28.02.2020

Anstoß 9/2020

Mutige Intoleranz

Das Wort irritierte mich positiv. Es war am Tag nach der Ministerpräsidenten-Wahl in Thüringen. Eigentlich wollte niemand auf dem Neujahrsempfang den Tabubruch ansprechen, bis eine Rednerin zu „mutiger Intoleranz“ aufrief.

Unter den Gästen befand sich ein Buchhändler. Er gehört zur Initiative „Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus.“ Seit einer Veranstaltung „Was tun gegen die AfD? Aufstehen gegen Rassismus!“ wurde sein Laden mehrmals attackiert. Doch einschüchtern lässt er sich nicht. Neuköllner Bürger gründeten ein Aktionsbündnis gegen Rechts. Sie stehen zusammen, wollen sich nicht einschüchtern lassen. Mutig, denn mittlerweile kann jeder an den Hass-Pranger gestellt werden, der offen gegen rechtsextremistische Stimmungen auftritt. Wütende Reaktionen gegen Lehrer, nur, weil sie Islam unterrichten; immer mehr Morddrohungen gegen Journalisten, weil sie über Rechtsradikalismus berichten. Es ist gefährlich, sich für Geflüchtete einzusetzen.

Vor wenigen Tagen ein neuer Schock: Hanau. Mich berührt, dass von Betroffenen kein Wort der Rache zu hören war. An der Tür unserer Gemeindeküche hängt ein Zettel. Viele Gruppen nutzen die Küche und werden ihn lesen. Irgendwer hat die Namen der Opfer von Hanau darauf kopiert und unterschrieben: „Wir trauern mit euch.“ Mitgefühl stellt sich Menschenhass entgegen. David gegen Goliath? Eine Untersuchung zur Hasskriminalität im Bundekriminalamt ergibt, dass radikale Einstellungen, Hetze oder Befürwortung von Gewalt zunehmend hinnehmbar, ja, mehrheitsfähig erscheinen. Höchste Zeit, nicht selbst schweigende Zustimmung zu leben!

Es wird niemand geboren, um zu hassen. Hass wird geschürt und gezüchtet. Gebetsmühlenartig hält die die Bibel dagegen: „Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen.“ (Lev 19,17a). Jesus provoziert die Spitze des Liebesgebotes: Feindesliebe. Unsere Katholische Kirche kennt keine Ausländer. Wir sind universal. Gott ist Gott aller Menschen. Doch auch Kain brachte seinen Bruder Abel um, weil er sich weniger beachtet fühlte. Es gibt die Versuchung zum Bösen. Nutzen wir die Fastenzeit zu ehrlicher Umkehr. Ein Fasten, das Gott gefällt, ist: jedes Joch zu zerbrechen (vgl Jes 58,6). Auch das Joch von Menschenhass und Rassismus.

Lissy Eichert
, Berlin