07.01.2021

Neuer Leiter des Leipziger Thomanerchores

Schweizer Katholik beerbt Bach

Der Leipziger Stadtrat hat mit Andreas Reize einen Katholiken an die Spitze des protestantisch geprägten Leipziger Thomanerchores berufen. Reize ist der 18. Nachfolger von Johann Sebastian Bach.

Andreas Reize wird im September Nachfolger von Thomaskantor Gotthold Schwarz.

 

Er ist wohl vieles in einem. Lernort, Aushängeschild und Erinnerungskultur. Der Leipziger Thomanerchor, mit Sitz im urigen Bach-Viertel, wo Gründerzeitvillen und sattgrüne Alleen von gehobener Wohnlage zeugen. Neuer Leiter soll ab September 2021 der Schweizer Dirigent Andreas Reize werden. Und damit der 18. Nachfolger Johann-Sebastian Bachs (1685–1750), dem nach Mozart wohl größten Komponisten der Musikgeschichte.
Bachs Melodien gingen über den Erdball. Sie waren Einspieler in der TV-Werbung und verkaufen sich bestens auf dem CD- und mp3-Markt. Sie bildeten auch die Hintergrundmusik in Erich Loests Wenderoman „Nikolaikirche“ aus dem Jahre 1995, den das ZDF noch im selben Jahr verfilmen ließ. Mit anderen Worten: Bei allem, was mit sächsischer, deutscher und europäischer Gegenwartskultur zu tun hat, kommt man an Bach, an Leipzig und auch an den Thomanern kaum vorbei. Und genau dort möchte Andreas Reize anknüpfen. „Der Thomanerchor ist die Stimme Leipzigs“, hat Reize kurz nach seiner Nominierung einem dänischen Journalisten gesagt. Und auch, dass der Chor noch mehr zu einem „internationalen Markenzeichen“ werden solle, um, wie es heißt, auch „Werbung für die deutsche Sprache“ zu machen.

Auch Muslime können Thomaner werden
Reize weiß genau, welches Erbe er antritt. Er kennt die Befindlichkeiten der Sachsen und dass Leipzig schon oft ein Seismograph für politische Fehlentwicklungen im Land gewesen ist. Oft bildete der Knabenchor das musikalische Bindeglied zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die heute sicherlich eine andere ist, als zu Bachs Zeiten. Selbst Söhne muslimischer Flüchtlingsfamilien können Thomaner werden, solange sie mit dem christlich-abendländischen Wertekanon des Chores d’accord gehen, heißt es auf Anfrage aus der Leipziger Stadtverwaltung. „Ein Thomaskantor muss wissen, dass der Chor in Leipzig von jeher das kulturgeschichtliche Gegengewicht zum politischen Establishment bildet“, bringt der Historiker Wolfgang Blaschke die besonderen Herausforderungen an das Amt auf den Punkt. Doch dass Reize, Jahrgang 1975, Katholik ist, habe beim Auswahlverfahren angeblich „keine Rolle“ gespielt, heißt es aus dem Umfeld einer Leipziger PR-Agentur. Im Hochmittelalter gegründet, entwickelte sich der knapp 90 Knaben umfassende Thomanerchor im 17. Jahrhundert zu einem kulturellen Bollwerk des sächsischen Protestantismus gegen katholische Einflussnahme, wohl wissend, dass es ohne die Inobhutnahme Martin Luthers auf der Wartburg durch einen sächsischen Adeligen wohl keine Reformation in der uns heute bekannten Form gegeben hätte.

Der 1212 gegründete Thomanerchor ist einer der berühmtesten Knabenchöre der Welt. Johann Sebastian Bach (1685–1750) leitete den Chor 27 Jahre lang.

Bürgerliche Fassade für die SED
Von jeher pflegen die Thomaner enge Bindungen zu den Kirchen; ein Umstand, der spätestens im Wendeherbst 1989 mit Leipzig als politischem Epizentrum offensichtlich wurde; als mit Kurt Masur ein den Thomanern und auch dem Christentum eng verbundener Dirigent kurzfristig politische Verantwortung übernahm, um in der Leipziger Innenstadt ein Blutbad zu verhindern. 30 Jahre sind seither vergangen, und die unsäglichen Jahre der SED-Diktatur, die der Chor fast unbeschadet überlebt hat, nunmehr Geschichte. „Mit dem Thomanerchor bewahrte die SED ein Stück weit ihre bürgerliche Fassade, während sie ideologisch alles Bürgerliche zu vernichten versuchte“, analysiert der Erfurter Theologe und Historiker Matthias Wanitschke die ambivalente Rolle des Chores während der kommunistischen Unterdrückungsjahre. Doch im Rückblick habe er sich nicht als Steigbügelhalter, sondern als Phalanx gegen die menschen- und freiheitsverachtende Ideologie des Kommunismus erwiesen, sagt Wanitschke.
Der neue Thomaskantor Andreas Reize hat in Bern und Winterthur-Zürich Kirchenmusik studiert. Ein Konzertdiplom im Orgelfach, ein Lehrdiplom Klavier sowie ein Postgraduatierten-Studium im Fach Chor-Dirigieren säumen seine musikalische Karriere. Reize dirigierte in der Oper Waldegg, ist seit 2007 Leiter des Knabenchores „Singknaben der St. Ursenkathedrale Solothurn“ und seit 2011 Chef des Gabrielichors in Bern. Sein Wikipedia-Eintrag listet zahlreiche Preise auf, die der bescheiden auftretende Eidgenosse und Langstreckenläufer in den vergangenen Jahren einheimsen konnte. Reize verfüge über breite interpretatorische, musikwissenschaftliche und theologische Kenntnisse, begründete Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi     Jennicke (Linke) ihre Auswahlentscheidung. „Er stellte in seiner Bewerbung ein umfassendes, fundiertes und schlüssiges Konzept für die zukünftige Entwicklung des Thomanerchores vor“, heißt es in einer Pressemitteilung der Leipziger Stadtverwaltung. Über mehrere Monate hatte sich eine Auswahlkommission auf die Suche nach einer Neubesetzung gemacht; ein schwieriges Unterfangen, angesichts der vielen Bewerber um das nach dem Oberbürgermeister wohl wichtigste Amt, das Leipzig zu vergeben hat.

Anspruchsvolles Aufnahmeprocedere
Worauf die Offiziellen größten Wert legen: Von jeher ist der Thomanerchor Teil eines umfassenden, städtischen Bildungsprogramms, dessen Herzstück die nur einen Steinwurf vom Thomasforum entfernte Thomasschule ist; ein althumanistisches Gymnasium, mit gehobenem Leistungsanspruch, wozu auch Unterricht in Latein, Altgriechisch, Italienisch und Französisch gehört; ebenso katholische und evangelische Religionslehre als verbindliche Fächer ab Klasse fünf. „Und doch sind wir nicht wie Salem“, bemüht sich Pressesprecher Roman Friedrich in Anspielung an das bekannte Prominenteninternat am Bodensee zu sagen. Bewerben können sich beim Thomanerchor Jungen im Grundschulalter, die Interesse an der Musik Bachs haben und über solide Deutschkenntnisse verfügen, heißt es auf der Homepage. Und auch, dass für Unterkunft, Verpflegung und ein hochwertiges Freizeitangebot gesorgt sei.  
Doch so offen auf der einen Seite, so anspruchsvoll ist das Aufnahmeprozedere in den Chor zu Beginn der vierten Grundschulklasse. Auf der Prüfungsagenda stehen musikalische Fähigkeiten ebenso wie die Persönlichkeit und der schulische Leistungsstand. Nach einem halben Jahr werden diese Punkte erneut eingeschätzt und über den endgültigen Verbleib des Kandidaten im Thomaschor entschieden – vergleichbar mit der Probezeit in einem Dienst- oder Angestelltenverhältnis, bei der am Ende auch immer nur die Besten im Unternehmen verbleiben sollen.

Von Benedikt Vallendar