16.07.2020

Oratorianer wollen Pfarrei im Westen Leipzigs verlassen

Wehmut, Wut und Hoffnung

Die Ankündigung der Oratorianer, nach 90 Jahren Pfarrei und Pfarrhaus im Westen Leipzigs zu verlassen, hat unter den Christen der Stadt heftige Emotionen ausgelöst. Die drei verbliebenen Priester selbst wollen sich bisher öffentlich nicht zu ihrer Entscheidung äußern.

Im Rahmen eines Kunstprojektes wurde 2012 am Lindenauer Pfarrhaus der Leucht-Schriftzug „Trost“ angebracht. Trost haben im Leipziger Westen gerade viele Katholiken nötig.    Foto: Dorothee Wanzek

Für die meisten Leipziger Gottesdienstbesucher kam die Vermeldung des bevorstehenden Rückzugs der Oratorianer am 5. Juli wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Selbst in der Pfarrei der Oratorianer, die erst im vergangenen Jahr aus den Gemeinden Lindenau, Grünau und Böhlitz-Ehrenberg zusammengefügt wurde, hatten viele vorher nichts geahnt. Die Reaktionen reichten in den vergangenen Tagen von Schmerz und Wehmut über Fassungslosigkeit und Wut bis hin zu Erleichterung. Trauer über das Ende einer einzigartigen Ära hat vor allem ältere Katholiken erfasst. Von Lindenau aus hatte die Priestergemeinschaft des Oratoriums vom heiligen Philipp Neri jahrzehntelang nicht nur Kirchen- und Stadtgeschichte, sondern auch viele persönliche Lebensgeschichten geprägt. Gerade unter jüngeren Gemeindemitgliedern ist aber auch Erleichterung wahrzunehmen. Etliche junge Familien hatten sich im vergangenen Jahr enttäuscht aus der Pfarrei zurückgezogen.
Die Enttäuschung über die Art und Weise, in der die Oratorianer nun ihren Abschied zum Ende des Kirchenjahres ankündigten, durchzieht alle Generationen. Dass in den Vermeldungen nur von der Ausrichtung auf neue missionarische Ziele die Rede war, nicht aber von den Gründen für den Abschied, erinnerte manchen an den beschönigenden Propaganda-Stil der DDR.

„Wir hätten uns die Gelegenheit zum Gespräch gewünscht“
Nikolaus Legutke bringt die Stimmung einiger älterer Weggefährten der Oratorianer zum Ausdruck, die sich bei einem Treffen am 12. Juli über die neu eingetretene Situation austauschten: „Ein solch abrupter Bruch ärgert viele von uns. Dass sich die Priester dem Gespräch mit der Gemeinde verweigern, wird der Würde ihrer Vorgänger nicht gerecht, und es wird auch all denen nicht gerecht, die auf ihrem Glaubensweg von den Oratorianern geprägt worden sind. Wir empfinden dieses Vorgehen als Vertrauensbruch.“
Er selbst habe der Gemeinschaft, allen voran dem Studentenseelsorger Wolfgang Trilling, viel zu verdanken. „Sie haben uns Räume eröffnet, die in der DDR sonst niemand hatte“, sagt er und erinnert sich an Gespräche mit dem Theologen Johann Baptist Metz, dem Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde oder dem Schriftsteller Heinrich Böll, aber auch an abenteuerliche Begegnungen in Tschechien, wo er als Student mehrfach im Auftrag der Gemeinschaft geistliche Bücher hinschmuggelte. „Sie haben uns gefördert und in gutem Sinne immer auch gefordert“, erzählt der 83-Jährige. „Was ihr hier erlebt, müsst ihr hinaustragen in die Welt und in die Gemeinden“, sagte Trilling den Studenten immer wieder. Für Nikolaus Legutke lag darin die Motivation, sich in seinem heutigen Wohnort Markkleeberg in die Kommunalpolitik einzubringen, sobald dies nach dem gesellschaftlichen Umbruch von 1989 möglich wurde. Als große Stärke des Oratoriums habe er das Gespräch auf Augenhöhe erfahren, das stets auch die Grundlage wichtiger Entscheidungen war. Er hätte sich gewünscht, dass die heutigen Oratorianer ihre Gemeinden im Vorfeld in ihre Entscheidung für neue missionarische Ziele einbeziehen. Möglicherweise wären die Katholiken im Leipziger Westen ja bereit gewesen, diese Wege mitzugehen.
Klar sei, dass Geschichte sich nicht wiederholen lasse, bekräftigt der langjährige Diözesanratsvorsitzende. An der Größe ihrer Vorgänger gemessen zu werden, habe die Priestergemeinschaft gewiss in mancherlei Hinsicht überfordert. Er sehe es als „ihr gutes Recht, sich neue Ziele zu setzen und den Geist des Oratoriums in anderer Form mit Leben zu füllen“und er wünsche ihnen dafür „von Herzen alles Gute und Gottes Segen“. Allerdings sollten sie nicht aus dem Blick verlieren, dass sie „wie im übrigen alle Menschen aus der Vergangenheit leben“, und die sei wichtig für die Zukunft und lasse sich nicht einfach abschütteln.
Ein großes Anliegen sei es den älteren Leipziger Katholiken, dass wertvolle Dokumente der Zeitgeschichte nicht verlorengehen, wenn die Oratorianer Lindenau verlassen. Nikolaus Legutke denkt an Aufzeichnungen, die Josef Güldens Rolle als Bischof Otto Spülbecks Berater beim Konzil beleuchten oder Werner Beckers überragenden Anteil am Konzils-Ökumenepapier. Auf vielen Gebieten hätten die Oratorianer Vorbildliches geleistet, etwa für jüdische Mitbürger in der Nazizeit. Aus der Gesprächsrunde ihrer älteren Weggefährten kam neben dem Wunsch nach einer weiterführenden wissenschaftlichen Auswertung des Nachlasses auch der Vorschlag, die eigenen, emotionaler geprägten Erinnerungen für spätere Generationen festzuhalten.

Hoffnung auf einen neuen Aufbruch in der Pfarrei Philipp Neri
Unter den Christen, die sich in noch stärkerem Maße aktiv in das Gemeindeleben einbringen, gilt es nun, Kräfte für einen neuen Aufbruch zu sammeln – im Geist des neuen Pfarrpatrons Philipp Neri, aber ohne die Oratorianer, die sich auf diesen fröhlichen, kreativen und Gemeinschaft fördernden Heiligen berufen. „Ich hoffe sehr, dass dies gelingen kann, wenn es nach der Corona-Pause nun allmählich wieder möglich wird, sich zu versammeln“, sagt Bettina Schöbel, die Vorsitzende des Pfarreirats. Sie ist zuversichtlich: „Es gibt im Leipziger Westen viele Katholiken, die nach wie vor bereit sind, in den Gemeinden etwas mitzugestalten.“ Vieles werde gewiss von dem – in der Pfarrei noch unbekannten – Team abhängen, das ab Dezember die Seelsorge in der Pfarrei leiten soll. Sie bedauere sehr, dass es den Oratorianern in letzter Zeit nicht mehr gelungen sei, an einem Strang zu ziehen und ihre Gemeinde „mitzunehmen“, sagt Bettina Schöbel. Unter den Gemeindemitgliedern habe dies viele Fragen aufgeworfen und zu Verletzungen geführt. Sie würde es begrüßen, wenn sich die drei Priester bei einer für September geplanten Gemeindeversammlung einem offenen Gespräch mit der Gemeinde stellten.

Pfarrer Eberhard Thieme wird ab 1. Advent als Seniorenseelsorger bei der Caritas arbeiten. Pfarrer Thomas Bohne wird als Gefängnis- und Flughafenseelsorger tätig sein. Das neue Betätigungsfeld von Pfarrer Michael Jäger ist derzeit noch offen.

Von Dorothee Wanzek
 

Kommentare

Die Gründe für den abrupten "Rückzug" würden einen natürlich interessieren. Könnte es sein, dass der unsägliche Umgang mit Missbrauchsfragen ursächlich dazu beigetragen hat? Diese Sprachlosigkeit hat eine gefährliche Nähe zur Vertuschung. Ich bitte um mehr Offenheit! Die Wahrheit wird Euch freimachen.

Sehr geehrte Frau Wanzek, Ihr Artikel hat mich sehr bewegt und ich danke Ihnen vielmals für Ihre mutige Klarheit, auch wenn es nur die Spitze des Eisbergs ist. Ich wünsche Ihnen Kraft, Mut und Vertrauen, um auch weiterhin für schwierige Themen innerhalb der Kirche offen zu bleiben. Danke, dass es Sie an dieser Stelle gibt. Mit freundlichen Grüßen Sandra Mende

Liebe Frau Wanzek, vielen Dank für Ihren Artikel! Es ist ein gutes Zeichen für uns.... Schweigen. Vertuschen. Hoffen, es wird sich alles von allein richten ... - das ist endlich vorbei. Unglaublich, wer hier alles unter dem Wegschauen gelitten hat. Endlich bewegt sich was. Endlich! Und die Protagonisten? Sie schaffen es immer noch nicht die Zeichen zu lesen. Sie denken, man könnte es noch irgendwie schönreden ...! Was für ein Irrtum. Und so trauen sie sich nicht untereinander offene Worte zu finden. Kein Wunder, dass sie k e i n e Worte für uns haben! Liebes „Oratorium“ ... wisst „ihr“ was Eure Gemeinde j e t z t braucht? Ehrliche Worte! Demut! Reue! Traut Euch endlich! Und helft wenigstens einen wirklich guten Neustart zu ermöglichen...