28.02.2020

30 Jahre deutsche Einheit standen im Mittelpunkt der Duderstädter Gespräche. Es ging um genutzte und verpasste Chancen, Befindlichkeiten und die Kirche im Osten.

Mehr als das Ampelmännchen

30 Jahre deutsche Einheit standen im Mittelpunkt der Duderstädter Gespräche. Es ging um genutzte und verpasste Chancen, Befindlichkeiten und vor allem um die Frage, wie die Kirche im Osten Deutschlands mit ihrer neuen Situation umgehen kann.

Ostdeutsche Politiker im Gespräch: Gregor Gysi (rechts), neben ihm Klaus Zeh, heute Oberbürgermeister von Nordhausen, und Peter-Michael Diestel, letzter DDR-Innenminister (links). - Fotos: Stefan Branahl

Von Stefan Branahl

Joachim Wanke hat Sinn für leisen Humor. Ein paar Minuten versuchte er zu ignorieren, dass mit dem Mikrofon etwas nicht in Ordnung war, dann gab er sich geschlagen: „Hier wackelt was“, stellte er fest und schob lakonisch hinterher: „Das ist wie bei uns in der Kirche…“.

Gleichwohl schaffte es der frühere Bischof von Erfurt, in 30 Minuten Hoffnungen und Befürchtungen seiner ostdeutschen Landsleute ebenso wie Geglücktes und verpasste Chancen der Wiedervereinigung prägnant zu benennen, Vorurteile zu hinterfragen und den Blick darauf zu lenken, was künftig noch im Sinne eines weiteren Zusammenwachsens auf der Tagesordnung steht.

„Deutsche Einheit ist und bleibt ein Wunder“

Natürlich gab das Thema der Duderstädter Gespräche vor, einen Blick zurück zu werfen. „Wir kämpften in den Jahren der DDR an einer ideologischen Front“, ruft Wanke ins Gedächtnis. Die Sehnsucht des Menschen nach Freiheit und Wahrhaftigkeit sei in dieser Zeit ausgeblendet worden. „Niemand von uns hat den schnellen und grundlegenden Wandel für möglich gehalten. Dass Deutschland dann letztlich wieder vereint werden konnte, ist und bleibt ein Wunder“, so Wanke.

Hat es sich angesichts dieser Entwicklung gelohnt, das Bistum Erfurt damals für gerade 200  000 katholische Christen zu gründen, griff der frühere Bischof die Skepsis derjenigen auf, die an dieser Entscheidung damals ihren Zweifel hatten. Das sei falsch gefragt. „Wir sind ein Bistum für eine Million Menschen in Thüringen. Das ist die Aufgabe, die uns gestellt worden ist. Und um diese Herausforderung zu meistern, müssen wir klug entscheiden, wo wir unsere Kräfte bündeln.“ Dazu gehöre, Ausschau zu halten nach „Brückenköpfen für unsere Gesellschaft. Meine Vision ist es, Seelsorge und Leibsorge neu zu verbinden, damit es bei uns nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig zugeht.“

„Wir brauchen eine Gesellschaft, die nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig ist“, sagt der frühere Erfurter Bischof Joachim Wanke.

Den Vorwürfen, der Osten Deutschlands sei nach wie vor benachteiligt und werde nicht ernst genommen, könne er sich nicht anschließen. Wanke: „Natürlich hätte man im Nachhinein manches besser machen können. Aber der Neuanfang war eine historische Herausforderung, für die es kein Vorbild gab. Und Bundeskanzler Kohl hat damals ja nicht nur von blühenden Landschaften gesprochen. Dass damit auch Mühe und Arbeit verbunden ist, haben manche eher überhört.“ Bestehende Gegensätze zwischen Ost und West wollte auch Joachim Wanke nicht von der Hand weisen. „Wir sollten sie berücksichtigen und ausräumen, uns aber nicht darauf fixieren.“

Die Kirche in Ostdeutschland müsse lernen, mit ihren neuen Freiheiten verantwortungsbewusst umzugehen, sagte Wanke. „Die Jahrzehnte der Repression hat tapferes Bekenntnis hervorgebracht, ich erinnere hier an die Bausoldaten. Aber es ist besser, dass wir heute unseren Glauben frei leben können – auch wenn wir in vielen Dingen umdenken mussten: vom Religionsunterricht an den Schulen über die staatlich eingezogene Kirchensteuer bis hin, dass in den vergangenen Jahren viele Menschen unsere Gemeinden verlassen haben.“ Gerade dieser letzte Punkt sei eine ernste Frage an die Kirche „Ein demütiges Selbstbewusstsein täte uns gut“, forderte Wanke.

„Historische Chance nur für kurze Zeit“

Klare Standpunkte seien dagegen nötig vor dem Hintergrund, dass viele Menschen in Ostdeutschland extreme politische Aussagen wählen. Wanke: „Wir brauchen Bereitschaft zu Solidarität statt Egoismus, wir brauchen Fairness und Achtung, wir brauchen das Augenmaß der Verantwortungsträger. Und wir müssen die Perspektiven öffnen für die, die eine kulturelle Verengung fürchten.“

Drei ostdeutsche Politiker mit unterschiedlicher Funktion erörterten im Gespräch, wie sie die Deutsche Einheit bewerten. Wurde sie möglicherweise über’s Knie gebrochen? Nein, sagte der frühere Thüringer Minister Klaus Zeh (CDU), heute Oberbürgermeister von Nordhausen. „Für diese einmalige historische Chance hatten wir nur einen kurzen zeitlichen Rahmen. Längeres Warten hätte nur die restaurativen Kräfte gestärkt.“ War die Einführung der Währungsreform verfrüht? Zeh: „Nein, es gab keine Alternative, weil der Wegzug der Menschen verheerend war. Die Währungsreform war für die Wirtschaft ein Desaster, aber politisch war sie auch zu diesem Zeitpunkt die richtige Entscheidung.“

Peter-Michael Diestel (CDU), letzter Innenminister der DDR, zur Frage, ob es für die vereinten deutschen Staaten eine neue Verfassung hätte geben sollen: „Wir haben das beste, schönste, weitsichtigste Grundgesetz, ich bin alternativlos damit zufrieden. Die komplette Verfassung vor 30 Jahren zur Disposition zu stellen, hätte uns völlig überfordert.“

Dem konnte sich auch Gregor Gysi (Die Linke) anschließen – mit einer Einschränkung: „Das Grundgesetz hat eine Schwäche – die Zeit seiner Entstehung. Damals standen die politischen Verhältnisse im Mittelpunkt, nicht die sozialen Rechte. Darüber heute nachzudenken würde sich lohnen.“

Einig waren die drei Politiker allerdings bei einer Einschätzung: „Die Bundesrepublik hätte sich als Sieger durchaus großzügiger verhalten können. Der Osten hatte mehr Errungenschaften als das Ampelmännchen.“