darin war ein kleiner hölzerner Spielzeug-Rennwagen mit plakativem Aufdruck „Nr. 1“, mit einem lächelnden Fahrer inklusive Sturzhelm und der Funktion, dass das Auto losprescht, wenn man es kurz entgegen seiner Fahrtrichtung aufzieht. Jedes dieser Details stand für einen Wunsch, den der Freund mir zum zukünftigen Stellenantritt schickte.
Schenken ist etwas sehr Persönliches, manchmal auch etwas Intimes. Das gilt vor allem dort, wo es in Beziehung stattfindet: in der Familie, zwischen Liebenden, unter Freunden, Kollegen, in Patenschaften... Aber auch dort, wo die Rahmenbedingungen auf den ersten Blick unaufgeregter, vielleicht sogar kühler oder gar geschäftlich sind (etwa bei Firmengeschenken, Geldzuwendungen oder Spenden) – auch dort zeigt sich, dass Schenken viel mehr ist als das bloße Geben oder Austauschen von materiellen Dingen oder Aufmerksamkeiten. Ein Geschenk hat immer eine Botschaft. Und Schenken ist eine Art Spiegel: Es ist ein Teil von mir selbst, meines Denkens und der Art, wie ich auf andere zugehe.

Ein Blickwechsel von Ostern in Richtung Pfingsten
Im Sonntagsevangelium nach Johannes (Joh 14,15-21) geht es auf mehreren Ebenen um das Schenken. Während die Lesungen der vergangenen Sonntage unseren Blick noch unmittelbar zurück auf die Ostergeschehnisse, auf die Begegnungen mit dem Auferstandenen, auf seine Gegenwart unter den Jüngerinnen und Jüngern gerichtet haben, beginnt jetzt etwas Neues: So als stünden wir vor einem Wegweiser mit der Aufschrift „Pfingsten“ werden wir nun Schritt für Schritt dorthin geführt, wo sich die Geburt der Kirche in der Herabkunft des Heiligen Geistes ereignen wird.
Im Sonntagsevangelium kündigt der Auferstandene ein Geschenk an, das gleichzeitig seine Abschiedsgabe und die bleibende Zusage ist, dass Gott bei uns Menschen ist, dass wir in ihm geborgen, von ihm begleitet sind bis an das Ende unserer Tage: Wenn Christus zum Vater heimgegangen sein wird, wird Gott uns den Heiligen Geist schenken. Das Johannesevangelium gibt dem Heiligen Geist mehrere Namen, um zu verdeutlichen, worin die Besonderheit dieses Gottesgeschenkes besteht: Es nennt ihn den Beistand – der, auf den wir uns verlassen können, der in allen Welt- und Lebenslagen bei uns bleibt. Es nennt ihn den Geist der Wahrheit – der, der uns hilft und dafür sorgt, dass die christliche Botschaft authentisch und wahr weitergetragen wird. Es nennt ihn den Paraklet – ein griechisches Wort, das übersetzt „der Herbeigerufene“, der an unserer Seite Stehende bedeutet.
Geschenk heißt immer auch, einen Teil von sich selbst zu schenken, sich selbst mitzuteilen. Nirgendwo wird das klarer und greifbarer als in der christlichen Theologie: Indem Gott seinen Sohn für uns hingibt, indem er uns den Heiligen Geist sendet, schenkt er sich selbst. Der wohl berühmteste Kirchenvater des Westens, der heilige Augustinus († 430), bezeichnet den Heiligen Geist als das „Geschenk der Liebe“, das Vater und Sohn einander – und somit auch uns Menschen – schenken. Wir haben es im heutigen Sonntagsevangelium also mit einer Kernbotschaft der christlichen Theologie zu tun, wie sie sich nicht nur in der katholischen Kirche, sondern in der gesamten Christenheit manifestiert hat: Gott ist sich verschenkende Liebe.
Als Beschenkter ist man in gewisser Weise auch in die Pflicht genommen. Ein Geschenk braucht Antwort, Wertschätzung oder manchmal schlicht eine Reaktion – nicht nur nach innen und für mich selbst, sondern auch nach außen. Die Lesungen des Sonntags, die das Evangelium begleiten, geben uns hier einen Fingerzeig, geradezu eine Hilfestellung: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt!“ (1 Petr 3,15)

Andrea Riedl hat in Graz, Thessaloniki und Wien Theologie und Klassische Philologie studiert. In Wien, Notre Dame/IN, München und Regensburg promovierte sie im Fachbereich Kirchengeschichte/Ostkirchenkunde. Seit April 2020 ist sie Lehrbeauftragte für Kirchengeschichte am Institut für Katholische Theologie an der Technischen Universität Dresden.

Mit einem Lächeln vorwärts auf die Zielgerade
Dieser Satz, der die ganze Kirchengeschichte hindurch bis heute als Leitsatz jedes theologischen Studiums, jeder Beschäftigung mit der Heiligen Schrift, jedes theologischen „Nachdenkens über Gott und die Welt“ und auch jedes ökumenischen Dialogs zwischen den christlichen Kirchen dient – dieser Satz bekommt im heutigen Sonntagsevangelium seine Verankerung, ja seine Zielrichtung: Indem wir Christen bereit sind, uns fundiert mit unserem Glauben auseinanderzusetzen, ihn in der Liturgie zu feiern, ihn im Alltag zu leben und Zeugnis davon zu geben, reagieren wir auf dieses große Liebesgeschenk Gottes.
Christus sagt uns heute den Beistand des Heiligen Geistes zu und stattet uns auf diese Weise mit allem aus, was uns hilft, den Weg in seiner Nachfolge (weiter) zu gehen: mit dem Anstoß, nach vorne zu preschen, auch wenn es manchmal rückwärts zu gehen scheint; mit einem sturzsicheren Helm; mit dem plakativen Aufdruck „Nr. 1“, auch wenn wir manchmal das Gefühl haben, Gott (und dem Nächsten) nicht zu genügen; und mit der Zusage einer Zielgeraden, die es wert ist, ihr mit einem Lächeln entgegenzufahren.