07.02.2019

Ökumenischer Kompletkreis in Pankow

Rückgabe des Tages an Gott

Seit elf Jahren beten Christen in Pankow jeden Dienstag konfessionsübergreifend das Nachtgebet der Kirche – die Komplet. Dieses ökumenische Angebot erfreut sich immer größerer Beliebtheit.

Marco Schendel bereitet sich auf die Komplet vor. | Foto: Walter Plümpe

„Lasst uns beten um Gottes Segen“, singt Vorsänger Wolfgang Wendt. „Amen“ antworten ein Dutzend Beter jeden Dienstagabend. Es ist 20 Uhr. Im Halbrund stehen sie um den Altar versammelt, im Chorraum der evangelischen Kirche „Zu den Vier Evangelisten“ (Breite Straße 37) mitten in Pankow. Seit elf Jahren wird von einem festen Stamm ökumenisch die Komplet gesungen, das Nachtgebet der Kirche – wie es schon die Zisterzienser angestimmt haben, die diese Kirche gebaut haben.
In den folgenden Psalmen stecken geniale Formulierungen von Gottvertrauen: „Mit seinen Fittichen deckt er dich, unter seinen Flügeln birgst du dich, dein Schirm und Schild ist seine Treue.“ Vertrauensvolle, tröstende Worte, vom Psalmisten Gott in den Mund gelegt: „Ruft er mich, geb ich ihm Antwort, ich bin bei ihm in der Bedrängnis, ich reiß ihn heraus und bring ihn zu Ehren.“
In den Fürbitten wird ein aktueller, weiter Bogen gespannt. Die Versammelten bitten beispielsweise „für die Menschen in diesem Land, in dieser Stadt Berlin, egal, welchen Glauben sie haben. Wir bitten dich für alle, die auf deinen Namen getauft wurden … und für unsere katholischen Brüder im Glauben, besonders für unsere Freunde im Franziskanerkloster … und für Papst Franziskus, auf den sich so viele Hoffnungen richten.“ Mit einem Segen endet die rund halbstündige Komplet. Ein ökumenisches Angebot an alle Christen in der Nachbarschaft, das immer mehr angenommen wird.

 
„Religöse Erfahrung, die allein nicht möglich ist“
Jüngster Teilnehmer ist zur Zeit Marco Schendel (26), Promovend in Philosophie. Seit gut einem Jahr ist er dabei. Er spürte ein großes Bedürfnis nach Beheimatung in einer christlichen Gemeinde. „Im gemeinsamen Beten und Singen erfahre ich ein tiefes religiöses Element, was mir allein nicht möglich wäre. In der abendlichen Komplet werden alle meine Erwartungen erfüllt.“ Er erlebt die Dienstagabende als eine „unglaublich dichte Form“, den Glauben zu leben. Schuldbekenntnis, Dank, Schriftlesung, Fürbitten, „schwungvolle Psalmen“ komprimieren für ihn zentrale Elemente des christlichen Glaubens. Er sieht sich als „Christ auf der Suche nach der passenden Konfession“ und fühlt sich in der Komplet-Gemeinschaft gut aufgehoben.
Zu den Senioren der Runde zählt Wolfgang Wendt (65), Projektmanager in der Öffentlichkeitsarbeit der Notärzte. Geprägt durch christliche Pfadfinder, Begegnungen mit dem Karmel in Berlin, gehört er seit elf Jahren zum Kreis der Beter. Er schätzt den stets gleichen Ablauf beim Singen der Psalmen und Hymnen in Anlehnung an die benediktinische Tradition. Dass die Hälfte der Betenden aus Nachbargemeinden kommt, sieht er als Zeichen für die „Strahlkraft der Komplet“. Auch Verlässlichkeit – jeden Dienstag pünktlich um 20 Uhr, außer an Feiertagen – ist für ihn ein wichtiger Gesichtspunkt für den festen Stamm von Betern.
Als Gründerin ist Rosemarie Micheel (70) bei den Komplet-Abenden dabei. Die pensionierte Pfarrerin schätzt diese Form des meditativen Tagesabschlusses und des Zur-Ruhe-Kommens. „Das Einschwingen ins Gebet, wie es von vielen Gemeinschaften getragen wird, das Eintauchen in den Traditions-Strom der Gott-Suchenden spricht mich an.“ Für sie ist die Komplet eine Öffnung zur Welt, um sie mit den liebenden Augen Gottes vor ihn zu bringen.
 
Von Walter Plümpe