14.10.2021

Zeichen der Verbundenheit mit der jüdischen Landesgemeinde

Christen schenken Torarolle

Katholische und evangelische Kirche in Thüringen setzen ein besonderes Zeichen der Verbundenheit mit der jüdischen Landesgemeinde: Sie ließen für die Erfurter Synagoge eine neue Torarolle schreiben.

Rabbiner Reuven Yaacobov schreibt die letzten Buchstaben auf die neue Tora-Rolle, die die christlichen Kirchen in Thüringen der jüdischen Landesgemeinde zum Geschenk machen.    Fotos: imago images/Jacob Schröter

 

Zwei Jahre hat Reuven Yaacobov gebraucht. An vielen Orten in Thüringen hat er in dieser Zeit Station gemacht und die Menschen konnten zuschauen, wie ein ganz besonderes Projekt Fortschritte machte: 304 800 hebräische Buchstaben hat er mit Gänsekiel und koscherer Tinte auf Pergamentbögen geschrieben. Die Materialien hat er extra aus Israel besorgt. Die Pergamente hat er zusammengenäht und aufgerollt. Nun ist sie fast fertig: die neue Tora-Rolle für die jüdische Landesgemeinde in Thüringen.
Reuven Yaacobov ist in Usbekistan geboren und Rabbiner in Berlin. Außerdem ist er ein Sofer, ein Schreiber, denn eine Torarolle schreiben, das darf nicht jeder. Yaacobov hat dieses Handwerk an einer speziellen Schule gelernt. Über 30 Torarollen hat er schon geschrieben – in einer Schrift wie gedruckt und – das ist besonders wichtig – fehlerfrei. 30 000 bis 40 000 Euro kostet eine Torarolle. Die Erfurter Tora ist etwas besonderes: Den Auftrag, sie zu schreiben, erhielt Yaacobov von den christlichen Kirchen, genauer vom Bistum Erfurt und von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Der Erfurter Rabbiner Alexander Nachama hatte einmal nebenbei erwähnt, dass seine Synagoge eine Torarolle gebrauchen könnte. Das brachte die beiden Bischöfe auf die Idee. Überreicht wurde das Geschenk jetzt bei einem Fest in der Erfurter Innenstadt – zum Abschluss des Projektes „Tora ist Leben“ im Rahmen des Gedenkjahres „Neun Jahrhunderte jüdisches Leben in Thüringen“. Als Höhepunkt des Festes schrieb Yaacobov die letzten fünf Buchstaben. Dann wurde die Torarolle in einer feierlichen Prozession zur Synogege gebracht und in den Toraschrein gestellt. Beim Gottesdienst wird sie aus dem Schrein genommen, um daraus vorzulesen.

 

Die Bischöfe Neymeyr und Kramer mit Rabbiner Reuven Yaacobov, dem Schreiber der Torarolle.


Das Geschenk solle dazu beitragen, in den Beziehungen von Christen und Juden nicht nur vom Völkermord an den Juden und dem gegenwärtigen Antisemitismus zu sprechen, so bedeutend diese Themen auch seien, unterstrich Bischof Ulrich Neymeyr. Das Projekt solle auch die Freude der Christen über jüdisches Leben und jüdische Gottesdienste der Gegenwart zum Ausdruck bringen, fügte Neymeyr hinzu, der auch der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für die Beziehungen zum Judentum ist.
Landesbischof Friedrich Kramer betonte, ein solches Projekt sei angesichts der langen Schuldgeschichte der Kirchen gegenüber den Juden nicht selbstverständlich. Er dankte der Jüdischen Landesgemeinde dafür, die Umkehr der Kirchen und ihr Bekenntnis zur Schuld anzunehmen.
Das Projekt strahle weit über Thüringen hinaus, freute sich Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke). Es sei wichtig für alle Menschen, die für ein friedliches Zusammenleben der Religionen und Kulturen einträten. Er habe die Hoffnung, dass sich „ein selbstbewusstes Judentum hier in Zukunft noch offener entfalten kann“.
Landesrabbiner Nachama dankte für das „große und sehr willkommene Geschenk, das alles andere als selbstverständlich ist“.

Von Matthias Holluba