04.03.2020

Interview mit Palliativmediziner Winfried Hardinghaus

Suizid könnte zum Normalfall werden

"Wir müssten eigentlich um jeden Menschen weinen, der sich umbringen will", sagt der Palliativmediziner Winfried Hardinghaus nach dem Sterbehilfe-Urteil.

Foto: DHPV/privat
Winfried Hardinghaus ist Palliativmediziner. Foto: DHPV/privat

Vor einer Zulassung von Sterbehilfevereinen warnt der Deutsche Hospiz- und Palliativverband (DHPV). "Der Suizid droht normal zu werden", sagte dessen Vorsitzender Winfried Hardinghaus den Zeitungen der Verlagsgruppe Bistumspresse in Osnabrück. Es könne zu einer Bewusstseinsänderung in der Gesellschaft kommen. "Wenn man keine Lust mehr hat zu leben oder wenn man Angst vor Schmerzen am Lebensende hat, kann die Suizidbeihilfe zu einem ganz gewöhnlichen Vorgang werden."

Das aber dürfe nicht geschehen, so Hardinghaus. Suizid dürfe nicht normal werden. "Im Gegenteil: Wir müssen eigentlich um jeden Menschen weinen, der sich umbringen will."

Das Bundesverfassungsgericht hatte vergangene Woche das Gesetz zur Suizidbeihilfe gekippt. Das 2015 vom Bundestag beschlossene Verbot der gewerbsmäßigen Förderung der Selbsttötung widerspreche dem im Grundgesetz verankerten Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließe die Freiheit ein, auch die Hilfe Dritter in Anspruch zu nehmen, urteilten die Richter.

Als einen Grund für das Urteil vermutet Hardinghaus den zurückgehenden Einfluss des Christentums. Er selbst sei in dem Verfahren sachverständiger Gutachter gewesen. Dort seien etwa Psychiater mit guten Wortbeiträgen aufgetreten, aber er habe keinen Theologen dabei gesehen. "Das ist ein Zeichen dafür, wie wenig unsere christliche Grundhaltung im Moment in unserer Gesellschaft zum Zuge kommt."

Notwendig sei eine solidarische Gesellschaft, die "den kranken Menschen annimmt und ihn in seiner Würde, seiner Einzigartigkeit und Spiritualität anerkennt", so Hardinghaus. Das aber sei bei einem "schnellen Tod mit Suizidbeihilfe durch Sterbevereine" nicht gegeben. Die Palliativmedizin könne jedem Menschen zu einem würdigen Ende verhelfen. Das werde der Palliativverband noch stärker klarmachen.

Ziel der Palliativmedizin ist nicht mehr Heilung, sondern bestmögliche Lebensqualität für sterbenskranke Menschen. Im Mittelpunkt stehen Wünsche und Befinden des Patienten, etwa die Linderung von Schmerzen, Trockenheit im Mund oder Atemnot.

kna

Das vollständige Interview mit Winfried Hardinghaus lesen Sie in der aktuellen Ausgabe Ihrer Kirchenzeitung.