23.06.2022

Rund 12000 Menschen wurden zu DDR-Zeiten aus dem Grenzgebiet zwangsausgesiedelt.

Beraubt und entrechtet

In Folge von Spezialoperationen in der DDR haben insgesamt 12 000 Menschen im Grenzgebiet ihre Heimat verloren. Marie-Luise Tröbs aus Geisa, Vorsitzende des Vereins „Bund der Zwangsausgesiedelten“, ist eine von ihnen.


Marie-Luise Tröbs bei ihrer Einschulung, damals noch in Geisa.    Foto: privat

Nach dem Kindergottesdienst schnell noch mal heim, den Ranzen holen, dann ab in die Schule. So war der Plan der damals zehnjährigen Marie-Luise Wagner (heute: Tröbs) an jenem 3. Oktober 1961, einem Dienstagmorgen. Doch als sie sich mit ihrem sieben Jahre alten Bruder dem Elternhaus näherte, parkten dort schon drei LKWs. „Unsere Mutti kam weinend angelaufen, unseren jüngeren Bruder auf dem Arm, und erzählte: ‚Wir müssen Geisa verlassen.‘ Man kann sich bestimmt vorstellen, wie es mir als Viertklässlerin da erging.“
So wie den Wagners aus Geisa aus der thüringischen Rhön erging es noch mindestens 3000  weiteren DDR-Bürgern, die nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze lebten. Weil sie als „politisch unzuverlässig“ galten, wurden sie im Rahmen der Spezial-    operation „Aktion Kornblume“ zwangsweise umgesiedelt.

Vor vollendete Tatsachen gestellt
Das Ganze geschah praktisch ohne Vorwarnung. „Wir hatten zwei Tage Zeit zu packen. Was mitdurfte, entschieden nicht wir, sondern die anwesenden Volkspolizisten. Was nicht auf die drei LKWs passte, war verloren. Wohin es gehen sollte, wussten wir nicht“, sagt Marie-Luise Wagner. Auch das Familienauto der Wagners sollte zurückbleiben, erst nachdem der Vater drohte, zur Axt zu greifen und das Fahrzeug unbrauchbar zu machen, durfte es mit.
Als die Wagners ihr Haus für immer verlassen und sich zur bereitstehenden LKW-Kolonne begeben mussten, bildeten zahlreiche Geisaer eine Art Spalier. Marie-Luise Tröbs erinnert sich an viele traurige Gesichter, ein echtes Aufbegehren, eine echte Solidarität habe sie jedoch vermisst. „Ob es Gleichgültigkeit war oder doch eher Angst: Wir wissen es nicht.“
Vielleicht glaubten die Menschen auch den Beteuerungen der Einsatzkräfte, wonach die Maßnahme der Sicherheit aller diene. Und die Wagners wieder zurück dürften, sobald die „Bonner Ultras und Militaristen“ geschlagen seien, wie versucht wurde, den Wagners weiszumachen.
Die Fahrt an den noch unbekannten Zielort verlief ohne Zwischenfälle. „Die Verantwortlichen taten alles dafür, dass alles klammheimlich abläuft“, erinnert sich Marie-Luise Wagner, die heute Marie-Luise Tröbs heißt. So bewegte sich die Kolonne ausschließlich über Nebenstraßen, um weiteres Aufsehen zu vermeiden.

Vorgänger-Aktion lief völlig aus dem Ruder
Bei einer ähnlichen Operation, neun Jahre zuvor, hatten die Behörden noch viel Lehrgeld zahlen müssen. Die „Aktion Grenze“, besser bekannt und berüchtigt unter dem Decknamen „Aktion Ungeziefer“, sah ebenfalls die „Entfernung“ politisch unliebsamer Personen aus den Grenzgebieten vor, lief aber gründlich schief. Wohl auch, um eine spontane Flucht nach Westdeutschland  zu verhindern, war von Seiten des SED-Regimes keine Information an die Betroffenen und deren Mitbürger über das Vorhaben erfolgt. So hatten sich bei Eintreffen der Staatsmacht bereits Gerüchte breitgemacht. Die Bevölkerung in den grenznahen Orten befürchtete, eingesperrt oder gar nach Sibirien deportiert zu werden, in einigen Fällen begingen Menschen vor Angst Suizid. Panik brach aus. Stellenweise kam es zu Aufständen gegen die Volkspolizei, an denen sich nicht nur zur Aussiedlung Bestimmte, sondern auch Nachbarn und Mitbürger beteiligten. In einigen Dörfern wurden Barrikaden errichtet, Steine auf die Einsatzkräfte geworfen. Die Volkspolizei schlug die Aufstände gewaltsam nieder, setzte zudem allein im thüringischen Kreis Sonneberg 2000 „Aufklärer“ ein, um die Bevölkerung zu „beruhigen“.
Wo Polizei und NVA die Grenzsicherung in den Westen nicht rechtzeitig gelang, traf sie später auf verwaiste Dörfer. Im Grenz-ort Liebau etwa waren von 65 Einwohnern nur noch drei ältere Menschen übrig geblieben, der Rest war getürmt. Vereinzelt „desertierten“ sogar Volkspolizisten.
Rund 3000 DDR-Bürger entzogen sich den Zwangsaussiedlungsmaßnahmen von 1952 durch Flucht. 9000 andere Menschen schafften den Absprung nicht oder wollten ihr Hab und Gut nicht aufgeben. Sie konnten nicht wissen, dass genau das ihnen bevorstehen sollte. Ähnlich wie 1961 die Wagners aus Geisa, durften auch sie nur einen Teil ihrer Habseligkeiten mit auf die Güterzüge nehmen, die sie an den neuen, zunächst noch unbekannten Ort fuhren.
Dort angekommen, wurden die Neuankömmlinge von den Bewohnern argwöhnisch beäugt, im Umgang zunächst geschnitten. Kein Wunder: Die SED-Verantwortlichen hatten die Zwangsausgesiedelten vor deren Eintreffen als Kriminelle angekündigt – möglicherweise um zu rechtfertigen, dass diese Menschen einfach ihrer Heimat beraubt worden sind. Schon die Auswahl der auszusiedelnden Menschen hatte in der Regel auf bösartiger Denunziation beruht.
Auch Familie Wagner aus Geisa verleumdet
Marie-Luise Tröbs hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Angekommen in der Herderstraße in Ilmenau vermieden die Bewohner in auffälliger Manier jeden Kontakt. „Eine Lehrerin aus dem Haus gegenüber, Frau Klingeldörfer, erweichte sich und gab uns Kindern etwas zu essen und zu trinken, während unsere Eltern noch Behördengänge zu erledigen hatten.“ Nach einigen Tagen verbesserte sich die Lage. Die Familie, die von nun an mit den Wagners im gleichen Mehrfamilienhaus wohnte, nahm Kontakt zu ihr auf. Elisabeth, ein Mädchen ungefähr in Marie-Luises Alter, sagte: „Wie Schwerverbrecher seht ihr aber nicht gerade aus.“ Erst da sei den Wagners bewusst geworden, welch übles Spiel hier gespielt wurde. Sie erfuhren: Wenige Tage vor deren Ankunft war die Volkspolizei in die Herderstraße gekommen und hatte die Anwohner vor „Schwerverbrechern von der Grenze“ gewarnt, zu denen jedweder Kontakt gemieden werden sollte.

Katholiken halfen einander
Von nun an ging es etwas einfacher. Wie sich herausstellte, waren die Nachbarn ebenfalls katholischen Glaubens. „Ich weiß noch, wie meine Mutti zu mir sagte: ‚Am Donnerstag nimmt dich die Elisabeth mit in die Kirche‘“, erzählt Marie-Luise Tröbs. In der Gemeinde, vor allem in der Kinderschola unter Leiterin Edeltraud Kuboth, habe sie schnell Fuß fassen und so neuen Mut schöpfen können. Kurz darauf wurde der Ilmenauer Pfarrer Anton Goeb bei den Wagners vorstellig. Dechant Aloys Wehner hatte ihn von Geisa aus über das Schicksal der Wagners in Kenntnis gesetzt. Pfarrer Goeb bemühte sich, Arbeit für den Vater zu finden, was sich als schwierig erwies. „Er fand dann zwar eine Anstellung als Kohlen-Kraftfahrer, aber das war für ihn beruflich schon ein gewisser Abstieg. Bis zu seiner unbegründeten Entlassung kurz vor dem Zwangsumzug war er Produktionsleiter in der Maschinen-Traktoren-Station MTS Geisa.“
In der Schule war der Einstieg für Marie-Luise nicht leicht. Schon ihr Vorname erschien ihren Mitschülern merkwürdig, genauso wie die Tatsache, dass sie an Gott glaubte und manchmal auch darüber sprach. In Geisa, gelegen in der thüringischen Rhön, war das noch ganz anders. „Zum Glück lernte ich ein Mädchen namens Gerlinde kennen, die ebenfalls katholisch war. Wir freundeten uns nach und nach an.“
Auch ihre Klassenlehrerin merkte, dass die Erzählungen über die Wagners nicht stimmten. Sie half ihr, den Lernrückstand – im kleinen Ort Geisa hatte sie andere Schulbücher, die Bildung war schlechter – aufzuholen, und schrieb ihr eine gute Beurteilung: „Durch ihr ruhiges und besonnenes Wesen übt  sie einen guten Einfluss auf ihre Mitschüler aus.“ Nach und nach besserte sich die Situation. Sie machte sogar das Abitur, absolvierte eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau.
„Als wir Geisa verlassen mussten, habe ich auch gezweifelt: Warum hat Gott all das nicht verhindert?“, erzählt Marie-Luise Tröbs. Sie betete viel, bat Gott um Beistand, ist stark im Glauben geblieben. Genau wie ihre Familie. In sein Vermächtnis schrieb ihr Vater: „Dem DDR-Unrechtsregime mag es gelungen sein, uns unsere Heimat in Geisa zu entreißen. Was sie jedoch nicht geschafft haben: uns auch unsere Heimat im Glauben, unsere katholische Kirche wegzunehmen.“

Es ist noch nicht alles geklärt
War damit alles gut? „Bei weitem nicht. Unsere Heimat, unsere Freunde, unsere Stellung und unseren Besitz hatten wir ja dennoch verloren. Von den dafür Verantwortlichen wurde uns auferlegt, darüber zu schweigen. Damit wir dies auch taten, wurden wir sorgfältig überwacht“, sagt Marie-Luise Tröbs. Sie ging von Einzelschicksalen aus, erst im April 1990 habe sie im Neuen Forum, das damals nach Zeitzeugen suchte, die Menschenmassen erblickt und bemerkte: „Wir waren nicht allein.“
Heute ist Marie-Luise Tröbs Vorsitzende des Vereins „Bund der Zwangsausgesiedelten“ (BdZ), der sich für die Rechte der über 12 000 Menschen einsetzt, die genau wie sie als Zwangsausgesiedelte staatlicher Willkür ausgesetzt waren. Ihr Kampf ist noch nicht beendet, denn mit einer angemessenen Entschädigung tut sich die Bundesrepublik Deutschland selbst 32 Jahre nach der friedlichen Revolution schwer. Weniger als 1000 Betroffene der Unrechtsmaßnahmen sind noch am Leben. Sie hoffen, darauf, dass die Bundesregierung ihr Leid endlich anerkennt.

Originaldokumente der Stasi zu den Zwangsaussiedlungs-Aktionen „Ungeziefer“, „Kornblume“ und „Festigung“ finden Sie auf der Website www.stasi-mediathek.de.

Von Stefan Schilde