16.06.2022

Anstoss 24/22

Der Papst und die Gardinenpredigt

Als Christ in der Diaspora ist man von manchem verschont. Zum Beispiel von Raucherpausen in Gottesdiensten. Diese hat Papst Franziskus jüngst zum Anlass genommen, um über die Länge von Predigten zu sprechen.


 

Vor ihm saßen sizilianische Bischöfe und Priester, die er ermunterte: „Denken Sie daran, dass die Aufmerksamkeit nach acht Minuten nachlässt und die Leute Substanz brauchen. Wer predigt, sollte der Gottesdienstgemeinde einen Gedanken oder Bild mitgeben, welches sie durch die ganze Woche begleiten kann.“
So weit so gut, das könnte in jedem Predigthandbuch stehen. Aber Franziskus ist noch nicht fertig: Man solle doch bitte nicht über „alles und nichts reden“. Durch solche Predigten werden die Gläubigen dazu motiviert „auf eine Zigarette rauszugehen und danach wiederzukommen“. Na, das ist doch mal eine Option, auch wenn ich deswegen jetzt nicht gleich mit dem Rauchen anfange. Aber, so kann ich hoffen, dass sich sicher alle Männer und Frauen, die predigen, nach diesen Worten des Papstes ab sofort daran halten und kurz, prägnant und bildhaft die Frohe Botschaft in die Welt hineinsagen.
Der Papst muss in besonderer Laune gewesen sein, um seinen priesterlichen Kollegen etwas mit auf den Weg zu geben. So wurde aus der Zigarettenpredigt noch eine Gardinenpredigt. Und zwar im besten Sinne des Wortes: Franziskus nahm sich die manchmal etwas altbackene Mode mancher Kleriker vor, die liturgische Gewänder, Priesterkleidung und Hüte aus der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil tragen. Der Papst verglich diese Vorliebe mit der „Spitze der Oma“. „Das kann man mal tragen, um der Großmutter die Ehre zu erweisen. Aber auch wenn es einmal schön ist, der Großmutter zu huldigen, ist es besser, die Mutter zu feiern, die heilige Mutter Kirche und zwar so, wie die Mutter Kirche gefeiert werden möchte.“ Diese muntere päpstliche Gardinenpredigt, die liturgischen Erneuerungen des Konzils nicht zu vergessen, dauerte keine acht Minuten, hatte deutliche Bilder und eine klare Botschaft. Sie regt an und manchen wohl auch auf. Fazit: Alles richtig gemacht, Heiliger Vater!

Guido Erbrich, Biederitz