22.04.2021

Pfarrer Peter Paul Gregors Gedanken über Noah und Arche

Ist Land in Sicht im Corona-Ozean?

Der Hoyerswerdaer Pfarrer Peter Paul Gregor macht sich in der folgenden Kolumne Gedanken über Noah und seine Arche angesichts der Corona-Pandemie.

Pfarrer Peter Paul Gregor in seiner Pfarrkirche während der Sanierung.    Foto: Raphael Schmidt

Wer kennt sie nicht, die Arche Noah. Sie soll angeblich auf dem Berg Ararat stehen. Die Armenier sind jedenfalls davon überzeugt und deshalb ist dieser Berg, der sich seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Türkei befindet, für sie heilig.
Im Alten Testament sollte Noah vorsorglich eine Arche bauen, da Gott ihm sagte, dass eine Sintflut kommt. Schuld daran wären die Menschen, weil sie unordentlich lebten. Der Vorwurf: Wir dürfen ja alles und wer will uns schon disziplinieren? Diese Bildgeschichte kennen andere Kulturen und Religion in ähnlicher Ausführung. Also ein Phänomen, was zum Leben der Menschheitsgeschichte gehört und sich in jeder Epoche wiederholen kann.

Noah erlebte eine der schlimmsten Pandemien
Die Schuldfrage will ich auf eine Beobachtung reduzieren: Es gibt Zeiten, da haben wir vergessen, dass es auch anders kommen kann. Und dann tun wir so, als hätte es das noch nie gegeben. Was Noah erlebte, war eine der schlimmsten Pandemien. Da bleibt nicht viel übrig! Noch einmal: Eine Bildgeschichte aufgrund von Erfahrungen!
Es lohnt, jener Bildgeschichte zu folgen: Noah wurde von seinem Chef (Gott) vorgewarnt. Wenn ihr nicht schleunigst euer unverantwortliches Verhalten ändert, werdet ihr bald eine Katastrophe erleben. Nehmt bitte Rücksicht auf die Mitmenschen und auf die Natur! Euer Egoismus ist die Ursache vieler Katastrophen! Euer seelisches, geistiges  und körperliches Immunsystem wird durch euer Verhalten inaktiv.
Damals wie heute: Der Aufruf war umsonst. Die Sintflut kam. Lockdown pur. Die Mehrheit der Menschen wurde überrascht. Nur wenige, die sich der aktuellen Problematik stellten, wurden gerettet. Noah baute eine Arche. Sie sollte Platz haben für seine Familie und für jede Art von Tieren. Präventivarbeit war ihm nicht unbekannt. Er wusste nicht um die Dimensionen dieser Sintflut. Die pure Pandemie rollte unkontrolliert an.
Für Noah bedeutete es eine unmenschliche Herausforderung. Logistik vom Feinsten war angesagt. Erst einmal alles einsammeln, wer und was gerettet werden soll. Noah entschied, wer an Bord darf. Natürlich die kräftigsten und gesündesten Tiere ohne ansteckende Krankheiten. Ärger und Verachtung, Anfeindungen und Hass waren die Folge. Es kam noch dicker, fast unlösbar: Stinktiere und meckernde Ziegen, Ochsen und Rindviecher, Kamele und Esel, Schlangen und Mücken, Kellerasseln und Schweine, Wölfe und Schafe, Geier und Tauben, Faultiere und fleißige Bienen, Mäuse und Katzen, Ameisen und Ameisenbären … alles musste in diese eine Arche. Der Raum wurde immer enger. Ohrenbetäubender Lärm und penetranter Gestank breiteten sich in der Arche aus. Jeder musste seine Freiheit einschränken, wenn nicht sogar aufgeben. Alle Tiere mussten ausreichend zu fressen haben. Hygienisch war die Behausung nicht, sondern fast unzumutbar.
Dann musste Noah noch seine Verwandtschaft davon überzeugen, einzusteigen. Was heißt überzeugen? Die Wasser kamen und erst das überzeugte sie. Die Katastrophe rollte mit Macht an.

Alle waren gezwungen zusammenzuhalten
Für Noah bedeutete es Homeoffice in nicht gekannter Art und Weise. Keine Psychologen an Bord, keine Tierpfleger, keine Logistiker, keine Experten, keine Regierung, kein Hygienekonzept, kein Mundschutz. In dieser hoffnungslosen und muffigen Situation waren alle gezwungen, zusammenzuhalten. Wer ausbrechen wollte, konnte das nur „über Bord“ – und ertrank in den Fluten. Es ging menschlich bis tierisch zu. Keine Impfung, kein Handy, kein Fernseher, keine Schule, kein Fußball… Fußball? – leere Stadien und trotzdem wird gespielt. Irgendwie werde ich das Bild nicht los: Auf der Titanic spielte man zwar nicht Fußball, aber die Musikband sollte die Menschen bis zum Untergang von der Realität ablenken... Jeden Tag die Hoffnung, doch bald Land zu sehen. Die Hoffnung stirbt  bekannter Weise als Letzte.
In diesem Chaos ging Noah ein Experiment ein. Er ließ eine Taube fliegen. Beim ersten Mal kehrte sie ausgehungert zurück. Niedergeschlagenheit war bei allen spürbar. Noah gab dennoch nicht auf. Er ließ die Taube nochmals fliegen. Jetzt kam sie endlich mit einem Olivenzweig zurück. Noah sah zwar kein Land – aber den Olivenzweig. Es wurde ihm klar: Es muss irgendwo ein Ufer in der Nähe sein. Die Stimmung schlug um. Die Nachricht zauberte Lächeln auf die Gesichter. Ideen und Phantasien für die Zeit danach hatten Hochkonjunktur. Alle schworen sich – von den Tieren bis zu den Menschen – in Zukunft besser aufzupassen, rücksichtsvoll miteinander umzugehen. Das Alte sollte vergessen sein. Die Botschaft lautete: Jetzt beginnt etwas Neues!
Der Regenbogen als Symbol der Versöhnung wurde sichtbar. Ein neues Leben begann. Nur, wir haben noch immer ein Problem, die Vergesslichkeit des Menschen, wenn es ihm wieder gut geht. Die Überheblichkeit – auch gegenüber dem Schöpfer, sie wächst schnell nach. Wir Menschen beherrschen ja alles, sogar das globale Virus! Vergessen sollten wir nicht: Noah lebt immer noch in uns.