16.07.2020

Pfarrwitwenhaus in Groß Zicker auf Mönchgut

Ich war „wohl mannbar“

Nach Einführung der Reformation wurden Pfarrwitwen „konserviert“. Das heißt, sie heirateten den nachfolgenden Pfarrer. Im Pfarrwitwenhaus in Groß Zicker auf Mönchgut wird daran erinnert.


Das Pfarrwitwenhaus ist ein  niederdeutsches Hallenhaus.    Foto: Holger Jakobi

 

Mit der Einführung der Reformation kam schnell ein Problem auf. Was wurde mit den Frauen, wenn ihr Mann – der Pfarrer – verstarb? Versorgungskassen und Versicherungen gab es zunächst keine. So kam man auf die Idee, dass die Witwe den Nachfolger ihres Mannes heiratete. Was durchaus Vorteile hatte: Der neue Seelsorger fand einen funktionierenden Haushalt vor und die Witwe war mit der neuen Eheschließung sozial und wirtschaftlich gut abgesichert. Auf der Insel Rügen, in Pommern und Mecklenburg hielt man sehr lange an dieser pragmatischen Lösung fest.
 
Die Geschichte der drei Annen
In Groß Zicker auf der Halbinsel Mönchgut (Rügen) wird im dortigen Pfarrwitwenhaus an die drei Annen erinnert, die einst in Groß Zicker lebten. In der kleinen Ausstellung kommt zuerst Anna Vogtlands zu Wort, die zweimal konserviert wurde: „Ich stamme aus Stralsund. Mein Vater war der angesehene Kaufmann und Weinhändler Jürgen Vogtlands. Ich bin nach Groß Zicker gekommen, weil ich Paulus Swantesius geheiratet habe, der damals hier Pastor war. Leider ist mein Mann früh verstorben. Aber ich war noch jung. So habe ich 1671 den neuen Zickerschen Pastor Jeremias Becker geheiratet und konnte im Pfarrhaus wohnen bleiben.“ Doch sieben Jahre später war auch Becker heimgegangen. Weiter heißt es im Bericht: „Noch immer war ich aber im heiratsfähigen Alter; ich war ,Wohl mannbar‘, wie man im kirchlichen Amtsdeutsch sagte. So habe ich am 16. Februar 1679 Pastor Andreas Neander geheiratet und war weitere elf Jahre Pfarrfrau in Groß Zicker. 1690 ist auch er gestorben. Ich bin dann wieder nach Stralsund gezogen und habe noch 20 Jahre im Johanniskloster gelebt.“ Die familiäre Verbindung nach Groß Zicker blieb für die Witwe Anna bestehen. Ihre Tochter Anna Catharina hatte 1691 den neuen evangelischen Seelsorger geheiratet. Zusammenfassend die Aussage ihrer Mutter in der Ausstellung: „Ich kann mir gut vorstellen, dass sie über diese Geschichte den Kopf schütteln. Immer wieder mit dem nächsten Pastor verheiratet werden, das erscheint ihnen sicherlich unvorstellbar. Ich muss aber sagen: Für mich und meine Familie war es damals gut, dass ich in der Pfarre bleiben konnte, dass ich dort – wie man es ausdrückte – ,konserviert‘ wurde.“ 1710 wurde der Leichnam der ehemaligen Pfarrfrau über den Bodden nach Mönchgut gebracht, wo sie neben ihren drei Männern beigesetzt wurde. Die sogenannten Pfarrwitwen-Konservierungen waren Anfang des 17. Jahrhunderts eine beliebte Form, die Hinterbliebenen abzusichern. 1551 gab es eine erste in Mecklenburg. In Pommern wurde sie ab 1545 geduldet. Erst – so weiß es Wikipedia – mit der für Schwedisch Pommern 1775 eingeführten „Allgemeinen Prediger-Witwen- und Waisen-Verpflegungsgesellschaft“ waren Konservierungen nicht mehr nötig. In anderen deutschen Landesteilen traf diese Regelung früh auf Kritik. In Brandenburg sah man die Gefahr des Ämterkaufs und in Sachsen gab es bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts Pfarrwitwenkassen.
 
„Ich bin die Tochter des Pastors Jeremias Becker“
Zurück nach Groß Zicker. Im Pfarrwitwenhaus hatte Anne Vogtlands – verheiratete Swantesius, Neander und schließlich Becker – nie gelebt. Diese wurde zwischen 1719 und 1720 für deren Tochter Anna Catharina gebaut. Auf der Infotafel steht dazu: „Ich, Anna Catharina Cadow, geborene Becker, bin die Tochter des Pastors Jeremias Becker. … Ich habe mit Pastor Johannes Cadow in Groß Zicker 27 vergnügliche Ehejahre erlebt. Als er 1718 starb, war ich 46 Jahre alt und wie meine Mutter wartete auch ich nun auf meine ,Konservierung‘ im Ort.“ Doch der neue Seelsorger war bereits verheiratet. Anna Catharina Cadow kämpfte um ihrer Rechte und bat bei der damals zuständigen Regierung des Königreichs Dänemark erneut um eine Konservierung. Zudem hatten die Rügener Pfarrer 1719 einen zwölfseitigen Brief an den König verfasst.
 
Baukosten von 40 auf 64 Reichstaler gestiegen
Schließlich wurde von der dänischen Provinzialregierung in Stralsund angewiesen, für die Witwe und ihre vier Kinder auf Mönchgut ein Witwenhaus zu errichten. Dafür wurden der Kirchenkasse 40 Reichstaler entnommen. Doch egal ob damals oder heute, die Baukosten werden selten eingehalten: Am Ende standen 64 Reichstaler zu Buche.
Das Pfarrwitwenhaus ist eines der ältesten Wohnhäuser auf Rügen und wurde im Stil eines niederdeutschen Hallenhauses in Ständerbauweise errichtet. Die Außenwände haben von daher keine vorrangig stützende Funktion. Vom Eingang kommen Besucher in die Wohndiele. Linkerhand befinden sich Wohnräume, rechts Ställe für Hühner und Kühe. Geradeaus weiter geht es in die Wirtschaftsdiele, von der es in eine Küche und weitere Wohnräume geht. Die Wirtschaftsdiele ist ein nach oben offener Raum. Die Höhe war notwendig, weil hier unter anderem das Korn gedroschen wurde. Und bei festlichen Gelegenheiten wurde hier zum Tanz aufgespielt. Die letzte Pfarrwitwe, Sophia Vahl, lebte von 1782 bis 1810 im Haus. Von 1811-1830 diente das Haus als Schule und bis 1984 war es ein Wohnhaus. 1984 zog die letzte Bewohnerin des Hauses, Anna Glutsch, aus dem Pfarrwitwenhaus aus, nachdem ihre Vorfahren über vier Generationen in diesem Haus gelebt hatten. Anna Glutsch, geboren im Jahr 1908, ist die dritte der drei Annen, an die in der Ausstellung erinnert wird. Auf der Informationstafel wird aus ihrem Leben berichtet: „Ich wurde in dem Haus geboren. Nach der Schulzeit habe ich geheiratet und bin zunächst nach Schlesien gegangen. Mein Mann ist im Krieg geblieben. 1945 bin ich dann mit meinen drei Kindern nach Groß Zicker zurückgekehrt. Nach dem Tod meiner Eltern habe ich noch sieben Jahre allein hier im Haus gelebt. Nach meinem Auszug wurde zunächst erwogen, hier Ferienwohnungen einzubauen. Daraus ist zum Glück nichts geworden. Aber es wurde renoviert: 1986 wurde das Dach neu gedeckt, natürlich in traditioneller Rohrdeckung.“Heute nutzt die evangelische Mönchguter Gemeinde das Pfarrwitwenhaus für jährlich wechselnde Kunstausstellungen.
Neben dem Haus lohnt ein Besuch in den beiden gotischen Dorfkirchen in Groß Zicker und Middelhagen. In ihnen finden sich Votivschiffe, die den Dank der Fischer, Seeleute und Lotsen über die Bewahrung auf hoher See oder auf dem Bodden ausdrücken. Beide Kirchen sind  ebenfalls bis Ende Oktober geöffnet. Zudem können Besucher die wunderschöne Landschaft auf der Halbinsel Mönchgut auf Rügen erleben. Mönchgut ist ein Ort, an dem die Menschen immer im Einklang mit ihrer Tradition und der Natur gelebt haben. Das liegt sicher auch daran, dass die Halbinsel lange Zeit durch den Mönchgraben vom Mutterland der Insel Rügen getrennt war. Wahrscheinlich, so Rolf Reinicke in seinem Buch „Mönchgut“, wurde die einst feste Verbindung nach Rügen bei der „Allerheiligenflut“ von 1304 zerstört. Die Halbinsel gehörte von 1252 bis zur Reformation dem Kloster Eldena bei Greifswald.

Öffnungszeiten: bis Ende September: Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, an Wochenenden 13 bis 17 Uhr (Juli und August bis 18 Uhr); April/Mai und Oktober: Montag bis Freitag von 11 bis 16 Uhr, Wochenende 13 bis 16 Uhr
Kontakt: 03 83 08 / 82 48; moenchgut@pek.de; www.kirchengemeinde-moenchgut-sellin.de
 
Von Holger Jakobi