03.07.2020

Priesterausbildung in Deutschland soll neu geordnet werden

Pläne stoßen auf geteiltes Echo

Die Priesterausbildung in Deutschland soll neu geordnet werden. Dabei ist vor allem eine Reduzierung der Zahl der Seminare vorgesehen. Betroffen ist auch das Erfurter Seminar, was von einigen Ost-Bischöfen heftig kritisiert wird. Auch der Dekan der Katholischen Fakultät Erfurt, Jörg Seiler, kritisiert den Vorschlag.

Das Priesterseminar in Erfurt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Dom und St. Severi-Kirche. Seit 1952 wurden hier fast alle im Osten Deutschland tätigen Priester ausgebildet.    Foto: imago images/Bild13

 

Bei den ostdeutschen Bischöfen stoßen die Vorschläge zur Reform der Priesterausbildung in Deutschland auf ein unterschiedliches Echo. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige kritisiert die Vorschläge als zu einseitig. Er bemängelt eine Konzentration der möglichen Ausbildungsstandorte im Westen. Zweifellos lebten im Osten Deutschlands nur wenige Katholiken und die Gesellschaft erscheine „ziemlich religionsresistent“, sagte Feige. „Gerade in einer solchen Situation aber könnte man sich hautnah mit Entwicklungen auseinandersetzen, die der katholischen Kirche in anderen Regionen Deutschlands in dieser Radikalität so wohl noch nicht beschieden sind.“ Dies täte nicht nur denjenigen gut, die später im Osten Deutschlands „evangelisieren und missionieren“ sollten, so der Magdeburger Bischof weiter. Es wäre auch hilfreich für jene, „die bislang noch keine oder kaum eine Vorstellung davon haben, was es heißt, in nicht so üppigen Verhältnissen wie in mancher noch volkskirchlich geprägten Region dennoch lebendig Kirche zu sein und die christliche Botschaft möglichst verständlich anderen nahezubringen“.

Feige: Kein ermutigendes und solidarisches Signal
Feige, der vor seiner Bischofsweihe selbst als Kirchengeschichtler in der Priesterausbildung in Erfurt tätig war, und seine Amtsbrüder in Berlin, Dresden, Erfurt und Görlitz sind Träger des dortigen Priesterseminars. Hier wurden seit 1952 fast alle in Ostdeutschland tätigen Priester ausgebildet. Im jetzigen Vorschlag der Arbeitsgruppe der Bischofskonferenz zur Reform der Priesterausbildung ist das Erfurter Seminar nur noch als ein Partner für die dritte Ausbildungsphase der Priester, den sogenannten Pastoralkurs, vorgesehen.
Feige meinte dazu: „Erfurt als ehemaliges Zentrum der Priesterausbildung für die gesamte DDR und als auch heute kompetente katholische Forschungs- und Ausbildungsstätte völlig zu übergehen, erscheint mir und anderen Katholiken im Osten Deutschlands 30 Jahre nach der Wiedervereinigung als kein ermutigendes und solidarisches Signal.“ Darum solle noch einmal „gut überlegt werden, auf welche Weise die katholische Kirche in Deutschland auch ihren Osten in die Priesterausbildung konstruktiv mit einbezieht“.

Neymeyr: In säkularem gesellschaftlichen Umfeld
Zuvor hatte bereits der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr „sehr enttäuscht“ über die Nicht-Berücksichtigung Erfurts in dem Konzept gezeigt. Die Ausbildung in Thüringens Landeshauptstadt stehe „wie keine andere unter dem Zeichen der kirchlichen Präsenz in einem säkularen gesellschaftlichen Umfeld“. Diese Perspektive sei für Priester notwendiger denn je. Er werde sich dafür einsetzen, dass es in der Mitte Deutschlands auch weiter einen Schwerpunkt der Priesterausbildung geben werde, kündigte der Bischof des Bistums Erfurt an.
Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt biete eine exzellente theologische Ausbildung und sei national und international bestens vernetzt, betonte Neymeyr. Studierende aus ganz Deutschland schätzten die zentrale Lage der Stadt und die hervorragenden Bedingungen.
Unabhängig von den Überlegungen der Bischofskonferenz werde er am Erfurter Priesterseminar festhalten, weil ihn das Ausbildungskonzept überzeuge, so Neymeyr. Dort lebe zur Zeit eine kleine Gruppe von Priesteramtskandidaten zusammen mit einer Gruppe junger Menschen, die verschiedene Fächer studieren. Die Priesteramtskandidaten wohnten, beteten und studierten gemeinsam, begegneten aber auch den anderen Studierenden im Haus bei Gesprächen, Gottesdiensten und Mahlzeiten. Beide Gruppen bereicherten sich gegenseitig. Dieses Konzept sei auch mit einer kleinen Gruppe von Priesteramtskandidaten gut zu verwirklichen. „Daher steht der Fortbestand des Erfurter Priesterseminars zurzeit nicht in Frage“, so Neymeyr.
Der Dresdner Bischof Heinrich Timmerevers hat das von ihm mitentwickelte Konzept einer Konzentration der Priesterausbildung auf weniger Standorte verteidigt. Der Rückgang der Kandidatenzahlen mache einen neuen Ansatz unumgänglich, sagte Timmerevers der Katholischen Nachrichten-Agentur. Er verwies darauf, dass die Zahl der katholischen Priesteramtskandidaten von 594 im Jahr 2010 auf derzeit 211 zurückgegangen sei.
Der Bischof des Bistums Dresden-Meißen gehört mit dem Münsteraner Bischof Felix Genn und dem Fuldaer Bischof Michael Gerber zu der Arbeitsgruppe der Bischofskonferenz, die das Konzept erarbeitete. Die damit gemachte Empfehlung stieß vor allem bei Bischöfen, deren Ausbildungsstätten verkleinert oder geschlossen würden, auf Kritik.
Timmerevers räumte ein, dass durch das Reformkonzept „lange Zeit bewährte Strukturen“ der Priesterausbildung wegfallen würden. Auch bedeute es „schwerwiegende Einschnitte“ im Verhältnis zu den Katholisch-Theologischen Fakultäten und die sie tragenden Bundesländer.

Timmerevers: Neue Ansätze für neue Herausforderungen
Nun seien aber neue Ansätze erforderlich, um die künftigen Priester auf ihre beruflichen Herausforderungen vorzubereiten, sagte Timmerevers. Als Beispiel nannte er die zunehmende Kooperation mit nichtgeweihten pastoralen Mitarbeitern. Vor diesem Hintergrund habe die Arbeitsgruppe „aufgelistet, wo dies am ehesten realisiert ist oder zu realisieren wäre“. Das seien aus Sicht der Arbeitsgruppe die genannten Standorte. Der Bischof räumte ein, dass die theologischen Fakultäten zuvor nicht um eine Stellungnahme angefragt worden seien. „Wir werden nicht alle zufriedenstellen können“, so der Dresdner Bischof.
Der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt, der vor seiner Bischofsweihe Regens des Erfurter Priesterseminars war, hat für eine Zusammenlegung der Ausbildungsstätten katholischer Priester in Deutschland Verständnis geäußert. „Es geht bei dem Vorschlag, der dem Ständigen Rat der Deutschen Bischofskonferenz nach inzwischen jahrelangen Überlegungen und Gesprächen vorgestellt wurde, vor allem um eine Qualitätssicherung der künftigen Priesterausbildung“, erklärte Ipolt. „Es sollten aus meiner Sicht wieder anziehende geistliche Lern- und Lebensgemeinschaften entstehen, die junge Männer verlocken, in einer Priesterseminar einzutreten.“
Es dürfe nicht verwundern, dass die Vorschläge, die für weitere Überlegungen die Grundlage bilden, auch Enttäuschungen hervorriefen. „Auch ich hätte mir gewünscht, dass Erfurt als Ausbildungsort in den neuen Bundesländern stärker ins Spiel gebracht wird“, so Ipolt. „Dennoch gilt: Wir müssen um der künftigen Kandidaten willen jetzt auf größere Kooperation setzen.“
Der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, Jörg Seiler, sieht die theologischen Fakultäten durch eine Reduzierung der Ausbildungsorte für Priester nicht gefährdet. „Ich interpretiere den Vorschlag der Bischöfe so, dass binnenkirchliche Entwicklungen uns gewissermaßen einen Dienst leisten: Es ist Aufgabe der Theologie, kreativ und im je regionalen Kontext, das ureigene und nicht von binnenkirchlichen Klärungsprozessen abhängige Potenzial ihres eigenen Tuns zu formulieren“, sagte Seiler in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur. (kna/tdh)

Zur Sache: Vieles ohne Begründung
Jörg Seiler: „Das Problem des kleinen Seminars in Erfurt ist durch einige ostdeutsche Bistümer produziert worden.“    Foto: Universität Erfurt

Die Ausbildung der katholischen Priester in Deutschland steht vor einschneidenden Änderungen. Der Vorschlag einer Arbeitsgruppe der Bischofskonferenz sieht nur noch drei Standorte für die Hauptphase der Ausbildung mit dem vierjährigen Theologiestudium vor: München, Münster und Mainz. Was bedeutet das für die anderen Theologischen Fakultäten? Die Katholische Nachrichten-Agentur sprach darüber mit Jörg Seiler, dem Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt. Es ist die einzige katholische Fakultät in Ostdeutschland.

 
Herr Dekan, was sagen Sie zu dem Vorschlag der Bischöfe?
 
Der Abschlussbericht ist eine Wegmarke in der Diskussion über Standorte für Priesterseminare, nicht über Theologische Fakultäten. An der abnehmenden Zahl von Priestern sollte sich, jenseits der rechtlichen Grundlagen, nicht die Plausibilität von Theologie an staatlichen Universitäten festmachen. Die Fixierung auf die Funktion der Theologischen Fakultäten als Nachwuchsausbildungsstätten für die Kirche ist ein historisches Relikt, das heute wissenschaftspolitisch längst überwunden sein sollte.
 
Der Vorschlag ist vermutlich Ergebnis eines längeren Beratungsprozesses. Waren Sie vorab informiert oder eingebunden?
 
Die Theologischen Fakultäten sind in den Beratungsprozess nicht involviert gewesen. Das bedeutet, dass keinerlei Aussagen über die Qualität, Bedeutung und Existenz von Theologischen Fakultäten getroffen werden sollten und konnten.
 
Wenn Sie sich den Vorschlag im Detail ansehen, was sticht Ihnen ins Auge?
 
Bei vielem fehlt die Begründung. Ein Beispiel: Ein Qualitätskennzeichen, das der Vorschlag für die Standorte formuliert, ist „hinreichend große Lerngruppen“. Das wird nicht begründet und plausibilisiert. Bedauerlich, denn in der Regel gelingen Lernprozesse eher in kleinen Lerngruppen. Wenn es um eine geistliche Prägung geht, dann ist die Reflexion über Gruppengröße fragwürdig und eigentlich peinlich: Es geht bei der Entwicklung eines christlichen Lebensstils immer um eine persönliche Prägung, die individuell reflektiert wird und zu begleiten ist. Ob dann etwa das Stundengebet in Gemeinschaft gebetet wird, ist sekundär. Temporäre Gemeinschaftserfahrung ist kein Mittel, um die mit der zölibatären Lebensweise verbundene Einsamkeit zu bewältigen. Da sollte man Priesteramtskandidaten nichts vormachen.
 
Sie reagieren da etwas gereizt ...
 
Durchaus. Das Erfurter Priesterseminar könnte wesentlich größer sein, wenn nicht einige der ostdeutschen Bischöfe ihre Priesteramtskandidaten von hier abgezogen beziehungsweise gleich woanders hingeschickt hätten – teilweise auch entgegen entsprechenden Zusicherungen. Das Problem des kleinen Seminars in Erfurt ist durch einige ostdeutsche Bistümer produziert worden.
 
Gemeint sind offenbar Berlin, Dresden-Meißen und Görlitz. Aber hat der jetzige Vorschlag der Arbeitsgruppe der Bischöfe konkrete Auswirkungen auf den Standort der Fakultät in Erfurt?
 
Das sehe ich überhaupt nicht. Unsere Fakultät ist in eine interessante und wissenschaftlich moderne Universität integriert und trägt neben der Ausbildung der Studierenden auch eines der universitären Schwerpunktfelder „Religion.Gesellschaft.Weltbeziehung“ maßgeblich mit. Mit einer exzellenten, anerkannten und evaluierten Nachwuchsförderung im Theologischen Forschungskolleg, mit tragfähigen Kontakten nach Osteuropa und Vernetzungen mit renommierten Fakultäten im Ausland, mit innovativen Forschungsprojekten tragen wir unseren Beitrag zur Profilierung der Universität bei.
 
Ist die Fakultät nicht per Konkordat fest an die Priesterausbildung gebunden?
 
Nicht nur, der Thüringer Staats-Kirchen-Vertrag von 2002 stellt fest: Die Theologische Fakultät in Erfurt ist nicht primär für die Priesterausbildung da – das natürlich auch –, sondern sie dient „der Pflege und Entwicklung der katholischen Theologie“. Die Präambel hält neben dem Wunsch, die „Pflege und Entwicklung der katholischen Theologie in Gemeinschaft mit anderen Wissenschaften zu fördern“, auch das Verdienst der Erfurter Theologie „über Jahrzehnte im kirchlichen und kulturellen Bereich“ fest.
Hieraus erwächst implizit die Verpflichtung, in einem säkularen Umfeld, das sich seit einigen Generationen in die Kultur und in das Selbstverständnis der Menschen eingepflanzt hat, den Input und die Auseinandersetzung mit Theologie präsent zu halten und dadurch diskursiv Gesellschaft weiterzuentwickeln. Dies ist eine sehr weitsichtige, hochmoderne Perspektive. Und es stellt eine in der Bundesrepublik einmalige konkordatsrechtliche Situation da.
 
Der neue Vorschlag sieht als Studienorte Münster, Mainz und München vor. Wie beurteilen Sie das?
 
Sollte mit der Wahl für diese Standorte ein Süd-Mitte-Nord-Proporz arrangiert worden sein, so zeigt sich hierin innovationsfreie Hilflosigkeit. Wohlgemerkt: Dies bezieht sich nicht auf die dortigen Theologischen Fakultäten, deren Renommee außer Frage steht, sondern um die Frage, ob es hier um einen Regionalitätsproporz geht. Die in Aussicht genommenen Standorte für Priesterseminare sind zudem durchweg in ehemals volkskatholischem Milieu angesiedelt. Man kann hier gewiss gut Priester ausbilden. Aber: Bereits heute ist die Gegenwart von Kirche nicht volkskirchlich geprägt.
 
Da wäre man mit einem Ost-Standort wesentlich näher an der Realität ...
 
Die strukturelle Benachteiligung des Ostens ist nicht aus Regionalitätsgründen bedauerlich, sondern weil hier in den neuen Bundesländern theologisch reflektiert wird und existenziell jeden Tag von Lehrenden und Studierenden eingeholt wird, dass für westeuropäische Menschen des 21. Jahrhunderts religiöse Setzungen generell und mehrheitlich keine Themen, geschweige denn Fragen sind. Dies wäre aus meiner Sicht eine der wichtigsten Aufgaben, mit denen sich angehende Priester zu beschäftigen hätten. Diaspora-Erfahrung und theologische Reflexion darüber ist für alle in der Kirche Tätigen dringend geboten.
 
Wo geht denn grundsätzlich die „Reise“ der theologischen Fakultäten hin?
 
Die theologische Fakultäten werden sich künftig nicht mehr nur als Ausbildungsstätten für kirchliche Berufe verstehen, sondern vielmehr als Institutionen, aus denen Absolventinnen und Absolventen hervorgehen, die Kompetenzen erworben haben, um in einer pluralen Gesellschaft multiprofessionell arbeiten zu können. Die Kirche ist eine gern gesehene Mitbieterin in Konkurrenz um gut ausgebildete Theologinnen und Theologen. Als Dekan interpretiere ich den Vorschlag der Bischöfe so, dass binnenkirchliche Entwicklungen uns gewissermaßen einen Dienst leisten: Es ist Aufgabe der Theologie, kreativ und im je regionalen Kontext, das ureigene und nicht von binnenkirchlichen Klärungsprozessen abhängige Potenzial ihres eigenen Tuns zu formulieren.
 
Interview: Karin Wollschläger