15.06.2020

Pilgern in der Corona-Zeit

Neustart auf dem Jakobsweg

Der Anfang ist gemacht: Die ersten Pilger sind wieder auf dem Jakobsweg unterwegs und in den Herbergen werden Betten reserviert.

Foto: kna/CIRIC/Philippe Glorieux
Neustart am Jakobsweg: Die ersten spanischen Pilger sind schon unterwegs. Foto: kna/CIRIC/Philippe Glorieux


Lorenzo Medin hieß der erste Wanderer, der nach dem Neustart der Pilgerbewegung auf dem Jakobsweg in Santiago de Compostela eintraf. Wie die Digitalzeitung "Nius" und lokale Medien berichteten, ließ er sich vergangene Woche gleich nach der Öffnung der Provinzgrenzen innerhalb der Region Galicien von seiner Frau in die Stadt Lugo bringen. Dort begab er sich auf den sogenannten "Ur-Weg", um die letzten 100 Kilometer bis zum Sehnsuchtsziel Santiago zu absolvieren.

Lorenzo kam wohlbehalten an. Die Erfahrung, auf der sonst zu dieser Jahreszeit stark frequentierten Strecke alleine unterwegs gewesen zu sein, empfand er als "sehr emotional und auch sehr surreal." Derzeit ist es nur in Galicien lebenden Pilgern möglich, gewöhnlich Spaniern wie Lorenzo also, Strecken des Jakobswegs in Angriff zu nehmen. Der Anfang bei der Wiederauferstehung des Pilgerwesens ist nun gemacht - durch die Corona-Pandemie und den Lockdown Spaniens mit der über Wochen verhängten Ausgangssperre blieb der Jakobsweg seit Mitte März komplett verwaist. Der Stufenplan der Regierung in Madrid sah zunächst nun vor, dass ab 1. Juli innerhalb der EU wieder internationale Einreisen möglich sind und die Quarantänepflicht für Ankömmlinge aufgehoben wird. Jetzt wird gar schon am 21. Juni der Alarmzustand beendet.

Die Airlines sind gerüstet; ab Deutschland fliegen sie dann wieder ins nordspanische Bilbao, wo sich Pilger auf den Küstenweg begeben oder per Linienbus weiter ins Inland an die Hauptroute gebracht werden. Wer plant, ab der eigenen Haustür loszuradeln oder loszumarschieren, profitiert ab Montag von der Öffnung Frankreichs und könnte eine Punktlandung hinlegen, indem er anschließend die offene Grenze nach Spanien passiert.

Die wichtigsten Fragen in der internationalen Pilgergemeinschaft lauten: Wann öffnen die Herbergen wieder, wie sehen die Gegebenheiten vor Ort aus? "Etwa zwei Drittel der Herbergen werden Anfang Juli, wie auch die Kathedrale in Santiago, wieder öffnen", sagt Enrique Valentin, der Vorsitzende der "Asociacion Red de Albergues privados del Camino de Santiago", der Vereinigung privater Pilgerherbergen am Jakobsweg. Der kurzfristig angekündigte frühere Stopp des Alarmzustands in Spanien wird die Herbergen nun wohl auch dazu zwingen, schneller für die Pilger wieder da zu sein. Die neuen Hygiene- und Abstandsregeln führen in den Unterkünften allerdings zu einer Reduzierung der Kapazitäten. Im Schnitt könne man von "70 Prozent" der sonst angebotenen Plätze ausgehen, so Valentin, das sei aber im Einzelfall "abhängig von den Räumlichkeiten".

 

Herbergen müssen Preise wegen Mehraufwand anheben

In welchem Umfang Herbergsküchen generell benutzbar sind, lässt sich schwer einschätzen. Valentin selbst betreibt am Hauptweg in der Region La Rioja im Dorf Ventosa die Herberge "San Saturnino". Derzeit laufen bereits Reservierungen bei ihm ein, obwohl er später als andere "erst für Mitte Juli" die Öffnung anpeilt. Was wird außerdem neu sein in den Herbergen? "Wir müssen Desinfektionsgel und Schutzmasken vorrätig haben. Das dürfen wir aber nicht verkaufen", so Valentin über die behördlichen Vorgaben. Zudem müssten die Betten mit Wegwerflaken und auch die Kopfkissen mit Hüllen zur einmaligen Benutzung überzogen sein.

Mehrkosten und eine erhebliche Mehrarbeit entstehen den Wirten überdies durch die Desinfektionen der Duschen nach jeder Benutzung. Den Herbergsbetreibern bleibt nichts anderes übrig, als die Zusatzausgaben auf die Pilger umzulegen. Signifikante Preiserhöhungen hält Valentin allerdings für "ein falsches Zeichen"; in seiner Herberge hebt er den Übernachtungspreis von elf auf zwölf Euro an.

Enrique Valentin geht davon aus, dass sich der Pilgerbetrieb im Laufe des Sommers "wieder normalisiert". Ein neuer Rekord wie 2019, als das Pilgerbüro von Santiago de Compostela insgesamt 347.578 Ankömmlinge registrierte, wird in diesem Jahr gewiss nicht fallen. Doch es herrscht Nachholbedarf. Gerade jetzt werden viele Pilger auf dem Weg Glaube, Hoffnung, spirituellem Trost und ein neues Freiheitsgefühl suchen. Jesus Fernandez Gonzalez, Weihbischof in Santiago de Compostela, drückte das in einem Interview mit der galicischen Zeitung "La Voz de Galicia" unlängst so aus: "Ich habe den Eindruck, dass sich der Pilger regelrecht auf den Jakobsweg stürzen wird."

kna