14.02.2019

Vor 90 Jahren starb der Berliner Großstadtpfarrer Carl Sonnenschein

„Seid Christen! Fasst zu! Helft!“

Sozialarbeit und Seelsorge mit blutendem Herzen: Vor 90 Jahren starb der Berliner Großstadtpfarrer Carl Sonnenschein. Bekannt war er für sein etwas barsches Auftreten und sein goldenes Herz.

Carl Sonnenschein wollte alles auf einmal: Bewusstsein schaffen, praktische Hilfe organisieren, die Presse mobil machen. | Foto: kna
 
„Uneheliche Mutter, früher Gymnasiastin, lungenkrank, feuchte Wohnung, größte Not, erbittet Bett für viermonatiges Kind.“ – „Verhungerter süddeutscher Student annimmt jede Arbeit. – „Einjähriges blondes Kind zu verschenken.“ – Mit Vorliebe griff er in dem Berliner Kirchenblatt, das er herausgab, solche knappen Zeitungsnotizen auf, um das Elend hinter der glitzernden Weltstadtfassade zu schildern und satte Christen dazu zu bringen, sich einzumischen: Dr. Carl Sonnenschein wollte den Berliner Katholizismus der Weimarer Zeit aus seinem Gettodasein herausführen und das soziale Bewusstsein vor allem der Studenten schärfen. Vor 90 Jahren, am 20. Februar 1929, ist der von Ideen sprudelnde Priester gestorben, den man etwas altmodisch den „Großstadtapostel“ nannte.
„Er stört sich an keiner Hausordnung“
Sonnenschein verfügte über eine Kartei mit mehr als hunderttausend Schicksalen, und wer in der brodelnden Atmosphäre der Viereinhalb-Millionen-Stadt mit ihrer Riesenkluft zwischen Reich und Arm in Not geraten war, eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz suchte, aus dem Gefängnis oder der Erziehungsanstalt kam und vor den Trümmern seiner Existenz stand, der pilgerte erst einmal zu diesem Energiebündel mit dem etwas barschen Auftreten und dem goldenen Herzen. 
Der „moderne Paulus“, wie ihn ein Biograph feierte, wurde 1876 in einer Düsseldorfer Handwerkerfamilie geboren, begann in Bonn Theologie zu studieren und durfte bereits 1894 an das römische Germanicum wechseln. Dort hatte er Schwierigkeiten mit dem strengen Reglement – „Er stört sich an keiner Hausordnung“, notierte der Rektor entnervt –, sammelte aber bei den üblichen anspruchsvollen lateinischen Disputationen Pluspunkte. Früh schon begeisterte er sich für die soziale und demokratische Aufbruchsbewegung im italienischen Katholizismus.
Nach ersten Kaplansjahren in Aachen und Köln kam er 1904 nach Elberfeld, wo er Aufsehen erregte, als er für die Stadtratskandidatur eines Arbeiters auf der Liste des katholischen ­Zentrums sorgte. 1906 holte ihn der „Volksverein für das katholische Deutschland“ – Motor eines gesellschaftspolitischen Engagements – in seine Zentralstelle nach Mönchengladbach, wo er sich der bisher vernachlässigten Akademikerarbeit widmen sollte.
 
Redeverbot vom Kardinal
Mit Feuereifer ging Sonnenschein ans Werk: Er gründete das „Sekretariat Sozialer Studentenarbeit“ und an die zweihundert sehr aktive Studentenkreise, um die künftigen Mediziner, Richter und Staatsbeamten mit der sozialen Wirklichkeit zu konfrontieren und aus ihrem Elfenbeinturm herauszuholen. Obwohl er keineswegs ein Anhänger revolutionärer Umwälzungen war und für einen Interessenausgleich mittels vernünftiger Reformen eintrat, geriet er mit geschliffenen Reden gegen die „blöde Kastenhaftigkeit“ und der Unterstützung von Streikenden in Konflikt mit der Justiz und mit konservativen katholischen Kreisen. Der Breslauer Kardinal Kopp erteilte ihm für seine Diözese Redeverbot, weil er hartnäckig für „entklerikalisierte“, überkonfessionelle christliche Gewerkschaften plädierte.
Nach dem Ersten Weltkrieg, den er mit begeistertem Patriotismus begleitet hatte, ging Sonnenschein nach Berlin und stellte erschrocken fest: „Der Berliner Katholizismus ist verdammt kleinstädtisch!“ Die Metropole explodierte, immer neue Massen von Entwurzelten strömten aus Schlesien und dem Ruhrgebiet in die Großstadt, auf der Suche nach Arbeit und Lebenschancen. Die erträumte Straße zum Glück entpuppte sich allzu oft als Sackgasse: schmutzige Gelegenheitsjobs, elende Mietskasernen und Kellerquartiere, am Ende nicht selten das Obdachlosenasyl und Bordell. Und was taten die kirchlichen Behörden und Verbände? Sie veranstalteten schöne Gottesdienste und pflegten eine fromme Innerlichkeit.
In zahllosen Vorträgen, Predigten, Zeitungsartikeln ­lief Sonnenschein gegen solche Selbstgenügsamkeit Sturm, im atemlos gehetzten Stil des zeitgenössischen Expressionismus: „Ihr seht diese grauen Gesichter nicht. Die schmalen Witwen. Die hohlen Kinder. Die steingewordenen Proletarier jeder Schicht. Arbeitslos! Ohne Schimmer von Ausblick. Zerquält. In dem einen Zimmer! Im Korridor! In dem Hinterhaus! Ihr seht sie nicht in den Kellern und Hospitälern! Erst, wenn die Leiche ins Schauhaus gebahrt wird. Erst, wenn die Zeitung die Gashähne nummeriert. Die sich in einer Nacht öffneten. Erst dann seht ihr sie. Dann steht das Gespenst um eure Tische. Dann seid ihr, auf ein paar Minuten, entsetzt. Lasst das posthume Entsetzen! Seid Christen! Fasst zu! Helft! Darf man Luxus haben und Luxus treiben, wenn nebenan Menschen hungrig sind?“
 
Ein Cognac für die Lebensmüden
Sonnenschein, der nie ein offizielles Kirchenamt innehatte, aber an allen Brennpunkten der Not präsent war und hundert Hilfsangebote organisierte, betrieb auch in Berlin wieder Studentenseelsorge, gründete ein „Akademisches Arbeitsamt“, eine „Katholische Volkshochschule“ mit einem sehr praktisch orientierten Kursprogramm, die „Akademische Lesehalle“ für breite Schichten – und die erste katholische Kirchenzeitung für Groß-Berlin. Sonnenscheins spartanisch eingerichtetes Büro sei den vielen Hilfsbedürftigen wie ein „Welthafen-Landungsplatz“ erschienen, schreibt ein Zeitgenosse, wie eine paradiesische Zufluchtsstätte.
Sonnenschein war Tag und Nacht erreichbar, Sprechstunden oder Urlaub kannte er nicht. Mit Hilfe seiner legendären Kartei knüpfte der ständig Zigaretten paffende, ständig am Telefon hängende Priester unbürokratische Kontakte, verschaffte Empfehlungen, Stipendien, Freitische, verteilte Lebensmittel und Spendengelder, schenkte irgendeinem heruntergekommenen Penner die eigenen neuen Schuhe, trank mit einem heulenden Selbstmordkandidaten einen Cognac, tröstete, ermunterte, wies konkrete Wege. Akten, Taufscheine, reumütige Bekenntnisse interessierten ihn nicht. Er wollte helfen, Leben ermöglichen, menschliche Würde retten.
Bald hatte er einen Kreis hoch motivierter Mitarbeiter um sich geschart, die er schulte und mit Adressenlisten und Aufträgen bombardierte. Vielen war er immer noch zu „unkatholisch“, zu gesprächsoffen, zu unberechenbar. Seine Gründungen standen jedem offen, konfessionelle Enge war ihm verhasst. Den „roten“ Reichspräsidenten Ebert, der als junger Mann aus der katholischen Kirche ausgetreten war, nannte er bewundernd einen „in tiefster Seele religiösen Menschen“. Und dem Zentrum empfahl er, mit den Sozialdemokraten zu koalieren, um eine Politik im
Interesse der kleinen Leute durchzusetzen.
Er wollte alles auf einmal: Bewusstsein schaffen, praktische Hilfe organisieren, die Presse mobil machen, vor allem aber die Christen an die Radikalität erinnern, die im Evangelium steckt. Weit entfernt davon, das Christentum in Sozialpolitik aufzulösen, fand er im Glauben an den guten Gott die stärkste Motivation, für die Menschenwürde der an den Rand Gedrängten zu kämpfen. Christus sei erheblich mehr gewesen als ein politischer Empörer, weil seine Revolution „in die Seele fasst“.
Als Sonnenschein 1929 in Berlin an einem Nierenleiden starb, war er erst 52 Jahre alt.
 
Von Christian Feldmann

Kommentare

Und was tun die kirchlichen Behörden heute?Sie veranstalten schöne Gottesdienste und pflegen eine fromme Innerlichkeit. Mehr Sonnenschein in die Gemeinden. Und in die Ordinariate sowieso.