02.10.2019

Christen aus Leipzig-Lindenau schrieben Sonntagsevangelien ab

Die Bibel dringt ins Herz

Über zwei Jahre lang machten es Christen aus Leipzig-Lindenau den Mönchen des Mittelalters nach: Sie schrieben alle Sonntagsevangelien kunstfertig ab. Mancher wohlbekannte Text erschloss sich ihnen dabei tiefer als bisher.

Aufgeschlagene Seiten der drei Lindenauer Bibelhandschriften.    Fotos: Angelika Pohler

 

„Die biblischen Texte sind uns  beim Schreiben nähergekommen“, erzählt Angelika Pohler. Die Leipziger Grafikerin hatte vor mehr als zwei Jahren die Initiative für die Lindenauer Bibel-Handschrift ergriffen. Bereits zum 1000-jährigen Bestehen der Stadt Leipzig im Jahr 2015 hatte sich die Gemeinde an einer Bibel-Abschrift beteiligt. Christen verschiedener Konfessionen hatten damals innerhalb weniger Tage eine komplette Bibel-Handschrift erstellt.
Auch damals war es Angelika Pohler, die bei den Lindenauer Schreibern dazu alle Fäden in der Hand hielt. Dabei hatte sie nicht nur ein Augenmerk darauf, Texte und Kinder-Zeichnungen in harmonischer Abfolge auf die Seiten zu verteilen. Sie sorgte auch dafür, dass die Schreiber sich ähnlich fühlen konnten wie in einer klösterlichen Schreibstube: Bei optimalen Lichtverhältnissen konnte man die konzentrierten Frauen und Männer seinerzeit antreffen, in ruhiger, abgeschirmter Atmosphäre, umweht von inspirierenden Wohlgerüchen und ausgestattet mit dem geeigneten Schreib- und Malwerkzeug.

 

Handwerkliches Geschick als Buchbinderin und künstlerisches Talent als Grafikerin hat Angelika Pohler bei der Fertigstellung des Evangeliars eingebracht.

 

Der Gedanke, diese Erfahrungen weiterzuführen, kam den Gemeindepfarrern zusammen mit Angelika Pohler beim Blick auf den Marienaltar der Lindenauer Liebfrauenkirche. Im Evangeliar, das dort ausgestellt liegt, ist jeweils der Text des aktuellen Sonntagsevangeliums aufgeschlagen. Durch ein selbst gefertigtes und gestaltetes Buch könnte das Wort Gottes an dieser Stelle noch mehr Aufmerksamkeit bekommen, fand die Grafikerin, die zudem gelernte Buchbinderin ist. All ihre beruflichen Kenntnisse, ungezählte hunderte Stunden freiwilliges Engagement und eine Menge Herzblut sind in das Werk eingeflossen, das Pfarrer Thomas Bohne beim Kirchweihfest am 22. September den Gottesdienstteilnehmern präsentierte. Entstanden sind gleich drei Evangeliare – eines für jedes der Lesejahre, die sich nach katholischer Tradition in fortlaufender Folge abwechseln, allesamt eingebunden in edles rotes Ziegenspaltleder. Achtzehn bereitwillige Schreiber haben sich von Mai 2017 an daran gemacht, die Texte zu Papier zu bringen. Jeweils zu dritt fand man sich zwei Stunden lang im „Roten Zimmer“ des Lindenauer Pfarrhauses zusammen, um pa​rallel die zum jeweiligen Sonntag gehörigen Lesungstexte aller Lesejahre abzuschreiben. Angelika Pohler hatte zuvor die Schreibdienste eingeteilt und passende Vierfalz-Bögen ausgewählt von einer Papierqualität, die es erlaubt – ähnlich wie es die Mönche auf ihren Pergamentbögen taten – kleinere Fehler wegzukratzen. Sie hatte jeden der Bögen für das Schreiben vorbereitet und Stifte bereitgestellt, deren Tinte dauerhaft haltbar ist und nicht auf dem Papier zu verlaufen droht. 
 

 

„Gemeinsam macht es noch mehr Freude“
Wie bereits bei der Stadtjubiläums-Bibel wurden viele der Texte durch Kinderzeichnungen illustriert. Rund 120 Zeichnungen entstanden für die drei Bände während Religiöser Kinderwochen und Kinderkatechesen oder durch Sonderaufträge wie den an Pohler-Enkel Josef. Der hatte die Ehre, die Träume seines Namenspatrons ins Bild zu bringen.
„Wie oft habe ich den Kindern im Religionsunterricht erklärt, wie Mönche die Bibel abgeschrieben haben“, erinnert sich Maria Geburek. Nun selbst in der Lindenauer Bibel-Schreibstube mitzuwirken, war für die pensionierte Gemeindereferentin, die angehende Berufskolleginnen jahrelang in der Bibelkatechese ausgebildet hat, ein besonderes Erlebnis. „Die Texte gehen mehr unter die Haut als wenn man sie nur liest“, ist ihr aufgefallen. Beim Schreiben stiegen nicht nur immer wieder Bilder biblischer Schauplätze in ihr auf, die sie bei Israel-Reisen in sich aufgenommen hatte. Sie hatte den Eindruck, manches intensiver zu verstehen. Als Beispiel nennt sie die Geschichte von Zachäus. Wie Jesus „diesen kleinen, möglicherweise sogar ein bisschen verunstalteten Menschen“ in den Blick nimmt, hat sie anhaltend beschäftigt.
Obendrein sei das Schreiben an der Bibel eine schöne Gemeinschaftserfahrung gewesen: „Ich hätte das auch alleine gerne getan, aber gemeinsam hat es noch mehr Freude gemacht – nicht zuletzt wegen der fantastischen Vorbereitung durch Frau Pohler“, findet die 84-Jährige.

Von Dorothee Wanzek