10.04.2012

Anstoss 14/2012

Ostern – ein Geheimnis

Die Auferstehung Christi ist ein Geheimnis des christlichen Glaubens.

Die Auferstehung Christi wird nirgendwo beschrieben. Es sind vielmehr die Wirkungen, die Reaktionen von Menschen auf das leere Grab und auf Behauptungen des Engels, wovon wir lesen und hören. Die Auferstehung Christi bleibt ein Geheimnis. Soliden, klaren, rationalen Bescheid über das, was eigentlich geschah, bekommen wir nicht.
Das mag wie eine Schwäche wirken. Aber eventuell ist es gar kein Fehler, eventuell ist es gut und richtig, dass es so ist; denn die Auferstehung ist ein Mysterium, etwas, was für das Gehirn und die Vernunft nicht vollkommen zugänglich ist. Und dadurch wird sie bestimmt nicht schlechter, ganz im Gegenteil: Als Geheimnis verweist die Auferstehung Christi uns immer wieder darauf, dass das Leben mit sehr viel mehr gefüllt ist, als ein Mensch verstehen kann. Die schönsten Seiten des Lebens bestehen aus Geheimnissen: aus Neuem, aus Anderem, aus Überraschendem. Als Geheimnis verweist uns die Auferstehung auch immer wieder darauf, dass wir das Leben nicht so einfach in den Griff bekommen können – es kann jederzeit etwas Unerwartetes und Anderes geschehen, das Leben erneuert sich immer wieder; denn Gott hat den Tod besiegt. Als Geheimnis erinnert uns die Auferstehung Christi immer wieder daran, dass das Leben Gott sei Dank viel größer und anders ist, als Menschen es sich manchmal in ihren Gehirnen zurechtzimmern.
Bei Geheimnissen denken wir allerdings recht schnell an gut gehütete Familiengeheimnisse, die so schmerzlich sind, dass nicht mehr darüber gesprochen werden soll; an starke Begierden oder Schwächen, die ich sogar mir selber ungern eingestehe; an Taten, die ich mir selbst nicht verzeihen kann. Es gibt aber auch wunderbare Geheimnisse, die wir wie Schätze behüten. Weniger, weil wir Angst vor ihrem Verlust haben, sondern weil sie so kostbar sind, dass wir sie kaum angemessen mit anderen teilen können: Liebe, die wir für einen anderen Menschen empfinden; Leidenschaft für Dinge, die von anderen vielleicht kaum beachtet werden; Freude über das wiedererwachende Leben im Frühling. Darüber hinaus sind wir Menschen unsere Geheimnisse. Die Geheimnisse sind die Essenz dessen, was uns ausmacht, sie sind der Boden, auf dem unser Selbst wächst – zum Guten und zum Schlechten. Wenn wir frei und ganz werden wollen, dann müssen wir von den dunklen Geheimnissen und ihrem Bann befreit werden. Wenn wir uns und andere so sehen wollen, wie wir wirklich sind, dann müssen wir einander im Licht unserer wunderbaren Geheimnisse sehen. Ich glaube, dass Ostern zu dieser Art Geheimnis gehört.
Dominikanerpater Bernhard Kohl, Leipzig