04.10.2021

Auszeit für Kardinal Rainer Maria Woelki

Ist Versöhnung möglich?

Die Unruhe in der katholischen Kirche in Deutschland wächst. Reformer wie Bischof Georg Bätzing dringen auf spürbare Veränderungen. Der Papst aber hält den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki trotz der Zerrüttungen in seinem Erzbistum im Amt – und erntet dafür scharfe Kritik. 

Foto: imago images/Future images/Peter Back
Zu allen Zeiten habe es Gerüchte und Spekulationen gegeben, sagte Kardinal Woelki bei einer Predigt bei der Bischofskonferenz in Fulda. „Gestimmt hat zumeist nichts, bestenfalls wenig.“ Ob er damit Andeutungen zu den Debatten um ihn selbst machen wollte? Foto: imago images/Future images/Peter Back


Eine dramatische Rede zur Lage der katholischen Kirche in Deutschland hat der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, am Montag in Berlin gehalten. In Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach er von einer „Zeitenwende“ für die Kirche mit einem „schleichenden Relevanzverlust“. Eine Woche vorher hatte Bätzing bei der Vollversammlung der Bischofskonferenz seine Mitbrüder zu einer radikalen Wende aufgefordert. Für die anstehenden Reformdebatten brauche es „den Geist und den Mut zur Umkehr“, sagte Bätzing: „Kehrt um! Denkt neu!“ Er betonte, die Menschen müssten merken, dass sich in der Kirche etwas verändere. 

Wie sehr aber verändert sich die Kirche wirklich? Wenige Tage nach Bätzings Predigt jedenfalls wurde die Entscheidung von Papst Franziskus veröffentlicht, dass Kardinal Rainer Maria Woelki nach einer Auszeit von Mitte Oktober bis Aschermittwoch 2022 als Kölner Erzbischof im Amt bleibt – trotz des zerrütteten Vertrauensverhältnisses zu vielen Gläubigen und Priestern. Woelki kündigte an, er sei entschlossen, nach der Auszeit zurückzukehren: „Darauf freue ich mich schon jetzt.“ Er betonte, der Papst habe ihm in einem Gespräch „deutlich gemacht, dass er sehr auf mich zählt, dass er auf mich baut“. Das klang eher triumphal als demütig.

Franziskus begründete die Auszeit für den Kardinal mit der Vertrauenskrise in Köln, die bei der Missbrauchsaufarbeitung auch durch „große Fehler“ Woelkis in der Kommunikation entstanden sei. Zugleich attestierte der Vatikan ihm, er habe keine Verbrechen vertuschen wollen, sondern sich bei der Missbrauchsaufarbeitung entschlossen gezeigt. 

Bätzing reagierte äußerst reserviert auf die Entscheidung. Noch einen Tag zuvor, in der Abschluss-Pressekonferenz der Vollversammlung, kannte er sie nicht – obwohl sie da offenbar schon seit Tagen feststand. Bätzing ließ durchblicken, dass er zweifelt, ob die Auszeit der geeignete Weg für einen Kirchenfrieden in Köln und darüber hinaus sei: „Ich nehme die Entscheidungen des Heiligen Vaters entgegen und hoffe, dass der Prozess einer Aussöhnung im Erzbistum Köln anlaufen wird. Ob dies innerhalb weniger Monate zu einer grundlegend veränderten Situation führen kann, vermag ich nicht zu beurteilen.“

Thomas Sternberg hat auf einen Befreiungsschlag gehofft

Andere, darunter der Präsident des katholischen Laien-Dachverbands ZdK, Thomas Sternberg, waren in ihren Reaktionen noch schärfer. Sie hatten darauf gehofft, dass Franziskus die Kölner Wirren mit einem Federstrich klärt und so der geschwächten katholischen Kirche in Deutschland zu einem Befreiungsschlag verhilft. Doch ein solches Hauruck-Verfahren scheint dem Papst, der offenbar schmerzhafte Reinigungsprozesse für heilsam hält, fernzuliegen.

Auch wenn der Fall Woelki durch die Bundestagswahl schnell wieder aus den Schlagzeilen der säkularen Medien verdrängt wurde: In der Kirche bleibt die Aufregung groß. Ende dieser Woche kommen nun in Frankfurt die Mitglieder des Synodalen Weges zusammen, um über Reformen zu diskutieren. Neben der inhaltlichen Diskussion wird es spannend, wie sich Kardinal Woelki dort nach der römischen Bestätigung verhalten wird.

vbp